Verkehrswende Steigende Spritpreise: Alternativen zum Privat-Pkw gewinnen an Bedeutung

Carolin Voigt, Autorin, Redakteurin und Sprecherin
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Deutschland und das Automobil – historisch gewachsen, aber noch zeitgemäß? In Zeiten explodierender Energie- und Kraftstoffpreise rächt sich die über Jahrzehnte geschaffene Abhängigkeit von Pkw und Lkw. Grund genug, die Alternativen zu beleuchten. Denn schon vor der Energiekrise zeichnete sich ein Aufschwung bei alternativen Transportmitteln ab. Zweirad-Hersteller und -Verleiher, aber auch Carsharing-Anbieter in Mitteldeutschland erleben eine rege Nachfrage.

Demonstration auf dem Fahrrad von Fridays for Future Dresden und Verkehrswende Dresden.
Teilnehmer bei einer Fahrraddemo in Dresden: Immer mehr Menschen setzen sich für Verkehrsalternativen zum Auto ein. Bildrechte: imago images/Thomas Eisenhuth

Deutschland wird vom Auto her gedacht und gemacht. In kaum einem anderen Land der Welt hat die Autolobby so viel Einfluss auf die Wirtschaftspolitik. Schaut man in den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung, die sich den Aufbruch in die moderne, digitale und grüne Zukunft auf die Fahnen geschrieben hat, wird das besonders deutlich. Im Gegensatz zu den im Wahlkampf ausgegebenen Zielen stehen dort weiterhin festgeschrieben: Privilegien für Diesel- und Dienstfahrzeuge sowie die Pendlerpauschale. Ein Tempolimit auf Autobahnen sucht man vergebens. Die viel beschworene Verkehrswende scheint also noch in den Kinderschuhen zu stecken.

Politisch und medial geht es diese Woche vor allem darum, wie Autofahrende und Branchen, die von vier oder mehr Rädern abhängen, entlastet werden können. Staatliche Spritpreisrabatte, die für alle gleichermaßen gelten sollen, haben nicht nur für Ärger in der Ampel-Koalition gesorgt. Kritiker des von Finanzminister und FDP-Chef Christian Lindner vorgelegten Modells der "Tankrabatte" befürchten, dass Mineralölkonzerne und Vermögende mit großem Hubraum genauso subventioniert werden wie Einkommensschwache mit Kleinwagen. Angesichts explodierender Spritpreise lohnt sich das Nachdenken über die Mobilitätswende also besonders. Alternative Fortbewegungsmöglichkeiten im Individualverkehr werden immer diverser und erfreuen sich zunehmender Beliebtheit.

Das Fahrrad: Zwei Räder, viele Möglichkeiten

Zu Beginn der Corona-Pandemie hat die deutsche Fahrrad-Industrie einen regelrechten Boom erlebt. Die Menschen zog es nach draußen an die frische Luft, wo die Ansteckungsgefahr sehr gering ist. Die Absatzzahlen gingen weiter nach oben. Doch schon zuvor haben die Fahrradhersteller einen Aufschwung erlebt. Sie profitierten vom Trend zu einer gesunden, aktiven und umweltbewussten Lebensweise.

Zweirad-Verband: anhaltender E-Bike-Boom

Inzwischen ist die Erfolgswelle etwas gebrochen. Die meisten Radel-Willigen sind mit Rädern ausgestattet. Hinzu kommen pandemie- und kriegsbedingte Produktions- und Lieferkettenprobleme. Ersatzteile werden zur Mangelware. Trotzdem war das Jahr 2021 für die deutsche Fahrradindustrie das zweitbeste der vergangenen zehn Jahre. Zwar lag die Zahl der insgesamt verkauften klassischen Räder nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) mit 2,7 Millionen weit unter dem Boom-Jahr 2020 (fünf Millionen verkaufte Fahrräder). Aber die Branche profitiert erneut vom Trend zum E-Bike. Von allen rund 4,7 Millionen verkauften Fahrrädern in Deutschland hatten nach Angaben des ZIV zwei Millionen einen E-Antrieb.

Die sogenannten Pedelecs legten im Vergleich zum Vorjahr (1,95 Millionen) weiter zu. Ihr Anteil an den verkauften Rädern hat sich dem ZIV zufolge von 39 auf 43 Prozent erhöht, der Verband rechnet damit, dass er mittelfristig auf 50 Prozent steigt. 

Für das laufende Jahr rechnet der ZIV mit negativen Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine auch auf die Fahrradbranche. Möglich seien erneut Unterbrechungen der Lieferketten. Schon spürbar seien steigende Preise für Rohstoffe wie Stahl und Nickel, die dazu führen könnten, dass Fahrräder in Deutschland in den kommenden Monaten teurer werden.

Hohe Nachfrage bei Leih- und Mieträdern

Eine Entwicklung von der die Anbieter von Leih- und Mieträdern weiter profitieren könnten. Der 2004 in Leipzig gegründete Fahrradverleiher Nextbike teilte auf Anfrage von MDR AKTUELL mit, im vergangenen Jahr einen Zuwachs bei der Kundschaft um 26 Prozent verzeichnet zu haben. Mehr als 500.000 neue Kunden und Kundinnen hätten sich weltweit registriert. Insgesamt zehn Millionen Fahrten mit einem Nextbike seien gezählt worden.

Nextbike-Räder aufgereiht am Straßenrand.
Der Kurzzeit-Fahrradverleiher Nextbike kommt inzwischen auf eine beachtliche Flotte. Gut 1.000 Räder stehen jeweisl in Leipzig und Dresden, knapp 500.000 sind es in Berlin. Bildrechte: dpa

Durch die Lockerungen der pandemiebedingten Einschränkungen rechnen wir zudem mit einem weiteren Wachstum. Zum Beispiel kann unser Angebot wieder rege von Studierenden genutzt werden. Hier kooperieren wir unter anderem mit der TU Dresden. 

Rieka Beer Pressesprecherin Nextbike

In Dresden verzeichne man ein besonders starkes Wachstum. In der sächsischen Landeshauptstadt habe man im Vergleich zu 2020 zwei Drittel mehr Ausleihen gehabt – insgesamt 780.845. In Dresden kooperiert Nextbike mit den Verkehrsbetrieben. Gemeinsam bieten sie den Dienst Mobibike an. In Berlin waren es nach Unternehmensangaben fast eine Million Ausleihen im Jahr 2021, eine Steigerung um 20 Prozent. In Leipzig stagnierten die Ausleihen bei gut 576.000.

Ein Swapfiets-Fahrrad hängt in der Leipziger Filiale an der Wand.
Ein Swapfiets-Fahrrad hängt in der Leipziger Filiale an der Wand. Charakteristisch ist das blaue Vorderrad. Bildrechte: Lars Tunçay

Auch das niederländische Unternehmen Swapfiets meldet für das letzte Geschäftsjahr Erfolge. Swapfiets bietet inzwischen in zahlreichen deutschen Städten ein Abomodell für Fahrräder an. Für rund 20 Euro im Monat bekommt man ein Rad gestellt. Wartung, Reparatur oder Radtausch sind kostenlos inbegriffen. In Mitteldeutschland gibt es das Angebot in Halle (Saale), Leipzig und Dresden.

Auf Anfrage teilt Swapfiets einen Ansteig der Neuanmeldungen im Februar und März mit. Die Gesamtzahlen seien in diesem Jahr deutlich höher als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Als Gründe nennt das Unternehmen ebenfalls das Ende der Corona-Maßnahmen und die wachsende Beliebtheit von E-Bikes. Man sehe die steigenden Kraftstoffpreise als einen Grund, sich für ein Elektrofahrrad zu entscheiden.

Wir haben in der letzten Woche einen sprunghaften Anstieg der Nachfrage festgestellt. 30 Prozent der Autofahrten in Europa sind kürzer als drei Kilometer, 50 Prozent kürzer als fünf Kilometer. Diese Entfernungen können problemlos mit dem Fahrrad oder E-Bike zurückgelegt werden, was Geld spart und gleichzeitig die Umwelt entlastet.

André Illmer Geschäftsführer Swapfiets Deutschland

Carsharing und Ridepooling auf dem Vormarsch

Nach aktuellen Zahlen des Bundesverbands Carsharing (BCS) erfreut sich das geteilte Auto zunehmender Beliebtheit. Zu Beginn dieses Jahres seien knapp 3,4 Millionen Fahrberechtigte für ein Carsharing-Angebot registriert gewesen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Plus von 18 Prozent. Laut BCS waren von den gut 30.000 Carsharing-Autos rund 23 Prozent elektrisch. Zum Vergleich: Unter allen in Deutschland zugelassenen Pkws sind lediglich rund zwei Prozent Stromer.

Insgesamt gibt es dem Verband zufolge aktuell in 935 deutschen Städten und Gemeinden ein Carsharing-Angebot. Im Vergleich zum Vorjahr kamen somit 80 Kommunen neu hinzu. Auch kleinere Orte verfügen immer häufiger über Carsharing: In insgesamt 772 Orten mit weniger als 50.000 Einwohnern konnten sich Kunden ein Auto zur spontanen Nutzung anmieten.

