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Autor Tim Herden kann verstehen, warum Gemeinden auf dem Land Windräder vor der Haustür weniger schön finden. Bildrechte: IMAGO / STAR-MEDIA

Unter der LupeWenn die Energiewende vor der eigenen Haustür steht

von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent MDR AKTUELL

Stand: 01. Mai 2022, 18:59 Uhr

Wahrscheinlich noch im Mai wird Wirtschaftsminister Robert Habeck einen Plan zum beschleunigten Ausbau Erneuerbarer Energien vorlegen. Nicht nur Atom- und Kohleausstieg machen das notwendig, sondern auch das geplante Ende der Abhängigkeit von Gas- und Öllieferungen aus Russland machen das notwendig. Doch gerade die Windkraft könnte dabei im ländlichen Raum auf Widerstand treffen, weil er sich bisher nur für die Betreiber, aber wenig für die Betroffenen auszahlt.

Im Februar verkündete mein Nachbar, er würde sich eine Wärmepumpe in den Garten setzen, um vom fossilen Brennstoff Gas wegzukommen. Der Standort soll direkt an unserem Gartenzaun sein. Bedenken, dass es vielleicht etwas laut sein könnte, wischte er vom Tisch. Es wäre so, als würde sich jemand im Garten unterhalten. Diese Gespräche will man allerdings auch nicht immer hören. Die Berliner Bauordnung verlangt theoretisch für Wärmepumpen einen Abstand zur Grundstücksgrenze von dreieinhalb Metern. Doch die Recherche zeigte schnell, dass die Rechtsprechung in Zeiten der Energiewende diesen Abstand durchaus verkleinert im Sinne der guten Sache. 

Akzeptanz für Erneuerbare Energien auf dem Lande geringer als in der Stadt

Nur um es klar zu sagen: Auch ich bin für weniger Strom aus fossilen Energien. Aber durch die Wärmepumpe in Nachbars Garten konnte ich die Zweifel und Vorbehalte von Menschen in ländlichen Regionen verstehen, deren Dörfer plötzlich von Windrädern umzingelt werden und die Energiewende praktisch vor der eigenen Haustür stattfindet. Was für mich der Krach der Wärmepumpe ist, sind dort Schlagschatten und Schall der Windräder.

Ostdeutschland ist Vorreiter beim Ausbau der Windräder gewesen. Durch die einstige Großfelderwirtschaft der DDR-Landwirtschaft gibt es genügend große Flächen. Vor allem in Sachsen-Anhalt, in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg wurden viele Windräder aufgebaut, bevor die heutigen Abstandsregeln gültig waren.

Wenn man über die neue Autobahn durch das Harzer Vorland um Quedlinburg und Wenigerode fährt oder auf der Ostseeautobahn zwischen Prenzlau und Greifswald unterwegs ist, sieht man Wälder von Windrädern. Ganz im Gegensatz zu den Kammlagen in Bayern oder des Schwarzwaldes, obwohl dort sicher auch genug Wind weht. Neben Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sind Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg die Länder mit den meisten Windrädern. Flächenstaaten wie Bayern und Baden-Württemberg (allerdings auch Sachsen) hängen weit hinterher. Nur langsam bewegt sich in diesen Ländern etwas. Es besteht die reale Gefahr, dass Ostdeutschland nach der verlängerten Werkbank nun auch noch eine "Verspargelung" erlebt, während in Bayern und Baden-Württemberg durch großzügige Abstandsregeln beim Windkraftausbau verschont bleibt.

Da wir uns aber nun als Land auf den Weg gemacht haben, bis zur Mitte des Jahrhunderts nacheinander aus Atom, Kohle und Gas auszusteigen, kommt man um den Ausbau Erneuerbarer Energien wie Windkraft und Photovoltaik nicht herum. Die Bundesregierung rechnet mit einem notwendigen Zubau von jährlich 2.000 Windrädern. So viele gibt es bisher in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt. Es ist also eine ganze Menge, die in unseren Landschaften dazu kommen sollen. Ich bin skeptisch, dass man dieses Ausbauziel pro Jahr erreicht. Dabei sind nicht nur langjährige Planungsverfahren den Windrädern eine Hürde. Es fehlt offenbar auch an Akzeptanz bei den Menschen in den betroffenen Regionen. Denn bisher hatte die große Menge nicht viel von den Windrädern vor der Haustür.

