Ein Jahr Corona Von bedrohten Existenzen und Gewinnern in der Corona-Krise

Novemberhilfe, Überbrückungsgeld, Kurzarbeit: Die Politik versucht mit verschiedenen Instrumenten, die finanziellen Auswirkungen der Coronakrise abzufedern. Nicht immer erfolgreich. Doch welchen Einfluss hat die Pandemie auf das Einkommen Einzelner? Wir haben mit MDRfragt-Mitgliedern darüber gesprochen.

Detlef Ewe vor seinem Imbiss in Aschersleben
MDRfragt-Teilnehmer Detlef Ewe vor seinem Imbiss in Aschersleben Bildrechte: Detlef Ewe

Gerade kommt ein Taxifahrer rein. Der Mann ist Stammgast bei Detlef Ewe. Der 60-Jährige betreibt in Aschersleben einen Imbiss. Er verkauft Pommes, Bulette und Currywurst. Viele Gäste sind ihm nicht geblieben, seitdem alle Restaurants und Gaststätten schließen mussten. Es ist gerade nicht die Zeit, in der Menschen in Gesellschaft etwas essen können. Die Laufkundschaft bleibt ganz aus. Geblieben sind einige Stammkunden. Auf 50 Prozent schätzt der Wirt seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahr. Detlef Ewe ist ein Krisenverlierer. Der Taxifahrer legt ihm jetzt immer einen Groschen mehr hin.

MDRfragt-Ergebnis: Finanzielle Situation hat sich bei fast einem Fünftel verschlechtert

So wie dem Imbissbesitzer geht es vielen Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Bei einer Befragung des Meinungsbarometers MDRfragt gab rund ein Fünftel an, momentan finanziell schlechter dazustehen als vor der Pandemie. 15 Prozent der mehr als 25.000 MDRfragt-Mitglieder, die sich an der Befragung beteiligt haben, führten ihren Einkommensverlust direkt auf die Coronakrise zurück. Doch es gibt auch gute Nachrichten. Bei etwa zwei Dritteln ist die persönliche finanzielle Situation im Vergleich zum Vorjahr gleich geblieben. 13 Prozent stehen eigenen Aussagen nach sogar besser da, einige davon profitierten sogar direkt von der Krise.

Finanzielle Situation im Vergleich zu vor einem Jahr
Bildrechte: MDRfragt

Corona brachte Job-Möglichkeit

Eine davon ist Katja Wedel. Die Chemnitzerin kümmert sich zuhause um ihr Kind, das eine Behinderung hat. Deshalb kann sie nicht außerhaus – und deswegen keiner Arbeit nachgehen. Mit der Coronakrise hat sich das geändert. „Im Dezember habe ich eine Stellenausschreibung für eine Impfhotline gelesen“, erzählt sie. Die Hotline funktioniert über das Internet. Katja Wedel wurde angenommen und kann nun nebenher von zuhause aus 20 Stunden in der Woche arbeiten. Der Job ist zwar erst einmal auf sechs Monate befristet. Aber in dieser Zeit kann sich die Mutter etwas dazu verdienen und ist trotzdem für ihr Kind da.

Wenig finanzielle Veränderungen bei Beamten, Rentnern und Festangestellten

Viele Menschen – 65 Prozent in der Befragung – sind finanziell überhaupt nicht von der Krise betroffen. Sie haben Einnahmen in etwa der gleichen Höhe wie vor einem Jahr. Und sie berichten davon, dass sie aufgrund der zahlreichen Einschränkungen derzeit weniger Geld ausgeben können. Somit bleibt am Monatsende sogar mehr übrig, als etwa in den Monaten, in denen es keinen Lockdown gab. Vor allem Beamte, Beschäftigte im öffentlichen Dienst und viele Festangestellte spüren wenig finanzielle Auswirkungen. Eine weitere große Gruppe ohne Einkommensverluste sind die Rentner und Pensionäre. Auch ihretwegen ist die Gruppe derer MDRfragt-Mitglieder, deren Situation in den vergangenen Monaten gleichgeblieben ist, so groß ist.

"Unsere Rente ist ausreichend"

Das trifft zum Beispiel auf Elvira Riedel zu. Die 70-Jährige lebt zusammen mit ihrem Mann in Weimar. „Wir haben ein langes Berufsleben hinter uns“, berichtet die ehemalige Lehrerin. Wegen einer Krankheit sei sie bereits vor etwa zehn Jahren in den Ruhestand gegangen, ihr Mann vor vier Jahren. „Unsere Rente ist immer gleich, sie ist ausreichend und wir sind zufrieden“, fasst die Thüringerin ihre finanzielle Situation zusammen. Im Vergleich zu vielen anderen gehe es ihnen gut. Ihre Kinder und Enkel hingegen wären teilweise in Kurzarbeit. „Aber wir helfen uns in der Familie gegenseitig“, sagt Elvira Riedel. Und alles was sie jetzt nicht ausgeben können, möchten sie für Reisen verwenden – wenn es wieder möglich ist.

