mdrFRAGT-Mitglieder im Porträt | Bedingungsloses Grundeinkommen Vom Pflegeheim bis zur Geschäftsidee – dafür würden mdrFRAGT-Teilnehmer das Grundeinkommen ausgeben

So weiterleben wie bisher, aber ein bisschen weniger arbeiten. Das wollen viele, wenn es ein Grundeinkommen gäbe, wie aktuelle mdrFRAGT-Ergebnisse zeigen. Andere Befragungsteilnehmer haben ganz konkrete Ideen. Beim Wort „bedingungslos“ gehen die Meinungen weit auseinander. Wir haben mit mdrFRAGT-Mitgliedern über ihre Wünsche gesprochen.

In einem kleinen, verwinkelten Gässchen soll der Lebenstraum von Melanie M. liegen, nicht zu hell soll er sein und am liebsten holzgetäfelt. Die 30-Jährige macht gerade eine Ausbildung bei einem kleinen Verlag in Leipzig und würde mit einem bedingungslosen Grundeinkommen sofort einen kleinen Buchladen aufmachen.

Das war einfach schon immer mein Traum. Ich würde versuchen, mit dem Einkommen die möglichen Verluste anfangs auszugleichen und müsste mich nicht bei einer Bank verschulden.

Ihr Sohn sei mit einem Herzfehler auf die Welt gekommen, sie kümmere sich viel um ihn, daher könne sie auch nicht voll arbeiten. Ihren vollen Namen wolle sie nicht veröffentlicht wissen, sagt sie. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, sagt sie, würde ihre Situation von heute auf morgen verbessern.

Meine Familie und ich würden einfach nicht mehr jeden Euro umdrehen, wir würden ein bisschen leichter durchs Leben gehen, glaube ich. Beim Hackfleisch einfach zum teureren greifen, als nur das im Angebot zu nehmen.

mdrFRAGT-Teilnehmerin Melanie M.

M. hat eine klare Vorstellung davon, wie hoch das Grundeinkommen sein sollte. „Nicht weniger als 1200 Euro, aber auch nicht mehr als 1700 Euro. Damit kann man gut leben, aber der Anreiz, weiter zur Arbeit zu gehen und etwas zurück zu geben, wäre immer noch groß genug.“ Grundsätzlich sei sie zufrieden, sagt sie, aber ein Grundeinkommen würde sie eben sofort in ihren Lebenstraum umsetzen.

Grundeinkommen für die Pflege von Angehörigen

Rainer Schmidt
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Völlig anders ausgeben würde ein mögliches Grundeinkommen Rainer Schmidt aus Gardelegen: "Meiner Familie und mir geht es gut, wir haben unser Auskommen und brauchen nicht viel mehr. Deshalb würde ich das Grundeinkommen in die Pflege meiner kranken Mutter stecken. Ich möchte, dass sie die gute Pflege bekommt, die sie verdient hat", sagt der Familienvater. Mit dieser Idee ist Rainer Schmidt nicht allein. Viele mdrFRAGT-Mitglieder haben konkret geschrieben, für welchen Angehörigen sie das Geld in die Pflege stecken würden. Rainer Schmidt hat vor Jahren ein Haus gebaut und lebte lange mit seiner kleinen Familie und seiner schwer kranken Mutter zusammen. Die musste in ein Heim.

Meine Mutter hat jahrelang in unserem Haus gewohnt. Doch heute wird mir das zum Verhängnis, weil ich ihr Pflegeheim finanziell so unterstützen muss, als würde sie noch hier wohnen. Dieses Geld fehlt uns natürlich. Deshalb würde ich das Grundeinkommen genau dafür ausgeben.

mdrFRAGT-Teilnehmer Rainer Schmidt aus Gardelegen

Wichtig für ihn zu betonen ist, dass er kein bedingungsloses Grundeinkommen wollen würde. „Auch wenn das diskutiert wird, ich finde nicht, dass das Grundeinkommen bedingungslos sein sollte. Menschen, die wirklich nicht mehr arbeiten können, sollen davon profitieren. Aber jeder, der noch ein bisschen was leisten kann, sollte aus meiner Sicht erstmal der Gesellschaft etwas zurückgeben.“

Das sieht auch Andrea Ebert so. Die 54-Jährige aus Chemnitz sagt, sie hat starke gesundheitliche Probleme:

Ich selbst würde gerne nach einer schweren Krankheit und vielen OPs wieder arbeiten gehen, schaffe es aber nicht. Deshalb kann ich mir nur wenig leisten. Ich würde gerne mal wieder ins Kino gehen oder einfach schön essen in ein Restaurant. Dafür würde ich das Grundeinkommen ausgeben.

mdrFRAGT-Teilnehmerin Andrea Ebert aus Chemnitz
Eine Frau auf einem Sofa mit einer Katze 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Deshalb findet sie: „Nur, wer auch eine bestimmte Zeit gearbeitet hat, sollte Anspruch auf das Grundeinkommen haben“. Denn, so die Mutter, „aus meiner Sicht würden Menschen, die keine Lust haben, zu arbeiten, mit dem Grundeinkommen bevorzugt werden. Das finde ich nicht richtig. Jeder der arbeiten gehen kann, sollte das auch tun.“

Durch Grundeinkommen ein Museum eröffnen

Anders sieht das der Soldat Marc Meißner. Der Offizier studiert an der Universität der Bundeswehr in München und hat seine Heimat in Bitterfeld. Er glaubt, die Prioritäten jedes Einzelnen würden sich durch ein bedingungsloses Grundeinkommen verändern: "Viele Menschen sind durch ihren Beruf so eingespannt, dass keine wirkliche Zeit für ehrenamtliche Arbeit bleibt. Das Grundeinkommen könnte das ändern und würde unser gesellschaftliches Miteinander verbessern. Davon bin ich überzeugt."

Marc Meißner
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der 23-Jährige schreibt gerade in Bitterfeld an seiner Masterarbeit zu Amateurfilmern und –Künstlern aus der DDR-Zeit in der Region lässt sich gerne mit seinem Trabant fotografieren und engagiert sich für die Erhaltung des Kulturpalastes in Bitterfeld. Seiner Leidenschaft für besondere Gegenstände aus der DDR-Zeit würde er mit einem Grundeinkommen gerne in ein Museum oder eine Ausstellung nachgehen.

Ich habe in einem Nachlass eine Plakette von Amateurfilmtagen in Bitterfeld aus den 1970er Jahren gefunden. Darüber will ich mehr wissen und vielleicht auch etwas Kleines dazu ausstellen, weil ich glaube, dass es den Menschen hier vermitteln würde, wie vielfältig und kreativ wir hier eigentlich sind. Doch dafür brauche ich Zeit und Geld. Beides würde mir das Grundeinkommen bieten können.

mdrFRAGT-Teilnehmer Marc Meißner aus Bitterfeld

Solche Kleinode auszustellen, sei heute sonst nicht möglich, so der Offizier der Bundeswehr. „Das größte Hindernis heute ist, dass jede Unternehmung erstmal rentabel sein muss. Sei es ein kleiner Kulturverein oder ein Museum. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde helfen, den Raum und die Zeit zu schaffen, zum Beispiel in seiner Region sich mehr gesellschaftlich zu engagieren.“ Das würde ihm sowohl bei Kulturveranstaltungen, als auch in seinem Sportverein gespiegelt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 04. August 2020 | 20:15 Uhr