Blick auf die Mulde
Rund zwei Drittel der Sachsen leben auf dem Land. Bildrechte: dpa

Zahlen Ländlicher Raum in Sachsen

Gut zwei Drittel der Einwohner Sachsens lebt auf dem Land. Doch was ist der ländliche Raum? Wie entwickelt sich die Bevölkerung dort - und wie sieht es auf dem Arbeitsmarkt aus? Zahlen und Prognosen.

Blick auf die Mulde
Rund zwei Drittel der Sachsen leben auf dem Land. Bildrechte: dpa

Ländlicher Raum – was ist das eigentlich?

Im Alltag wird der "ländliche Raum" oft nur mit kleinen Gemeinden und Dörfern assoziiert. Politik und Verwaltung verstehen darunter aber auch mittelgroße und kleine Städte. Demnach gehört in Sachsen alles zum ländlichen Raum, was außerhalb der kreisfreien Städte Leipzig, Dresden und Chemnitz liegt. Von den vier Millionen Sachsen wohnen folglich gut 2,7 Millionen in ländlichen Gebieten – das sind rund zwei Drittel der Bevölkerung.


Wie entwickelt sich die Bevölkerung?

In den kommenden zehn Jahren wird der ländliche Raum rund 174.000 Bewohner verlieren. Das entspricht der aktuellen Einwohnerzahl von Zwickau und Plauen zusammen.

Außerdem altert die Landbevölkerung. Der Anteil der Einwohner unter 20 Jahren sinkt laut Vorausberechnungen des Statistischen Landesamtes in den kommenden zehn Jahren um 3,5 Prozent. Bei den 20- bis 65-Jährigen wird ein Rückgang um rund 15 Prozent erwartet. Am stärksten altert der Landkreis Görlitz. 2027 werden dort 34 Prozent der Einwohner älter als 65 Jahre alt sein und nur 17 Prozent jünger als 20 Jahre.

Es gibt jedoch gegenteilige Trends. So ist die Zahl der Geburten gestiegen. Im Jahr 2016 kamen im ländlichen Raum 22.170 Kinder zur Welt – 731 Babys mehr als zehn Jahr zuvor.

Auch die Abwanderung konnte gestoppt werden. Seit sechs Jahren gewinnt Sachsen Einwohner hinzu. Es gibt aber regionale Unterschiede. Der Erzgebirgskreis, Mittelsachsen, der Landkreis Meißen und die Sächsische Schweiz/Osterzgebirge verlieren laut Zahlen aus 2016 weiterhin Einwohner.


Wie sieht es auf dem Arbeitsmarkt aus?

In den sächsischen Landkreisen schwinden die Arbeitskräfte. Die Zahl der erwerbsfähigen Frauen und Männer im Alter zwischen 15 und 65 Jahren nahm von 2007 bis 2015 im ländlichen Raum um durchschnittlich 13,7 Prozent ab. Die Arbeitsagentur erwartet einen weiteren Rückgang. Nach einer Hochrechnung des Statistischen Landesamtes wird zum Beispiel der Erzgebirgskreis bis 2025 weitere 19,7 Prozent seiner erwerbsfähigen Bevölkerung verlieren.


Hat sich die Polizei aus dem ländlichen Raum zurückgezogen?

Mit Blick auf die Polizeireviere kann diese Frage eindeutig bejaht werden. 2007 gab es im ländlichen Raum noch 45 Polizeireviere. Zehn Jahre und eine große Polizeireform später waren es nur noch 28. Als Kompensation entstanden mancherorts Polizeiposten, in denen teilweise nur noch zwei bis drei sogenannte Bürgerpolizisten sitzen. Die Zahl dieser kleineren Polizeiwachen stieg auf dem Land im gleichen Zeitraum von 82 auf 100. Bei dieser Rechnung haben wir die Polizeireviere und -posten in Meißen, Wilkau-Haßlau, Markkleeberg, Schkeuditz, Coswig und Radebeul den Ballungsgebieten und nicht dem ländlichen Raum zugerechnet.

Die Zahl der Polizisten ist nicht im gleichen Ausmaß gesunken. 2007 arbeiteten im ländlichen Raum 3.224 Polizisten. Zehn Jahre später waren es lediglich 56 Beamte weniger. Fakt ist aber, dass Polizisten aus ländlichen Gebieten in die mittelgroßen Städte verlegt wurden.

Dazu ein Beispiel: Im südlichen Vogtlandkreis waren 2007 an vier Standorten noch 104 Polizisten eingesetzt. Aktuell sind es auf den vier Posten lediglich noch 20. Die Verlagerungen und Fusionen verlängern die Anfahrtswege. Käme es etwa in Bad Brambach zu einem Notfall, bräuchten Polizisten aus dem nächstgelegenen Revier in Plauen ungefähr 40 Minuten, um vor Ort zu sein.


Mangelt es an Hausärzten?

In Sachsen soll ein Hausarzt statistisch knapp 1.700 Einwohner versorgen. In acht Regionen – es handelt sich um spezielle Gebietszuschnitte – gibt es zu wenige Hausärzte. Bei unter 90 Prozent liegt die Versorgung nach offiziellen Angaben in Auerbach, Freital, Hoyerswerda, Marienberg, Reichenbach, Stollberg, Torgau und Weißwasser. Im Bereich Stollberg ist die Hausarztversorgung mit einer Abdeckung von rund 80 Prozent am schlechtesten. Dort arbeiten 41 Hausärzte, 16 Stellen sind derzeit frei. Um das Problem zu lösen, bekommen Ärzte zusätzliche Fördergelder vom Land, wenn sie sich in unterversorgten Gegenden niederlassen.

