Kulturgut in Gefahr Weihnachtsmärkte bald ohne erzgebirgisches Kunsthandwerk?

Die zweite Weihnachtsmarkt-Absage in Folge bedroht Existenzen im Kunsthandwerk. Auch wirtschaftlich stabile Betriebe sehen im Weihnachtsmarkt mittlerweile einen unsicheren Vertriebsweg. Die Märkte könnten so an Attraktivität verlieren. Der Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller fordert hier schnelle Hilfen.

Festlich beleuchtet ist der Weihnachtsmarkt um das Rathaus in Chemnitz am 30.11.2019.
Das Kunsthandwerk macht traditionell den Hauptumsatz in der Adventszeit – und eben auf den Weihnachtsmärkten. Bildrechte: imago images/Uwe Meinhold

Glühwein, Bratwurst und Schmalzgebäck: An diesen Verkaufsständen bilden sich alljährlich die längsten Schlangen. Händler von hochwertiger Weihnachtsdekoration oder handgefertigtem Spielzeug haben es auf dem Weihnachtsmarkt schwerer. Hier wird besonders gern geschaut, aber weniger häufig gekauft. Doch gerade diese Markthütten bringen die weihnachtliche Atmosphäre.

Laut dem Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller jedoch ist dieses Flair bedroht. Dazu Verbandsgeschäftsführer Frederic Günther: "Ohnehin dienen unsere kunsthandwerklichen Aussteller zu oft nur als Dekor für die Glühwein- und Essensstände. Trotzdem waren sie bisher eine wichtige Einnahmequelle. Wenn die Unternehmen künftig Märkte als Vertriebsweg weglassen, wäre das ein großer Verlust für das Kulturgut Weihnachtsmarkt."

Hohe Umsatzausfälle durch Weihnachtsmarktabsagen

Nach den coronabedingten Absagen in den vergangenen zwei Jahren könnten viele Handwerksbetriebe und Händler in Zukunft zunehmend ohne die Weihnachtsmärkte planen und etwa mehr auf den Online-Handel setzen. 20 Prozent der Kunsthandwerkhändler, so Verbandschef Frederic Günther, seien schon in der vorherigen Saison weggebrochen.

Günther stammt selbst aus einer erzgebirgischen Kunsthandwerkerfamilie. Der Vater Tino Günther führt ein Unternehmen in Seiffen, ist sowohl Hersteller als auch Händler. Sein Betrieb mit zehn bis 15 Mitarbeitern macht etwa 70 Prozent des Umsatzes im Dezember um und auf Weihnachtsmärkten. Durch den Wegfall dieser Umsätze entstand im Vorjahr ein Minus beim Jahresumsatz von rund 300.000 Euro.

Hilfen können nicht alle Verluste abdecken

Anspruch auf November- und Dezemberhilfen aus dem Corona-Hilfspaket hatte das Unternehmen von Tino Günther 2020 nicht, da es nicht komplett schließen musste. Durch die Überbrückungshilfe wurden zumindest rund 10.000 Euro an Fixkosten ersetzt. In diesem Jahr rechnet der Seiffener Unternehmer mit Umsatzausfällen von 150.000 bis 200.000 Euro. Seine Weihnachtsmarktstände sind allerdings nur ein Vertriebsweg neben einem stationären Laden, dem Online-Handel und der Belieferung von anderen Händlern. "Unser Unternehmen wird wegen der Verluste auf den Weihnachtsmärkten nicht Pleite gehen. Trotzdem haben wir hohe Einbußen. Von den Umsätzen am Jahresende bezahle ich meine Angestellten auch außerhalb der Verkaufssaison und tätige Investitionen fürs kommende Jahr", erklärt Tino Günther.

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Umsatzausfälle verhindern neue Investitionen

Viele andere Unternehmen hätten nicht die nötigen Rücklagen und bekämen auch kaum Kredite. "Die Saison sei für die meisten so schon nicht ohne Überziehungskredit möglich. Woher soll dazu on top noch ein Kredit kommen?", sagt Tino Günther. Ohnehin kränkelnde Unternehmen seien bereits in der vergangenen Saison ausgeschieden. Jetzt, so der Seiffener, träfe es auch die gesunden. Diese bräuchten die Einnahmen auf den Märkten, um ihr Geschäft am Laufen zu halten.

