Verkehrswende Fliegen mit Strom, Bahnfahren mit Speiseöl

Neben E-Autos sind weitere Verkehrsmittel wie elektrische Flieger in der Entwicklung: DHL hat zwölf E-Flugzeuge bestellt. Die Deutsche Bahn testet derzeit Bio-Diesel als alternativen Kraftstoff für ihre Züge. Für Deutschlands Verkehrssysteme brechen damit neue Zeiten an!

Wie komme ich von A nach B? Diese Frage stellt man sich nicht nur in Regionen, um die der öffentliche Personennahverkehr einen großen Bogen macht. Damit ist inzwischen der komplette Umbau des Mobilseins gemeint. "Die Tansformation – ich würde sogar Revolution sagen – ist in vollem Gange", meint der Mobilitätsexperte Hans-Peter Kleebinder im Gespräch mit der MDR-Wirtschaftsredaktion.

Hat Deutschland die Verkehrswende "verschlafen" oder kriegen wir noch rechtzeitig die Kurve?

Hans-Peter Kleebinder: Wenn ich heute plane, von München nach Leipzig mit dem Auto zu fahren, kann ich es nicht einschätzen. Die Straßen sind hoffnungslos überfüllt, die Züge sind zu spät. Unser Verkehrssystem ist eigentlich am Kollabieren. Von daher ist der Druck extrem hoch. Dazu kommt eine Autoindustrie, die in den letzten Jahrzehnten zwar extrem erfolgreich war und für Arbeitsplätze und Wohlstand gesorgt hat. Aber ohne Transformation droht der Mobilitätsinfarkt. Seit zwei, drei Jahren hat Deutschland – glaube ich – verstanden, dass es so nicht weitergehen kann.

Der Autoverkehr ist ein besonders sensibler Bereich. Trotz aktuell hoher Spritpreise sind viele aufs Auto angewiesen, vor allem im ländlichen Bereich. Andere wollen sich Freiheit und Autonomie bewahren und auf den PKW – auch als Statussymbol – keinesfalls verzichten. Ist das noch zeitgemäß?

Hans-Peter Kleebinder: Wir haben 48 Millionen Fahrzeuge in Deutschland, die stehen am Tag im Durchschnitt 23 Stunden rum. Es sind also Stehzeuge. Und wenn wir sie nutzen, sind durchschnittlich 1,2 Menschen pro Fahrzeug unterwegs. Das heißt, wir haben eine unglaubliche Verschwendung von Energie und Ressourcen. Ich denke, das können und müssen wir intelligenter gestalten.

Es gibt gute Ansätze, wie zum Beispiel das Carsharing – also dass wir unsere Automobile gemeinsam nutzen. Wir müssen weg von der reinen Konzentration aufs private Auto, müssen neben Vierrädern auch dem Zweirad, auch der Schiene und sogar unseren Beinen eine gleichwertige Bedeutung geben. Durch Corona sind wir diesbezüglich aufgewacht und haben gemerkt, dass wir Mobilität besser gestalten können. So liegt in der Krise auch die Chance, ich glaube die letzte Chance, dass wir hier wirklich umdenken und das gesamte Mobilitätssystem und die "Landschaft" drumherum neu strukturieren.

Hans-Peter Kleebinder
Hans-Peter Kleebinder ist Mitglied im Fachbeirat des Bundesverbands eMobilität (BEM). Bildrechte: IMO (HSG)

Dabei spielen auch neue Antriebssysteme eine entscheidende Rolle. Die Umstellung auf Elektromobilität dominiert den Wandel. DHL will ab 2024 sogar elektrisch fliegen. Batterien statt Kerosin –  ist das machbar und sinnvoll?

Hans-Peter Kleebinder: Wir setzen jetzt sehr stark auf reinen Batteriebetrieb, auf E-Mobilität. Das kann aber nur ein Bestandteil einer umfassenden Änderung sein, die wir brauchen. Von daher glaube ich, ist das eine der vielfältigen Möglichkeiten, um – ja – auch den Flugverkehr nachhaltiger zu gestalten. Da stellt sich allerdings noch die Frage nach der Daseinsberechtigung für Langstrecken –  aufgrund der Batteriekapazitäten im Verhältnis zur Fracht. Ich denke für die Kurzstrecke macht das Sinn – für Zubringer. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass wir dadurch nicht nur die Schadstoffemissionen senken können, sondern auch die Lärmemissionen.

Es ist grundsätzlich wichtig, dass wir jetzt ins Machen kommen und nicht nur Bedenken haben. Wir brauchen eine technologische Vielfalt. Wir müssen alle Antriebsmittel, die es momentan gibt, testen und weiterentwickeln, um insgesamt zu einem besseren Mix zu kommen und umweltfreundlicher unterwegs zu sein.

