Was will der Osten? Wie die Ostdeutschen neues Selbstbewusstsein gewinnen

In Ostdeutschland ist ein neues Selbstvertrauen gewachsen. Es geht nicht mehr darum, den Westen nachzuahmen und sich anzupassen. Es geht darum, was die Ostdeutschen an eigenen Erfahrungen in Deutschland einbringen können. Mitbestimmung und Demokratie ist den Ostdeutschen wichtig. Wie auch Dirk Neubauer, Bürgermeister von Augustusburg, der fordert, dass die Kommunen mehr Rechte bekommen müssten, um die Demokratie in Deutschland "zu retten".

wahlplakate augustusburg
Bildrechte: MDR / Hoferichter & Jacobs

Mitbestimmung und Demokratie – auch dafür sind die Menschen 1989 in der DDR auf die Straße gegangen. Auch heute bekennen sich 90 Prozent der Ostdeutschen zu einer demokratischen Gesellschaftsordnung, aber nur 36 Prozent sind damit zufrieden, wie die Demokratie in unserem Land umgesetzt wird. Am meisten Vertrauen haben die Menschen in die Kommunalpolitik - 27 Prozent der Befragten vertrauen kommunalen Politikern, aber gerade mal ein Prozent der Europapolitik.

Vertrauen in Politik
Bildrechte: MDRfragt

Kommunalpolitik stärken

Das liegt auch an solchen Menschen wie ihm - der Bürgermeister der sächsischen Stadt Augustusburg Dirk Neubauer hat ein Credo: Die Menschen vor Ort müssen in die Entscheidungen einbezogen werden, die ihr tägliches Leben betreffen. Die Kommune ist nun einmal der entscheidende Ort für die Demokratie, meint Neubauer: "In der Kommune erfahren Menschen, was Demokratie eigentlich ist: sich einbringen, diskutieren und zu einem Ergebnis kommen, mit dem möglichst viele leben können." Die Kommunen müssten mehr direkt entscheiden können. Nicht als Selbstzweck, sondern damit Demokratie erfahrbar werde und Menschen erlebten, dass sie selber Verantwortung trügen, so Neubauer.

Porträt Dirk Neubauer
Bürgermeister Dirk Neubauer will Bürger wieder stärker in die Entscheidungen einbeziehen. Bildrechte: MDR / Hoferichter & Jacobs

Wir brauchen Entscheidungskompetenz wieder da, wo sie hingehört… Wenn irgendjemand in der sächsischen Aufbaubank oder sonstwo den Daumen senkt, dann passiert das nicht. Dann habe ich zwar einen einstimmigen Stadtratsbeschluss, und kann es am Ende nicht machen, weil irgendjemand sagt: Ihre Demografie sagt, Sie brauchen keinen Sportplatz. Und das hat mit Demokratie an sich überhaupt nichts zu tun. Das ist sogar, streng genommen, das Demokratiefeindlichste, was man machen kann.

Nach sieben Jahren im Amt wurde Dirk Neubauer im September 2020 mit 67 Prozent der Stimmen erneut zum Bürgermeister gewählt, weil er genau das versucht: Nicht mit hohlen Versprechungen Politik machen, sondern Bürgerverantwortung fördern und auch fordern.

"Rettet die Demokratie!"

Anfang April 2021 veröffentlichte Neubauer eine Streitschrift: "Rettet die Demokratie!" Neubauer fordert, dass die Kommunen nicht mehr wie bisher einfach übergangen werden dürfen. Stattdessen müssten den Bürgern künftig mehr Perspektiven eröffnen werden. Dies sei dringend notwendig, weil Menschen sonst den Mut verlören und sich übergangen fühlten: "Das hat im Osten ja eine spezielle Geschichte", sagt Neubauer. Um Selbstwirksamkeit und sinnstiftende Bürgerbeteiligung gehe es ihm, denn nur auf diese Weise schwinde die gefühlte Lücke zwischen "Denen da oben" und "unten", die Populisten so gern nutzten. Neubauer betont aber nachdrücklich, dass es ihm nicht darum gehe, die repräsentative Demokratie abzuschaffen:

Mir geht es darum, dass wir sortieren müssen: Welche Entscheidungen werden künftig wo getroffen?

Dirk Neubauer

Mehr Geld für Bildung

Unzufrieden sind die Menschen in Mitteldeutschland mit der Bildungssituation in ihren Ländern. So könnte man das Ergebnis wohl interpretieren, dass sich 76 Prozent der Befragten wünschen, dass Kindergärten und Schulen stärker bezuschusst werden, noch vor der Stärkung des ländlichen Raums und dem Ausbau von öffentlichen Verkehrsmitteln.

Fördermittel für die Infrastruktur-Entwicklung
Bildrechte: MDRfragt

Das liegt auch daran, dass die Menschen in Mitteldeutschland in den letzten Jahrzehnten vor allem eins erlebten: Schulen und Kindergärten wurden geschlossen, Lehrer fehlten, die jungen Menschen zogen weg. Ein Teufelskreis. Im sächsischen Seifhennersdorf sollte 2012 – vom Land Sachsen angeordnet - die Mittelschule geschlossen werden. Für die Einwohner, die schon mit angesehen hatten, wie ihre Betriebe und Kultureinrichtungen geschlossen wurden, wie der Ort ein Drittel der Bevölkerung verlor, war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Bürgermeisterin Karin Berndt begann, gemeinsam mit Stadtrat und Eltern, sich zu wehren:

Porträt Karin Berndt
Bürgermeisterin Karin Berndt hat es geschafft, dass in Seifhennersdorf die Mittelschule nicht geschlossen wird. Bildrechte: MDR / Hoferichter & Jacobs

Wenn ich eine gut funktionierende Demokratie haben will, muss ich Demokraten großziehen und nicht an Bildung kürzen und an Erziehung, dann geht’s schief.

