Meinung Conrad Clemens: Letzte Generation Ost

Junger Mann
Conrad Clemens ist 1983 in Sachsen-Anhalt geboren. Bildrechte: Florian Gärtner/MDR

I got power, poison, pain and joy - Inside my DNA

Kendrick Lamar


Nicht so einfach, über eine Zeit zu sprechen, die einen geprägt hat: Schnell ist man dabei, persönlich Angenehmes zu verklären, Unangenehmes wegzulassen, Prägendes zu relativieren. Und schon gibt man der Geschichte einen ganz persönlichen Anstrich.

Wissenschaftlich gesehen werde ich der "Dritten Generation Ost" zugeordnet. 3GO ist keine Boygroup oder Terrorgruppe und auch nicht der nächste Mobilfunkstandard. Die Zugehörigkeit ergibt sich dadurch, dass man im politischen Schlussakt eines Staates geboren wurde. Man vermutet bei den von 1975 bis 1985 in der DDR-Geborenen unter anderem eine besondere "Transformationskompetenz". 

Im Januar 1983 in Schönebeck an der Elbe zur Welt gekommen, ist der real existierende Sozialismus für mich in erster Linie erzählte Familiengeschichte: Meine Mutter, nicht die Schlechteste ihrer Klasse, durfte als selbstbewusste Christin in der Oberlausitz kein Abitur machen. Mein Vater wurde aus demselben Grund erst Buchhändler und kam als Wehrdienstverweigerer dann nur über Bildungsumwege zum Theologiestudium in Jena. Ein Onkel war bei den Protesten des Prager Frühlings dabei, ein anderer in der ersten frei gewählten Volkskammer. 

Ich selbst sollte in der ersten Klasse nicht Pionier werden - als einziger in der Klasse! Diese (unfreiwillige!) Auflehnung hat das System anscheinend endgültig ins Wanken gebracht - zwei Monate später war’s vorbei.

Viele DDR-Geschichten. Emotional alles sehr aufgeladen. 

Die Fakten zu 30 Jahren Wiedervereinigung können sich sehen lassen: Das BIP pro Kopf haben die Menschen in den neuen Ländern seit 1990 vervierfacht. Das verfügbare Haushaltseinkommen in Sachsen und Brandenburg liegt mittlerweile über dem im Saarland – weitere Westländer sollen folgen. Die Menschen im Osten leben nicht nur gesünder, sondern auch deutlich länger als noch 1990. Die Demokratiezufriedenheit liegt zwar niedriger als im Westen, aber dennoch bei hohen 80 Prozent. Der Freistaat Sachsen, für den ich arbeiten darf, steht nicht länger als Schlusslicht mit dem Rücken zu einer mittel- und osteuropäischen Wand, sondern schickt sich mit seiner ausdifferenzierten Wissenschafts- und Industrielandschaft im Halbleiter- und Fahrzeugbau sowie bei der Gesundheitsforschung an, wieder technologischer und auch sonst regionaler Partner für unsere östlichen Nachbarn zu sein.

Hinter den Zahlen und Entwicklungen stehen unendlich viele Geschichten, schreckliche Tragödien, herrliche Komödien. Aber gibt es eine einheitliche Erzählung nach der Friedlichen Revolution? Kann es sie geben? Vermutlich bin ich nicht der Einzige, der sich mit einer Antwort darauf schwertut. Genauso, wie es zahlreichen Landsleuten dies- und jenseits von Vogtland, Harz und Elbe schwerfällt, sich in die geschichtliche Ausnahmesituation und die darin abgebrochenen und begonnenen Lebenswege hineinzuversetzen.

Weder erscheint mir vor diesem Hintergrund der Versuch der Wiederbelebung einer ungebrochenen ostdeutschen Identität erfolgversprechend, noch kann ein verharmlosender Blick auf die DDR gutgehen, die Einige als vom westdeutschen Kapitalismus erledigten Versuch der gesellschaftlichen Solidarität mystifizieren.

Prägt uns die Ost-DNA noch heute?

Ich ertappe mich selbst, dass ich mich natürlich freue, dass Ostdeutsche Kanzlerin, Tour de France Sieger oder (erst 2020) Richterin am Bundesverfassungsgericht werden können. Zeit ist’s! Und es bleibt ein notwendiges gesellschaftspolitisches Anliegen - viel mehr noch: eine Notwendigkeit und eine Frage der Vernunft, dass mehr Ostbiografien in der gesamtdeutschen Erfolgsgeschichte erscheinen.

