Nach Ramelow-Vorstoß Wirtschaft gegen einen harten Lockdown

Thüringens Landeschef Bodo Ramelow fordert einen harten Lockdown, damit die Kontakte auch am Arbeitsplatz reduziert werden. Doch viele Wirtschaftsunternehmen hoffen, dieses Szenario nicht noch einmal zu erleben. Für einen Teil der Firmen standen die Fließbänder im Frühjahr 2020 schon einmal still.

Die Mitarbeiterin Lysann Springer prüft in der Strumpfwerk Lindner GmbH in Hohenstein-Ernstthal einen Strumpf.
Blick in die Produktion vom Strumpfwerk Lindner in Hohenstein-Ernstthal Bildrechte: dpa

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt stetig an. Am Sonnabend meldete das am Karlsruher Institut für Technik angesiedelte Projekt Risklayer 25.819 Neuinfektion und das Robert Koch-Institut 1.083 neue Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus. Was also tun, um die Zahl der Corona-Toten und der Neuinfektionen zu senken? Ein Ort, an dem sich noch Menschen treffen, ist der Arbeitsplatz. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow hatte am Freitag im Interview mit MDR AKTUELL gefordert, wegen der hohen Zahlen auch die Wirtschaft deutschlandweit in den Lockdown zu schicken. Aber was sagen die Unternehmen selbst zum Vorschlag?

Auftraggeber würden dauerhaft verloren gehen

Allein der Gedanke an einen harten Lockdown treibt Heiko Schleip die Sorgenfalten auf die Stirn. Er betreibt in Gotha ein Druckereiunternehmen mit zehn Mitarbeiter. Wenn jetzt alles lahmgelegt wird, könnten sich seine Auftraggeber im Ausland umschauen, befürchtet er. Denn viele kleinere Unternehmen kämpften ohnehin schon ums Überleben, ergänzt Schleip.

Ich sehe die Wirtschaft (…) wie ein großes Getriebe: Da gibt es ein paar ganz große Räder und da gibt es viele kleine Rädchen. (…) Wenn plötzlich viele kleine Rädchen wegbrechen, dann weiß ich nicht, ob das große Getriebe noch so läuft.

Heiko Schleip Unternehmer in Gotha

Keine Einnahmen aber Ausgaben

Das würde wohl auch Unternehmer Thomas Lindner unterstreichen. Der Geschäftsführer des Strumpfwerks Lindner in Hohenstein-Ernstthal erzählt, dass Textil- und Bekleidungsunternehmen schon jetzt erheblich von den Corona-Maßnahmen betroffen seien. Da die Bekleidungsgeschäfte geschlossen seien, könnten die Firmen sie auch nicht mit Ware beliefern. Und selbst wenn er die Produktion stoppe, würden weiterhin Fixkosten anfallen, wie beispielsweise für Versicherungen, für die Instandhaltung oder für Stromkosten.

Das wäre finanziell ein Riesenproblem. Nicht nur für uns, sondern für viele andere auch.

Thomas Lindner Strumpfwerk Lindner GmbH

Der Geschäftsführer der Strumpfwerk Lindner GmbH in Hohenstein-Ernstthal Thomas Lindner.
Geschäftsführer der Strumpfwerk Lindner GmbH in Hohenstein-Ernstthal, Thomas Lindner Bildrechte: dpa

Katzek: Autobranche ist kein Infektionsherd

Auch in der Automobilindustrie sieht Jens Katzek, der Geschäftsführer von Automotive Cluster Ostdeutschland (ACOD), Existenzen gefährdet. Der SPD-Politiker rechnet bei einem Total-Lockdown mit mehr Insolvenzen bei Zulieferbetrieben und befürchtet sogar einen Kollaps der deutschen Industrie. Und das, obwohl zumindest die Autobauer kein Infektionsherd seien, so Katzek:

Die Zahlen zeigen: Wir konnten keine direkte Ansteckung am Band feststellen. Das heißt, die Maßnahmen greifen und insofern dann einen solchen Schritt zu gehen, der sehr, sehr radikal ist und der natürlich auch enorme wirtschaftliche Auswirkungen hat, da sagen wir: Das passt einfach nicht.

Jens Katzek Geschäftsführer von Automotive Cluster Ostdeutschland (ACOD)

Folgen auch für andere Branchen

Wenn in der Autoindustrie die Bänder still stehen, dann hat das Folgen für einen ganzen Wirtschaftszweig, meint Hubertus Bartsch. Er ist Geschäftsführer der Neuen ZWL Zahnradwerk Leipzig GmbH – ein mittelständischer Zulieferer mit mehr als 500 Mitarbeitern in Leipzig. Er könne die Produktion schon stoppen, sagt er, aber das habe dann Auswirkungen über die deutschen Grenzen hinaus.

Und es kostet Geld: Die Verluste lassen sich nicht so einfach innerhalb weniger Wochen wieder auffangen. Das zeigte sich schon im Frühjahrs-Lockdown im vergangenen Jahr, sagt Bartsch. Die Verluste von 2020 spüre die Firma auch in diesem Jahr. Er müsse große Anstrengungen unternehmen, um sie bis zum Jahresende auszugleichen. Käme es zu neuen Verlusten durch einen weiteren Lockdown, könne sie das Unternehmen wahrscheinlich erst bis Mitte 2023 ausgleichen.

Sie ist nicht an- und abzuschalten – die Welt der verknüpften Industrie.

Hubertus Bartsch Neue ZWL Zahnradwerk Leipzig GmbH

Willkommene Pause für Baubranche?

Etwas entspannter sieht man einen möglichen kompletten Lockdown in der Baubranche, die ist an saisonale Schwankungen gewöhnt ist. Der Plauener Bauunternehmer und Präsident des Baugewerbeverbandes Sachsen, Andreas Baumann, kann sich deshalb vorstellen, dass einige Unternehmen einen Total-Lockdown sogar positiv sehen. So seien – wegen der Mehrwertsteuersenkung – viele Aufträge bis Weihnachten abgearbeitet worden

Das hat uns schon ganz schön an den Rand unserer Möglichkeiten gebracht und da könnte ich mir vorstellen, dass viele Unternehmer sagen: Na endlich haben wir mal Ruhe!

Andreas Baumann Präsident des Baugewerbeverbandes Sachsen

Allerdings befürchtet auch Baumann, dass bei einem längeren Wirtschafts-Lockdown ohne staatliche Hilfe erhebliche finanzielle Einbußen zu erwarten wären. Denn je länger die Pause, desto größer die Gefahr, dass Aufträge wegbrechen.

Bauarbeiter auf Großbaustelle
Baubranche hatte bis Ende 2020 gut zu tun Bildrechte: IMAGO

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. Januar 2021 | 06:09 Uhr

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