Menschen und Kommunen müssen mehr von den Erträgen profitieren

Vor allem bleibt vom Ertrag der Anlagen zu wenig in den Gemeinden hängen. Gerade in Ostdeutschland profitierten lange Zeit nur die Verpächter der Flächen für die Windräder. Man rechnet so mit einer Monatseinnahme von circa 2.000 Euro pro Windrad. Erst 2021 wurde das Erneuerbare-Energien-Gesetz so geändert, dass Gemeinden am Ertrag der Windräder beteiligt werden. Das bringt pro Windrad je nach Leistung 20.000 bis 40.000 Euro pro Jahr.

Wahrscheinlich wird diese Abgabe zukünftig nicht nur für neue, sondern auch auf bestehende Anlagen ausgeweitet. Das wäre dann schon ein Anreiz für den Ausbau im Umland von ländlichen Gemeinden, weil man das Geld für Kitas, Schulen, Vereine verwenden kann. Davon verspricht sich Sachsens grüner Umweltminister Wolfram Günther starken Rückenwind für den Ausbau der Windenergie. Dringend notwendig in seinem Land. So bestätigt es auch eine Umfrage der Fachagentur Windenergie aus dem letzten Jahr. Dort befürworten 70 Prozent Windenergie vor Ort, wenn für die Kommune angemessene Einnahmen entstehen. Noch größer wäre die Zustimmung, nämlich bei 72 Prozent, wenn die Bürger im Umfeld von Windrädern niedrigere Strompreise zahlen müssten. Man fragt sich, warum die Politik erst so spät auf solche Möglichkeiten der Teilhabe gekommen ist und nicht schon früher gesetzlich festgeschrieben hat.

Wenig direkte Arbeitsplätze durch grünen Strom

Ein anderes Problem ist schwieriger zu lösen: Die mangelnde Wertschöpfung durch Photovoltaik und Windkraft. Tagebaue und Kraftwerke sorgten bisher für Arbeitsplätze in den Regionen. Windräder und Solarpaneele brauchen aber nur wenig Wartung und damit auch kaum Arbeitskräfte. Andererseits zeigt das Beispiel Intel bei Magdeburg, dass bei Investitionsentscheidungen immer mehr auch die Verfügbarkeit von Strom aus Erneuerbaren Energien eine Rolle spielt. Bei Aufträgen aus dem In- und Ausland fragen Geschäftspartner immer öfter CO-freie Produktion und Lieferketten nach.

Das könnte eine Chance für Ostdeutschland sein, wo es bereits viel grünen Strom gibt. Gleichzeitig könnte es mehr Sinn machen, beim Ausbau statt auf viele kleine Anlagen stärker auf leistungsfähigere, aber dafür weniger Windräder zu setzen. Deshalb ist es für mich fraglich, ob man wirklich nur auf die Bereitstellung von zwei Prozent Landfläche für den Windkraftausbau setzt oder nicht vielmehr auf den Ausbau der vorhandenen Anlagen durch Ersatz mit leistungsfähigeren Rotoren. Das könnte auch die Gefahren für die Vogelwelt verringern. Es kann nicht sein, dass die Umwelt den Umstieg auf grüne Energieerzeugung mit einem Verlust an Artenvielfalt bezahlt. So wie in Nachbars Garten.

Da die Wärmepumpe momentan nicht lieferbar ist, hat er nun seine Liebe zur Sonnenenergie entdeckt und seinen Garten mit mobilen Solarpaneelen vollgestellt. Sie können zwar keinen Solarstrom speichern. Doch scheint die Sonne, reicht die Kapazität für eine Waschmaschinen- oder Spülmaschinenladung. Leider standen hohe Büsche der Sonne im Weg. Sie wurden auf ein Mindestmaß gestutzt jetzt in der Blüh- und Nistzeit. Die Bienen kommen nicht mehr. Das Eichhörnchen ist verschwunden. Specht und Amseln sind für den Nestbau in freundlichere Gefilde verzogen. Er sitzt aber gern versonnen neben den Anlagen und pflegt sein gutes Gewissen. Ich höre demnächst nicht nur der Wärmepumpe zu, sondern darf auch auf Solaranlagen schauen. Manchmal fällt es schwer, sich für die Energiewende vor der eigenen Haustür zu begeistern.

MDR AKTUELL

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