Sie betrieben die Schule zwei Jahre illegal und gingen bis vor das Bundesverfassungsgericht – am Ende durfte Seifhennersdorf seine Mittelschule behalten. Ein Sieg der Hoffnung über demografische Prognosen: Seit fünf Jahren ziehen jungen Familien wieder nach Seifhennersdorf, auch weil es hier eine Mittelschule gibt.

Je jünger, desto unzufriedener

Unzufrieden mit der Bildungspolitik in ihren Ländern sind vor allem die Teilnehmer der Befragung, die erst nach dem Ende der DDR geboren wurden und das Bildungssystem der DDR nicht kennengelernt haben. Bei der jüngsten Altersgruppe bis 30 Jahre geben fast drei Viertel an, eher unzufrieden bis sehr unzufrieden zu sein.

Unzufriedenheit mit Bildungspolitik
Bildrechte: MDRfragt

Zwei Drittel der Lehrer älter als 50

Sachsen-Anhalts Bildung ist am meisten durch Lehrermangel bedroht: Auch hier haben demographische Berechnungen immer weniger Kinder vorhergesagt. Aber die Vorhersagen traten nicht ein. Im Gegenteil, die Geburtenrate stabilisierte sich. Doch inzwischen kommen auf das Land dramatische Probleme zu, es fehlen junge Lehrer. 65,5 Prozent der Lehrkräfte sind älter als 50 Jahre alt. Einer, der dieses Problem schon lange sieht, ist Thomas Jäger. Er ist Elternvertreter im Bundeselternrat und Initiator eines Volksbegehrens in Sachsen-Anhalt, das die Anzahl der Lehrer an die Zahl der Geburten koppeln soll. 2017 durfte er sein Anliegen sogar vor dem Landtag in Sachsen-Anhalt vortragen, hatte sich das Recht mit knapp 100.000 Stimmen erkämpft. Dass trotz allem nichts passiert, hält Thomas Jäger für eine Katastrophe:

Porträt Thomas Jäger
Thomas Jäger ist desillusioniert - seit Jahren kämpft er für mehr Lehrer in Sachsen-Anhalt und nichts passiert. Bildrechte: MDR / Hoferichter & Jacobs

Diese Lügenmärchen, dieses Spielen mit uns Menschen, das lässt auch viele Eltern verzweifeln. Und wenn man bei solchen Dingen schon scheitert, dann wird man bei Mitbestimmung eigentlich gar keine Lust mehr darauf haben. Das ist eigentlich das Kaputtmachen der Demokratie.

Keine Lust mehr auf westdeutschen Blick

Doch im Osten ist ein neues Selbstvertrauen erwacht - ein Bewusstsein für die eigenen Stärken und der Willen, sich für seine Bedürfnisse einzusetzen. Dazu gehört auch, dass die Ostdeutschen nicht länger hinnehmen wollen, dass die überregionalen, eher westdeutsch dominierten Medien den Blick auf Ostdeutschland definieren. Viele Teilnehmer der Befragung finden, dass es in den Medien eine verzerrte Berichterstattung über den Osten gibt. Mehr als die Hälfte gibt an, dass die überregionalen Medien eher oder größtenteils negativ über Ostdeutschland berichten.

Blick auf Ostdeutschland
Bildrechte: MDRfragt

Die junge Journalistin Valerie Schönian wurde in Ostdeutschland kurz vor der Wiedervereinigung geboren. Sie absolvierte die renommierte Journalistenschule in München und wunderte sich über die Klischees, die sie dort permanent über den Osten Deutschlands hörte:

Porträt Valerie Schönian
Valerie Schönian bei der Vorstellung ihres Buches "Ostbewusstsein" in Magdeburg. Bildrechte: MDR / Hoferichter & Jacobs

Es gab ein paar Jahre, da hat der Osten medial überhaupt nicht stattgefunden und wenn er medial nicht stattgefunden hat, dann fand er einfach in Westdeutschland gar nicht statt.

Für sie war das der Anlass, sich mit dem Osten auseinanderzusetzen. Inzwischen hat sie ein Buch geschrieben: "Ostbewusstein – Warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die Deutsche Einheit bedeutet." Valerie Schönian hat in ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema eine klare Vorstellung entwickelt, was der Osten heute will:

Der Osten will gesehen werden und stattfinden, selbstverständlicher Teil sein von diesem wiedervereinigten Deutschland. Und der Osten will repräsentiert sein und will den Anteil an der Macht haben, der ihm zusteht auf politischer, wirtschaftlicher, auf Diskursebene. Er will auch Teil von der historischen Haupterzählung werden.

MDRfragt - das Meinungsbarometer für Mitteldeutschland Die Befragung vom 01.-05.10.2020 stand unter der Überschrift: Zukunft in den neuen Ländern – Was will der Osten? 18.172 Menschen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben online an dieser Befragung teilgenommen.
Wenn auch Sie Teil der MDRfragt Gemeinschaft werden wollen, um an Befragungen wie diesen das nächste Mal teilzunehmen – melden Sie sich an: unter www.mdrfragt.de

Dieses Thema im MDR-Fernsehen Was will der Osten, 18.11.2020, 20:15 Uhr

Maria und Christian Piechnick, zwei der Gründer des Dresdner Startups WANDELBOTS. 89 min
Maria und Christian Piechnick, zwei der Gründer des Dresdner Startups WANDELBOTS. Bildrechte: MDR

Dieses Thema im Programm: Was will der Osten | 29. April 2021 | 20:15 Uhr

Mehr aus Wirtschaft

Mehr aus Deutschland