Nach 9-Euro-Aktion Verkehrsunternehmen fordern bundesweites 69-Euro-Ticket

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen fordert ein dauerhaftes 69-Euro-Ticket als Nachfolger des aktuellen 9-Euro-Tickets. Die Kosten lägen bei jährlich zwei Milliarden Euro. Das FDP-geführte Verkehrsministerium reagierte zurückhaltend. Unterstützung kommt von den Grünen.

Reisende gehen an einem Fahrkartenautomaten der Mitteldeutschen Regiobahn (MRB) auf dem Hauptbahnhof Leipzig vorbei.
Die deutschen Verkehrsunternehmen haben einen 9-Euro-Ticket-Nachfolger vorgeschlagen. Bildrechte: dpa

In der Diskussion um eine Nachfolge für das aktuell angebotene 9-Euro-Ticket hat sich der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen für ein dauerhaftes 69-Euro-Ticket im Öffentlichen Personennahverkehr ausgesprochen. "Die Branche ist in der Lage, ab dem 1. September ein solches Klimaticket anzubieten", sagte Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Der Pauschaltarif soll demnach weiterhin in ganz Deutschland im Nahverkehr und in Regionalzügen in der 2. Klasse gelten.

Verkehrsunternehmen mahnen zur Eile

Anders als das 9-Euro-Ticket würde die 69-Euro-Fahrkarte nicht automatisch auch für bestehende Abonnentinnen und Abonnenten gelten, hieß es. Fahrgäste müssten vielmehr abwägen, welches Abo für sie am besten passt. Wolff mahnte in der laufenden Debatte um eine Nachfolgeregelung zur Eile. "Das muss schnell entschieden werden, wir können nicht bis zum Herbst warten", sagte der Hauptgeschäftsführer.

Die Kosten für das vorgeschlagene Angebot bezifferte Wolff auf jährlich rund zwei Milliarden Euro. Für das laufende Jahr 2022 ließe sich das Geld noch über den Rettungsschirm des Bundes für Verkehrsunternehmen finanzieren - die Länder erhalten dadurch 2,5 Milliarden Euro als Ausgleich für die entgangenen Einnahmen durch das 9-Euro-Ticket. "Für das neue Jahr braucht es dann eine neue Regelung", erklärte Wolff. Zur Finanzierung brachte er ein Investitionspaket ähnlich wie das Milliardenpaket für die Bundeswehr ins Spiel.

FDP-geführtes Verkehrsministerium zurückhaltend

Das Verkehrsministerium reagierte zurückhaltend auf den Vorschlag zur Einführung einer dauerhaften 69-Euro-Fahrkarte. Ein Sprecher von Ressortchef Volker Wissing von der FDP sagte, es gebe ein verabredetes Verfahren, wonach im Herbst Ergebnisse einer Arbeitsgruppe von Bund und Ländern zur Zukunft und Finanzierung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) vorliegen sollen. Wissing hatte mehrfach deutlich gemacht, er wolle erst über Reformen im Nahverkehr sprechen und dann über Finanzierungsfragen. Die Organisation des ÖPNV liege bei den Ländern.

Grüne signalisieren Unterstützung

Grünen-Chefin Ricarda Lang signalisierte grundsätzliche Unterstützung für ein Nachfolgeticket. Über das Modell werde man in der Koalition beraten. Klar sei aber: "Es braucht eine Anschlussregelung, die wie vom Bundesverkehrsminister vorgeschlagen möglichst bundeseinheitlich gilt und dabei günstig ist, also auch sozial." Dabei müssten zwei Ziele gleichzeitig erreicht werden. "Wir wollen ein günstiges Ticket und gleichzeitig die Qualität des Angebots verbessern, das heißt in die Infrastruktur investieren", erklärte Lang in der "FAZ".

9-Euro-Ticket Mit dem 9-Euro-Ticket können Fahrgäste noch bis Ende August für 9 Euro pro Monat im Nah- und Regionalverkehr durch ganz Deutschland fahren. Mit der dreimonatigen Aktion sollen Verbraucherinnen und Verbraucher entlastet und der Umstieg auf Busse und Bahnen attraktiver werden. Im Juni nutzten nach Angaben des Verkehrsverbands 31 Millionen Menschen den Pauschaltarif, darunter zehn Millionen Abonnentinnen und Abonnenten, die das vergünstigte Ticket automatisch erhalten.

AFP, dpa (fef/dni)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. Juli 2022 | 08:30 Uhr

41 Kommentare

ElBuffo vor 9 Wochen

Wie schaut die Pendlerpauschale und die Kfz-Steuer in beiden Ländern aus? In der Schweiz gibt es außerdem noch eine Maut. Sogar für Leute, die dort gar keine Kfz-Steuer zahlen.

ElBuffo vor 9 Wochen

Wieviele Menschen leben auf dem Land und wieviele in den Städten? Nur um in etwa die Relationen im Auge zu haben, ob das überhaupt theoretisch sein kann. Welche Dorfbevölkerung finanziert z. B. den ÖPNV in Hamburg? In welchen Städten zahlt der Dörfler mehr Eintritt als der Städter in kommunal subventionierten Einrichtungen wie Tiergarten, Schwimmhalle oder Theater? Wie ist das bei Briefporto oder Strom oder Wasser oder das Abwasser usw.? Kostet oft auch nicht mehr, obwohl dort viel mehr Netz in Relation zur Menge unterhalten werden muss.
Letztlich ist die Wahl des Wohnortes eine freie Entscheidung. Da werden die Vor- und Nachteile abgewogen und letztere bewusst in Kauf genommen. Wenn die übersehen werden, ist auch nicht gleich der Staat zuständig.
Von einem ÖPNV profitiert der Dörfler doch auch, wenn er mit dem PKW in die nächste Stadt fährt. Die Strecke würde mehr Zeit in Anspruch nehmen, wenn alle ÖPNV-Nutzer stattdessen ebenfalls mit dem PKW fahren würden.

ElBuffo vor 9 Wochen

Natürlich sind die Straßen nicht leer. Ist ja keine Zwangsveranstaltung. Leerer im Sinne von weniger Verkehr und Staus sind sie schon geworden. Da hatten dann die Autofahrer auch unmittelbar etwas davon, wenn sie weniger Zeit und Sprit verplempert haben und mit weniger Leuten um den Treibstoff konkurrieren mussten. Scheint also durchaus für Manchen eine Alternative zu sein, selbst wenn das Ticket 69€ kosten würde. Attraktiver kann Der ÖPNV trotzdem gemacht werden. Das wird in einer hochindividualierten Gesellschaft jedoch an gewisse Grenzen stoßen, da eben nicht für jeden im 5-Minuten-Takt jedes Ziel erreichbar sein wird. Sowas wird sich immer auf mehr oder weniger stark frequentierten Strecken konzentrieren.

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