Allerdings ist der Altersdurchschnitt der Hausärzte im Freistaat insgesamt hoch. Circa ein Viertel der Allgemeinmediziner ist älter als 60 Jahre. 12 Prozent der Hausärzte sind sogar älter als 65.


Wie groß ist die Not in der Pflege?

Die Zahl der Pflegebedürftigen stieg in den vergangenen Jahren stark. 2007 waren pro 1.000 Einwohner statistisch 30,1 Menschen auf Pflege angewiesen. Bis 2017 nahm diese Zahl auf 40,8 zu. Der Anteil der Pflegebedürftigen kletterte damit innerhalb von nur zehn Jahren um 35 Prozent.

Die Landkreise sind von dieser Zunahme besonders stark betroffen. Denn fast drei Viertel der insgesamt rund 167.000 Pflegebedürftigen im Freistaat leben im ländlichen Raum. Das extremste Beispiel dafür: Während im Landkreis Görlitz beinahe 60 Menschen pro 1.000 Einwohner der Pflege bedürfen, sind es in der Stadt Leipzig nur gut 32.

Ein knappes Drittel der Pflegebedürftigen nimmt die Hilfe von ambulanten Pflegediensten in Anspruch. Hier kommt ein weiteres spezifisch ländliches Problem hinzu: Die Patienten wohnen im ländlichen Raum wesentlich weiter auseinander als in der Stadt. So versorgen die ambulanten Pflegedienste in den meisten Landkreisen nur ein bis zwei Patienten pro Quadratkilometer. In Dresden kommen dagegen auf einen Quadratmeter beispielsweise 14 Patienten. Das kostet Zeit, erhöht die Kosten und verschärft die schlechte Lage beim Personal. Denn wie überall in Deutschland, fehlt es auch in Sachsen an Pflegekräften. Mehr als 100 Pflege- und Altenheime im Freistaat verstoßen inzwischen gegen gesetzliche Vorgaben, weil sie nicht genügend Fachpersonal finden.


Wie steht es um den öffentlichen Nahverkehr?

Der Nahverkehr ist weit von den Ansprüchen der Regierung in Sachsen entfernt. Nur 52 Prozent der Sachsen haben Anschluss an das Nahverkehrsnetz. Bis 2025 sollen es 80 Prozent sein. Als "angeschlossen" gilt ein Haushalt, wenn mindestens ein Nahverkehrsangebot im Zwei-Stunden-Takt gemacht wird, welches fußläufig zu erreichen ist.

Vor allem im ländlichen Raum gibt erhebliche Defizite. Oberzentren wie Plauen, Zwickau oder Görlitz verfügen lediglich über ein stadtweites Angebot an Straßenbahnen und Bussen. Die Landkreise konzentrieren ihr Angebot sehr stark auf den Schülerverkehr. Wer mit dem ÖPNV zur Arbeit oder zum Einkaufen möchte, findet nur ein dünnes und nicht aufeinander abgestimmtes Angebot.

Dass der öffentliche Nahverkehr auf dem Land nicht konkurrenzfähig ist, zeigt sich auch anhand der Pkw-Dichte. In Niederdorf im Erzgebirge beispielsweise kommen auf 1.000 Einwohner 743 Autos. In Leipzig sind es mit 389 nur fast halb so viele.


Wie schnell ist das Internet?

Sachsen hat in den vergangenen Jahren aufgeholt. Ende 2010 hatten lediglich knapp 19 Prozent der Haushalte einen schnellen Zugang zum Internet mit 50 Mbit/s. Ende 2017 waren es schon fast 66 Prozent. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 77 Prozent.

Vor allem im ländlichen Gebieten ist der Aufholbedarf dennoch weiter groß. Während in Leipzig mehr als 90 Prozent der Haushalte mit mehr als 50 Mbit/s ins Internet gehen, sind es in den Landkreisen Mittelsachsen, Nordsachsen oder Görlitz jeweils weniger als 50 Prozent.


Macht der Staat Kultur- und Freizeitangebote?

Wie vielfältig das Angebot bei Kultur und Freizeit auf dem Land ist, lässt sich nur annäherungsweise darstellen. Die Zahlen in den folgenden Bereichen deuten darauf hin, dass das Angebot auf dem Land in den vergangenen Jahren nur leicht ausgedünnt wurde.

So ist die Anzahl der Theater in Sachsen seit zehn Jahren konstant, wie der Deutsche Bühnenverein mitteilte. Es gab zwar einige Fusionen, zum Beispiel der Theater in Zittau und Görlitz, aber dabei blieben alle Sparten erhalten. Andererseits ist die Zahl der Spielstätten schon seit langem überschaubar. Aktuell gibt es im ländlichen Raum in Sachsen lediglich fünf Theater mit eigenen Schauspiel- beziehungsweise Musikensembles. In mehreren sächsischen Landkreisen gibt es folglich überhaupt kein Theater.

Eine Besonderheit stellt die Landesbühne Sachsen in Radebeul dar. Sie spielt an unterschiedlichen Stätten, zum Beispiel auch in Rathen in der Sächsischen Schweiz oder in Bad Elster im Vogtlandkreis.

Abgenommen hat hingegen die Zahl der Kinos im Freistaat. Gab es 2007 noch 111 Spielstätten, so sind waren es 2017 nur noch 88. Ebenso gesunken ist die Zahl der Jugendclubs und Jugendräume. Laut statistischem Landesamt gab es 2006 noch 1.234 dieser Jugendeinrichtungen. 2016 waren es nur noch 980.

Konstant wiederum ist die Zahl der Schwimmbäder, wie der sächsische Schwimmverband erklärt. Demnach gibt es zwischen Plauen und Görlitz unverändert 83 Schwimmbäder und -hallen sowie Thermen und Spaßbäder.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 11. Juni 2018 | 05:00 Uhr