Was mir dabei immer wieder durch den Kopf geht: Wo finden wir "Wendekinder" uns in diesen Entwicklungen wieder? Prägt uns die Ost-DNA noch heute? Hat der 37-jährige "Ossi" wirklich etwas, das der 37-jährige "Wessi", dessen Eltern in den neunziger Jahren nach Dresden gekommen sind, nicht hat? Ist diese Kategorisierung heute für uns überhaupt noch relevant? Wird eine mögliche Ost-DNA weitergegeben oder gibt es eine letzte Generation Ost?

Ich selbst habe in den 30 Jahren nach 1990 ziemlich rastlos in Berlin, Frankfurt/Oder, Dresden und auch lange im Ausland gelebt. Für mich verbindet sich eigenes Erleben mit dem Blick in die Zukunft: Meine Ost-Geschichte ist ein Baustein dafür. Sie ist aber nicht mein Schicksal, weder im Positiven noch im Negativen.

Wir sollten unseren Blick nicht auf die Geschehnisse von 1990 verengen und dieses Jahr zum konstitutiven Zeitpunkt für jedwede Transformation verklären. Sicher, die Wiedervereinigung war eine Zäsur für viele und vieles. Aber gesellschaftliche Wandelprozesse haben auch schon davor ihren Lauf genommen: Die Zahl nicht-ehelicher Bindungen stieg auch schon zur DDR-Zeit, während die Geburtenrate nach unten ging. Der Drang nach demokratischer Beteiligung und Partizipation fanden ja gerade in der Friedlichen Revolution von 1989/90 und auch in den anderen friedlichen Umbrüchen im Ostblock ihren Höhepunkt - und ist auch heute in zahlreichen Ländern noch oder wieder hochaktuell. Oder schauen wir auf die Umwelt- und Klimaproblematik: Erneuerbare Energie, Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit sind offenkundig keine Erfindung des Einigungsvertrages, sicher auch nicht der Grünen (den Begriff der "Nachhaltigkeit" hat der sächsische Oberberghauptmann von Carlowitz bereits vor mehr als 300 Jahren beschrieben, eine Umweltbewegung gab es schon in der DDR und den ersten FCKW-freien Kühlschrank entwickelte die Ost-Firma Foron!). 

Wir haben etwas zu erzählen, das andere so nicht erzählen könne

Umweltzerstörung, Demografie, Rechtsstaatlichkeit, Individualisierung als gesellschaftlicher Stresstest: Das alles sind Herausforderungen, die uns schon länger begleiten. Und mit Corona erlebt quasi die gesamte Welt in seltener Gleichzeitigkeit erneut eine wuchtige Krise, die unsere Wandel- und Anpassungsfähigkeit ziemlich eindeutig auf die Probe stellt.

Und hier kommen wir ins Spiel: Die Erstklässler aus Frankfurt (Oder), Zittau, Bernburg oder Rerik in den letzten Monaten der DDR. Und unsere Transformationserfahrungen. Ob wir aus den Erfahrungen "wandlungskompetenter" hervorgegangen sind? Bleibt abzuwarten! Manch einer hat die Friedliche Revolution nicht verkraftet, aber die allermeisten haben es gut überlebt und einen unschätzbaren Erkenntnisgewinn erlebt: Wir haben etwas zu erzählen, das andere so nicht erzählen können. Es ist wichtig, dass wir uns um eine deutliche Stimme bemühen und dass sie auch gehört wird. 

Es ist wichtig, dass wir die gewonnenen Freiheiten als Chancen nutzen und nicht im Rückblick auf Unfreiheit verharren. Ich freue mich, wenn jede Erzählung aus den Tagen, als unsere Eltern mit uns neue Wege einschlugen, zu mehr Selbstbewusstsein und zur Freude an Beteiligung, an Führung mit Verantwortung und an Veränderung wächst. 

Conrad Clemens arbeitet als Bevollmächtigter des Freistaates Sachsen beim Bund. Zuvor war er Landesgeschäftsführer der CDU Sachsen in Dresden und Bundesgeschäftsführer der Jungen Union in Berlin. Er ist 1983 in Sachsen-Anhalt geboren.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Wir Ostdeutsche - 30 Jahre im vereinten Land | 28. September 2020 | 20:15 Uhr

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