Vom Bund fordert der Verband funktionierende Förderstrukturen für den Aufbau von Carsharing-Angeboten. Dazu gehörten auch der Ausbau der Ladeinfrastruktur und die Einrichtung ausreichender Stellplätze im öffentlichen Raum.

Dass sich die Nachfrage erhöht hat, bestätigt auch Michael Creutzer, Geschäftsführer der Mobility Center GmbH. Das Unternehmen mit Sitz in Leipzig betreibt den Carsahring-Anbieter Teilauto und das Freefloating-Carsharing Cityflitzer. Die Angebote können in dutzenden Städten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen genutzt werden. Von Minis bis hin zu Transportern sind verschiedene Fahrzeugklassen im Angebot. In ganz Mitteldeutschland stehen 1.350 Fahrzeuge an 700 Stationen zur Verfügung. Deutschlandweit hat das Unternehmen nach eigenen Angaben 60.200 Nutzerinnen und Nutzer.

Eine junge Frau fährt mit einem Mini des Car-Sharing-Anbieters "Teilauto" 2016 durch Leipzig.
"Wir wachsen noch weiter, wenn wir Fahrzeuge bekommen", sagt Teilauto-Chef Creutzer. Die Chipkrise und allgemeine Lieferprobleme lassen das Unternehmen derzeit jedes sofort am Markt verfügbare Auto kaufen. Bildrechte: dpa

Die Nachfrage hat sich deutlich erhöht – unabhängig von der Kraftstoffpreisentwicklung. Diese Auswirkungen kommen bei uns in der Regel erst Monate später an.

Michael Creutzer Geschäftsführer Teilauto/Cityflitzer

Als Gründe für den Wachstumskurs nennt Creutzer, die Corona-Effekte und die damit verbundenen Sicherheitsbedürfnisse, die regionale Orientierung und dass das eigene Auto zunehmend unattraktiver und teurer werde. "Das treibt die Leute zu uns und zu hohen Flottenauslastungen".

On-Demand-Systeme schließen Lücken auf dem Land

Besonders im ländlichen Raum geht es oft nur darum, die sogenannte letzte Meile zu überbrücken. Der Weg von der eigenen Haustür zur nächsten Haltestelle oder zum nächsten Bahnhof ist zu weit, um ihn zu Fuß zurückzulegen. Hier bringen Verkehrsfachleute sogenannte Hubs ins Spiel – also Überbrückungsmöglichkeiten, die ganze unterschiedlich aussehen können. Das reicht von Mitfahrbänken, privaten Mitfahrgelegenheiten, Ruftaxis über Bürgerbusse bis hin zu einer gemeinschaftlich betriebenen E-Auto-Flotte.

Kleinbusse, die bei Bedarf angefordert werden können, haben schon etliche Kommunen in Deutschland erfolgreich integriert. Auch in Mitteldeutschland gibt es erste erfolgreiche Ansätze. So fährt etwa im Wartburgkreis in Thüringen seit rund anderthalb Jahren der Dorfbus, der per Telefon gebucht werden kann.

Ende Januar ist im sächsischen Zwönitz das "Erzmobil" an den Start gegangen. Wochentags zwischen 8 und 16 Uhr bringt ein Elektrobus, der per App geordert werden kann, Zwönitzerinnen und Zwönitzer aus entlegeneren Stadtecken ins Zentrum oder zum Bahnhof. So soll auch der Anschluss an die Städte Chemnitz und Aue verbessert werden.

"Das Projekt wurde bislang gut angenommen", sagt Peter Glumbick, Pressesprecher der Stadt Zwönitz. Voll ausgelastet sei der Bus aber noch nicht. Bislang nutzten das Angebot vor allem Schülerinnen und Schüler. Jetzt wolle man mit speziellen Seniorenveranstaltungen auch ältere Menschen für das Angebot sensibilisieren. Glumbick betont: "Das ist kein reiner Rufbus, sondern eingebunden in den Linien-Bedarfs-Verkehr." Heißt: Als Teil des öffentlichen Nahverkehrs gelten die entsprechenden Tarife und Tickets. Lediglich ein "Komfortzuschlag" von 50 Cent pro Fahrt komme hinzu, wenn man den Bus buche. Das nächste Projektziel sei die Ausweitung der Betriebszeiten in den Abend und auf das Wochenende.

Ein ähnliches On-Demand-Projekt soll Anfang Juni in Dresden eingeführt werden: das Mobi-Shuttle. Ende letzten Jahres hatte der Dresdner Stadtrat grünes Licht für den Bus auf Abruf gegeben. Nach Angaben der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) befinde man sich in der Ausschreibungsphase. Betreiber und Fahrzeuge müssten jetzt gefunden werden.

Quellen: MDR (cvt), dpa, AFP

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 16. März 2022 | 11:30 Uhr

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