Fielen die Weihnachtsmärkte aus, brächen Geschäftsstrukturen und Mitarbeiter weg. Dann blieben etwa Aufträge für Hersteller von Vorprodukten aus oder angestammte Saisonkräfte suchen sich eine andere Arbeit. Auch wenn es Tino Günthers Handwerksbetrieb selbst gut geht, spricht er seinen Branchenmitstreitern aus dem Herzen. Diese seien von der Politik enttäuscht. Die kurzfristige Absage der Weihnachtsmärkte in Sachsen stelle einen großen Vertrauensverlust dar.

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Gefragt sind unbürokratische Hilfen

Der geschäftsführende Wirtschaftsminister Peter Altmaier hatte letzte Woche angekündigt, für die von Weihnachtsmarktschließungen betroffenen Unternehmen den Zugang zu Wirtschaftshilfen zu erleichtern. Diese sollen zum Beispiel schneller Anspruch auf Eigenkapital-Zuschüsse haben.

"Viele Hilfen, von denen die Regierung denkt, sie sind nützlich, stehen nicht zur Verfügung, weil viele betroffene Unternehmen gar nicht die Zugangskriterien erfüllen. Besser wäre eine angemessene Pauschale als Hilfe statt etwa die bürokratisch sehr aufwendigen Überbrückungshilfen", sagt Tino Günther dazu.

Auch Unternehmen mit weniger Ausfällen sollte geholfen werden

So kann es sein, dass die Umsatzausfälle eines Unternehmens aufgrund der abgesagten Märkte nicht so hoch sind, dass es das Kriterium für Hilfe-Zuschüsse erfüllt. Zum Beispiel, weil der Betrieb noch andere Vertriebskanäle hat. "Solche Betriebe sind dann eventuell nicht unmittelbar von einer Insolvenz bedroht. Sie werden aber vielleicht auch nicht das dritte Jahr das Risiko eingehen, beim Weihnachtsmarktgeschäft nur Defizite einzufahren. Deswegen müssten auch diese Betriebe Hilfen erhalten. Andernfalls ist Sachsen als Weihnachtsland gefährdet", so Tino Günther. Besser als die bürokratisch sehr aufwendige Überbrückungshilfe wäre für ihn hier eine angemessene Pauschale.

Verband fordert pauschale Zahlungen

Eine pauschale Zahlung, welche auch Umsatzausfälle mit einberechnet, befürwortet auch Verbandsgeschäftsführer Frederic Günther: "Hundertprozentige Weihnachtsmarkt-Unternehmen in unserer Branche erwischt es richtig hart. Die Kunsthandwerkhändler können nicht auf das Angebot des Staates, verderbliche oder Saisonware abzuschreiben, zurückgreifen. Die Überbrückungshilfen helfen vielen Standbetreibern nur bedingt – beziehungsweise gibt es eine Menge, welche gar keinen Anspruch haben. Pauschale Zahlungen gab es bereits 2020 und sie wären auch 2021 nötig, um den Fortbestand der Weihnachtsmärkte für die nächsten Jahre zu gewährleisten."

Entschädigungen für Aufbaukosten?

Dieses Jahr sei Frederic Günther zufolge die Situation schlimmer als 2020, da bereits immense Kosten sowohl auf Seiten der Marktorganisatoren, als auch auf Seiten der Aussteller angefallen sind. "Es muss einen Ausgleich für Kosten geben, die für die Vorbereitung des Weihnachtsmarktes entstanden sind. Da geht es gar nicht um Wirtschaftshilfen, sondern um Entschädigungszahlungen. Der Freistaat selbst hielt bis zum Schluss an der Möglichkeit fest, die Märkte durchzuführen. Die Aussteller hatten Verträge. Den meisten blieb trotz im Vorhinein gestiegener Hospitalisierungsraten nichts anderes übrig als die Stände aufzubauen."

Quelle: MDR Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 30. November 2021 | 20:15 Uhr

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