Deutsche Wirtschaft Treuhand: Versuch einer Bilanz

Die Treuhand-Anstalt gehört zu den umstrittensten Institutionen der deutschen Vereinigung. Viele Ostdeutsche werfen ihr den Verlust von Millionen Arbeitsplätzen vor, das Plattmachen hunderter Betriebe. Dreißig Jahre nach Beginn der friedlichen Revolution haben wir uns die Treuhand genauer angesehen. Die Liquidierung großer Betriebe, aber auch erfolgreiche Privatisierungen. Heute wollen wir eine Bilanz wagen. Was kann man der Treuhand vorwerfen? Und wofür wurde sie zu Unrecht gescholten?

Berliner Treuhandanstalt im ehemaligen Haus der Ministerien in der Leipziger Straße, 1991.
Die Treuhandanstalt in Berlin. Im ehemaligen Haus der Ministerien wurden in den frühen 1990er Jahren die volkseigenen Betriebe privatisiert - oder abgewickelt. Bildrechte: dpa

"Verwaltete Illusionen" hat Wolfgang Seibel sein Buch über die Treuhand genannt. Der Politikwissenschaftler sagt, viele hätten sich 1990 etwas vorgemacht. Über den Wert der DDR-Betriebe. Über das Interesse westdeutscher Unternehmer, diese zu kaufen. Und auch darüber, was die Treuhand leisten kann.

Durchwachsene Bilanz

Seibel sagt: "Insofern gab es Privatisierungen, die wurden sehr sorgfältig vorbereitet. Und über die wurde mindestens monatelang, wenn nicht sogar länger als ein Jahr verhandelt. Dass mir nichts, Dir nichts Betriebe platt gemacht wurden, das ist sicher auch vorgekommen. Aber alles in allem muss man fairerweise sagen, dass das die Ausnahme darstellte."

Seibel zieht eine durchwachsene Bilanz. Die Treuhand habe eine nie dagewesene Aufgabe erledigen müssen. Sie habe in kürzester Zeit mehr als 8.000 Großbetriebe privatisiert. Dass da Glücksritter das schnelle Geld suchten, dass da auch Schmiergelder flossen, ist aktenkundig. Und doch, sagt Seibel, hatte die Schließung vieler Fabriken, die Entlassung Millionen Ostdeutscher andere Gründe.

Der Politikwissenschaftler führt aus:

Generell muss man eben daran erinnern, die Wirtschaftsgeschichte der ostdeutschen Bundesländer begann ja nun nicht wie in einer Stunde null am 1. Juli 1990. Sondern es gab ja eine Vorgeschichte von 40 Jahren DDR-Wirtschaftsgeschichte. Und das wird leicht vergessen.

Wolfgang Seibel Politikwissenschaftler und Buchautor

Am 1. Juli 1990 wird in der DDR die D-Mark eingeführt. Löhne und Gehälter werden fortan 1 zu 1 in der neuen Währung gezahlt. Die Betriebe sind aber noch die alten, marode und oft ineffizient. Über Nacht müssen sie nun Produkte herstellen, die in harter Währung bezahlt werden. Das schafften nur wenige, sagt der letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière.

Firma für symbolischen Euro

Er gibt ein Beispiel: "Im Mannsfeldischen wurde Kupfer produziert. Zum Teil wurde da der Abraum aus der Lutherzeit noch mal verhüttet. Da kostete die Tonne Kupfer 135.000 Mark der DDR. Auf den Weltmärkten kostete damals eine Tonne 11.000 D-Mark. Das heißt, in dem Moment, wo ich die Währung eins zu eins umstellte, kostete die Tonne Kupfer immer noch 135.000, aber jetzt D-Mark. Und damit war es sofort aus und vorbei."

Oft bleibt der Treuhand nur die Liquidation. In vielen Fällen bemüht sie sich durchaus um Arbeitsplätze. Wenn Investoren deren Erhalt versprechen, erhalten sie die Firmen mitunter für eine symbolische Mark.

Ostdeutsche fühlen sich betrogen

Noch einmal Lothar de Maizière:

Die DDR-Wirtschaft war auch nicht so wenig Wert wie sie im Nachhinein gesehen wurde. Sie war so viel Wert wie sie im Verbund mit den anderen osteuropäischen Wirtschaften produzieren konnte und Abnehmer fand. Aber eben nicht im Vergleich zu einer westeuropäischen Wirtschaft.

Lothar de Maizière Letzter Ministerpräsident der DDR

Treuhand wird Buhmann

Rechtsanwalt Lothar de MAIZIERE ( letzter Ministerpräsident der DDR ) in seiner Kanzlei
Lothar de Maizière Bildrechte: IMAGO

Doch viele Ostdeutsche fühlen sich betrogen, erinnern an das Wahlversprechen der blühenden Landschaften. Die Behörde muss ständig Kritik einstecken.

Die Regierungskoalition aus Union und FDP wird 1994, wenn auch knapp, trotzdem wiedergewählt. Wolfgang Seibel erklärt: "Diese Kritiklast wurde dann der damaligen Bundesregierung durch die Treuhandanstalt, fast könnte man sagen treuhänderisch, abgenommen. Und darin liegt bis heute eigentlich die besondere, für manche auch bittere Ironie der Geschichte der Treuhand-Anstalt. Die Treuhand-Anstalt wurde zu einem negativen Mythos, einem Buhmann, obwohl sie als solche, als eine Behörde nur sehr enge Spielräume bei ihren Entscheidungen hatte."

Milliarden-Verlust

1994 endet die Arbeit der Treuhandanstalt. Statt Erlöse aus dem Verkauf der DDR-Betriebe zu erzielen, hat sie 250 Milliarden D-Mark Verlust gemacht. Ihr erster Chef, Detlev Carsten Rohwedder, hatte das Volkseigentum auf 600 Milliarden D-Mark geschätzt. Es war eine von vielen Illusionen im Zusammenhang mit der Treuhand.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 20. September 2019 | 05:00 Uhr

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