Apropos Mix: Die Deutsche Bahn testet zur Zeit mit einem Versuchszug einen außergewöhnlichen Kraftstoff. Das Gemisch besteht u. a. aus altem Speiseöl. Mit diesem Biodiesel will man Strecken befahren, die nicht elektrifiziert sind. Gehören auch solche Technologien zur besagten Vielfalt?

Hans-Peter Kleebinder: Das ist für mich eine Zwischenlösung. Langfristig müssen wir weg von fossilen Energieträgern. Aber dort, wo ich nicht elektrifizieren kann, muss ich Brennstoffe umweltfreundlicher machen.

Aus meiner Sicht ist ganz entscheidend, dass die Mobilitätswende nur Hand in Hand mit der Energiewende funktionieren kann. Wir müssen die Sektoren Verkehr und Energie koppeln. Ein moderner Diesel kann heutzutage umweltfreundlicher sein, als ein E-Fahrzeug – wenn die Energie für das Elektromobil aus einem Kohlekraftwerk kommt. Ich bin viel in China unterwegs. Dort ist zum Beispiel in der Stadt Shenzhen die Luft wunderbar sauber. Aber die Schadstoffe wurden einfach nur von der Stadt in ein Kohlekraftwerk weit weg auf dem Land "verlegt". Das ist der falsche Weg.

Andere Wege sind auch nicht auf Anhieb nachvollziehbar: Der Leipziger Straßenbahnhersteller HeiterBlick forscht an einer Tram mit Wasserstoffantrieb. Das wäre die erste "Bimmel" dieser Art in ganz Europa. Warum betreibt man einen solch großen Aufwand für ein Verkehrsmittel, das schon seit über 140 Jahren elektrisch fährt – also ohnehin im Trend liegt?

Hans-Peter Kleebinder: Elektrifizierung ist mit Sicherheit die überlegene Technologie. Eine Straßenbahn ist für mich ein überwiegend städtisches Verkehrsmittel, wo vieles modern ausgebaut und angebunden ist. Aber es wird Fälle geben, wo Elektrifizierung nicht möglich ist – auf vereinzelten Strecken, für die sich der Ausbau nicht lohnt. Insofern sehe ich es positiv, sofern "grüner" Wasserstoff zum Einsatz kommt. Technologisch sind wir da noch weit hinten dran, da steckt noch ganz viel Potential drin. Weltweit sind gerade mal fünf Prozent des Wasserstoffs grüner Wasserstoff. Und nur der macht wirklich Sinn. Das Leipziger Beispiel könnte da Schule machen.

Wie aber wird das grundsätzliche Umdenken Schule machen? Wie überzeugt man eine auf den Individualverkehr fokussierte Gesellschaft von der Mobilitätswende?

Hans-Peter Kleebinder: Wir brauchen ein Miteinander zwischen den verschiedenen Verkehrsmitteln. Wir müssen unsere Automobilindustrie transformieren und alle Fortbewegungsmittel untereinander vernetzen. Da entstehen neue Konzepte und auch Arbeitsplätze. In Leipzig gibt es Nextbike, einen sehr erfolgreichen Fahrradverleiher, der mit Tier fusioniert. Dadurch entsteht Europas größter Mobilitätsanbieter im Bereich Zweirad und E-Scooter. Das heißt, es entstehen erste Chancen in dieser neuen Welt. Und jetzt gilt es, sie zu ergreifen.

Wichtig ist mir noch: Es geht überhaupt nicht darum, das Automobil zu verteufeln. Es geht ja auch um das Thema Faszination, Freude, Freiheit. Das müssen wir uns bewahren, es gehört zu unserer Kultur. Aber ich sage auch, wenn wir jetzt nicht anfangen, das Ganze klüger zu gestalten, nachhaltiger, effizienter – wird es Mobilität in der Form für uns nicht mehr geben.

Quelle: MDR Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau extra | 04. Januar 2022 | 20:15 Uhr

Mehr aus Wirtschaft

Mehr aus Deutschland

Entsorgung von Hausmüll Überfüllte Mülltonnen mit Restmüll stehen für die Abholung am Folgetag bereit. 4 min
Bildrechte: imago images/Gottfried Czepluch
4 min 26.09.2022 | 12:54 Uhr

Um 10 bis 15 Euro pro Jahr könnten die Müllgebühren im kommenden Jahr steigen. Grund ist die von Wirtschaftsminister Habeck geplante CO2-Steuer auf Abfallverbrennung. Wie sinnvoll ist die Abgabe?

MDR AKTUELL Mo 26.09.2022 06:17Uhr 04:02 min

Audio herunterladen [MP3 | 3,7 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 7,6 MB | AAC | 256 kbit/s] https://www.mdr.de/nachrichten/podcast/beste/audio-steuer-abgabe-abfall-muellverbrennung-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio