Koloniales Erbe Museen sollen Verantwortung für Ausstellungsstücke übernehmen

Noch immer sind in deutschen Museen unzählige Objekte ausgestellt, die aus der Zeit der Kolonialherrschaft stammen. Viele Häuser wissen nicht, wie sie heute mit den teilweise gewaltsam erbeuteten Ausstellungsstücken umgehen sollen. Ein neuer Leitfaden hilft ihnen nun dabei.

Eine Besucherin des Grassi Museums für Völkerkunde in Leipzig betrachtet 2012 eine sogenannte Minkisi-Skulptur.
Eine sogenannte Minkisi-Skulptur im Grassi-Museum für Völkerkunde Bildrechte: dpa

Hunderte afrikanische Pfeile, Speere sowie Trommeln und Munitionsgürtel aus dem frühen 20. Jahrhundert sind im Leipziger Grassi-Museum für Völkerkunde ausgestellt. Sie sind Bestandteil von einer der größten ethnografischen Sammlungen Deutschlands. Doch sie sind auch Teil der brutalen deutschen Kolonialgeschichte. Als "Kriegsbeute" wurden sie nach Aufständen in damaligen afrikanischen Kolonien beschlagnahmt. Mehr als 100 Jahre später könnten sie wieder ihren Weg nach Afrika finden. Angesichts des kolonialen Unrechts prüft das Grassi-Museum, ob die Exponate zurückgegeben werden sollen.

Exponat/Schautafel Don’t Stop - Werkstatt Prolog,  Tasmania
Koloniales Erbe im Leipziger Grassi-Museum Bildrechte: Mo Zaboli/GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig

Hilfe bekommen Museen wie das Grassi-Museum dabei vom Deutschen Museumsbund. Dieser hat einen Leitfaden für den Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialem Kontext veröffentlicht. Am Dienstag wurde das mehrfach überarbeitete Dokument in der dritten und finalen Fassung vorgestellt. Er biete eine Informationsgrundlage für internationale Fachkolleginnen und -kollegen, für Politikerinnen und Politiker sowie für postkoloniale Initiativen, erklärte der Museumsbund. Als "praktische Arbeitshilfe" für den Umgang mit kolonialem Erbe richtet er sich an alle deutschen Museen.

Koloniales Erbe in fast allen Museen

Sammlungsstücke aus kolonialem Zusammenhang "finden sich nicht nur in ethnologischen Museen", sondern in fast allen Museen, betonte Wiebke Ahrndt, Leiterin der Arbeitsgruppe zum Leitfaden und Direktorin des Übersee-Museums Bremen. Allein in ihrem Haus stammten drei Viertel der Ausstellungsstücke aus kolonialen Kontexten. Wie viele derartige Objekte sich insgesamt in den deutschen Museen befinden, konnte Ahrndt nicht beziffern.

Eine bronzene Büste aus dem Königreich Benin.
bronzene Büste aus Benin im Grassi-Museum Bildrechte: IMAGO

Der neue Leitfaden liefert den Museen nun Hintergrundinformationen zur europäischen Kolonialgeschichte, hilft anhand von Beispielen zu erkennen, welche Ausstellungsstücke aus einem kolonialen Kontext stammen könnten und gibt Empfehlungen für den Umgang mit diesen Objekten. Dabei sei der Leitfaden kein verbindliches Regelwerk, sondern ein "Impulsgeber, auf dessen Grundlage Museen eigene Richtlinien für den Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialem Kontext" entwickeln sollen, so Ahrndt.

Die Diskussion über die koloniale Vergangenheit von Museen und deren Sammlungen ist unverzichtbar.

Eckart Köhne, Präsident des Deutschen Museumsbunds

Ziel sei es, "die Aufarbeitung des kolonialen Erbes dauerhaft in den Museen zu verankern", sagte Eckart Köhne, Präsident des Deutschen Museumsbunds. Die Erwerbshintergründe müssen aus seiner Sicht nach neuen Maßstäben beurteilt werden. Dabei gehe es um ethische, nicht um juristische Fragen. "Das ist keine kurzfristige Lösung, sondern ein Prozess", sagte Köhne. Er fordert die Museen auf, zur Herkunft ihrer Sammlungsstücke zu forschen, alle Objekte in einer Datenbank zu erfassen und sie schließlich transparent im Internet zu veröffentlichen.

Austausch statt Schadensersatz

Auch ein dauerhafter Austausch mit den Herkunftsgesellschaften gehöre zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit Objekten aus kolonialen Kontexten. Die viel diskutierte Frage der Rückführung von Ausstellungsstücken spiele dabei für viele Herkunftsgesellschaften gar keine Rolle, sagte Ahrndt. Vielmehr gehe es um Kontakt, Wissensaustausch, Einblicke und Zusammenarbeit.

Kleidungsstück aus Leder
Lederhose im Karl May Museum in Radebeul Bildrechte: Karl May Museum Radebeul

Viele größere Museen verfügen über die Mittel, um im eigenen Haus zur Herkunft der Ausstellungsstücke zu forschen. Um auch kleineren Museen die sogenannte Provenienzforschung zu ermöglichen, fordert der Museumsbund, dass die Träger sowie Kulturpolitikerinnen und -politiker die Häuser dabei finanziell und personell unterstützen. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste mit Sitz in Magdeburg wurde zum diesem Zweck 2019 um den neuen Fachbereich "Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" erweitert.

Zusammenarbeit mit Herkunftsgesellschaften

Der Leitfaden des Museumsbunds wurde von einer interdisziplinären Arbeitsgruppe erstellt und seit vier Jahren immer wieder überarbeitet. Dabei seien auch Expertinnen und Experten aus insgesamt elf Herkunftsgesellschaften wie Alaska, Australien, Neuseeland und Tansania einbezogen worden, erklärte Arbeitsgruppenleiterin Ahrndt. Das Dokument steht auf Deutsch, Englisch sowie Französisch zur Verfügung und wird durch einen E-Reader ergänzt.  

Gefördert wurde die Erstellung des Leitfadens von der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters. Sie dankte dem Museumsbund dafür, dass die Museen mit dem neuen Leitfaden nun eine Hilfe zum Umgang mit ihren Sammlungen bekommen haben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 23. Februar 2021 | 16:15 Uhr

25 Kommentare

Wahrsager vor 5 Tagen

Ein sehr hübsches Beispiel ist der Schatz des Priamos. Geraubt von der Sowjetunion aus Berlin. Vorher nach Berlin geraubt aus... ja von wo eigentlich? Dort wo er lag, war zu der Zeit, als er in die Erde kam Griechenland. Sagen die Griechen. Also Griechisch. Dort wo er aus dem Boden geholt wurde, war Türkei. Sagen die Türken. Also wem sollten wir ihn nun geben, wenn die Sowjets ihn uns nicht abgezogen hätten? Und so wirds mit jeder Menge Ebenholzfiguren aus Afrika auch sein.

Peter vor 5 Tagen

Wachtmeister: "Wen interessiert eine Bronze aus Benin in Benin?"
Einfache Antwort: Die dortigen Bewohner und die zuständige Regierung von Nigeria. Zitat aus wikipedia: "Im August 2019 forderte der Botschafter von Nigeria Yusuf Tuggar im Namen der Regierung explizit die Rückgabe der Benin-Bronzen."

Hallebewohner vor 5 Tagen

Liebe MDR-Mitarbeiter! Während der NS-Zeit wurden im Auftrag von Universitäten Präparate von Körperteilen von KZ-Häftlingen nach deren Ermordung angefertigt. Wurden denn nach dem 2. Weltkrieg in der BRD und der DDR bzw. im vereinigten Deutschland die anatomische Sammlungen von Universitäten, Hochschulen und öffentlichen Schulen nach solch grauenvollen Objekten untersucht? Ich kann mir vorstellen, dass auch der Zentralrat der Juden in Deutschland und der Zentralrat der Roma und Sinti an solchen Informationen interessiert sind, um die Teile dieser NS-Opfer würdevoll zu bestatten. Schließlich basieren solche Sammlungen auch auf Unrecht! Das betrifft auch die anatomische Sammlung der MLU. Wer hat die Kinder jeh um ihre Zustimmung gefragt, die hier als Präparate ausgestellt sind? In so manchen Schulen werden bis heute Föten oder Frühgeburten als Präparate in den Biologiekabinetten aufbewahrt. Wie kam es dazu? War das bei der Präparateanfertigung damals legal?