Faktisches Berufsverbot in der Pandemie

MDRfragt-Mitglied Ralf Sattler spürt die finanziellen Einbußen als freiberuflicher Musiker deutlich.
MDRfragt-Mitglied Ralf Sattler aus Ranis spürt die finanziellen Einbußen als freiberuflicher Musiker deutlich. Bildrechte: Ralf Sattler

Ralf Sattler würde sehr gern etwas Geld zurücklegen können. „Aber ich habe seit April faktisch Berufsverbot“, sagt er. Sattler ist freiberuflicher Musiker, doch Musik kann der Mann aus Ranis in Thüringen schon lange nicht mehr machen. Die Veranstaltungen sind abgesagt, seine E-Gitarre hat schon lange keine Bühne mehr gesehen. Sattler arbeitet nun ausschließlich als Hausmeister, sechs Stunden am Tag. „Das hatte ich mal vor der Krise als Nebenjob angenommen“, erzählt der MDRfragt-Teilnehmer. Mit seiner Bank konnte er niedrigere Kreditraten aushandeln, die Kreditkarte hat er aufgrund der Grundgebühr abgegeben. „Im Augenblick sehe ich pessimistisch in die Zukunft“, sagt der Gitarrist. Vor allem für seine musikalische Zukunft sehe er schwarz. Vor allem viele Freiberufler und Soloselbständige aus der Kulturszene leiden unter den Einschränkungen der Coronakrise. Für Ralf Sattler sind sie diejenigen, die zuerst mit dem Arbeiten aufhören mussten und erst als letzte wieder beginnen können. An staatliche Hilfen heranzukommen sei nicht einfach.

Mit Kurzarbeit durch die Krise

Viele Programme greifen nicht, so wie etwa das Kurzarbeitergeld. Davon können Unternehmen mit Angestellten Gebrauch machen. So wie bei Mario Forker aus Crawinkel bei Gotha. Der 51-Jährige arbeitet bei einem familiengeführten Schraubenhersteller und fühlt sich dort auch in der Krise sehr gut versorgt.

Mario Forker musste trotz Kurzarbeit finanziell zwar nichts einbüßen, blickt aber dennoch sorgenvoll in die Zukunft.
MDRfragt-Teilnehmer Mario Forker aus Crawinkel musste trotz Kurzarbeit finanziell zwar nichts einbüßen, blickt aber dennoch sorgenvoll in die Zukunft. Bildrechte: Mario Forker

„Da bin ich wirklich stolz drauf“, sagt der ehemalige Handwerker. Er arbeite nun seit 2015 in der Industrie und sein Arbeitgeber verhalte sich sehr loyal. Als die Auftragslage im ersten Lockdown schlechter wurde, wurden zwar er und seine Kollegen in Kurzarbeit geschickt. Aber die Firma habe die Lohneinbußen voll ausgeglichen. Somit habe sich seine persönliche finanzielle Situation nicht geändert. Trotzdem blickt der Thüringer nicht positiv in die Zukunft. „Man weiß nie, welche äußeren Umstände dem Arbeitgeber die Hände binden können“, sagt Mario Forker. Das hänge auch von der Länge der Pandemie ab. Und er sehe bei vielen seiner Bekannten, die selbständig sind, wie sie mit der aktuellen Situation zu kämpfen haben.

Über die Befragung Die Befragung mit dem Titel "Corona-Regierungskurs - zielstrebig oder ziellos?" lief vom 22.-25.01.2021.

Insgesamt sind mittlerweile 38.855 registrierte Mitglieder aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Teil der MDRfragt-Gemeinschaft (Stand: 25.01.21). An der Befragung haben 25.137 Menschen teilgenommen.

Verteilung nach Altersgruppen:
16 bis 30 Jahre: 486 Teilnehmende
31 bis 50 Jahre: 4.311 Teilnehmende
51 bis 64 Jahre: 10.511 Teilnehmende
65+: 9.829 Teilnehmende

Verteilung nach Bundesländern:
Sachsen: 12.900 (51 Prozent)
Sachsen-Anhalt: 6.092 (24 Prozent)
Thüringen: 6.145 (25 Prozent)

Verteilung nach Geschlecht:
Männlich: 53 Prozent
Weiblich: 47 Prozent

Die Befragungen sind nicht repräsentativ, aber sie werden nach statistischen Merkmalen wie Geschlecht, Bildung und Alter gewichtet. Die Gewichtung ist eine Methode aus der Wissenschaft bei der es darum geht, die Befragungsergebnisse an die real existierenden Bedingungen anzupassen. Konkret heißt das, dass wir die Daten der Befragungsteilnehmer mit den statistischen Daten der mitteldeutschen Bevölkerung abgleichen.

Wenn also beispielsweise mehr Männer als Frauen abstimmen, werden die Antworten der Männer weniger stark, die Antworten der Frauen stärker gewichtet. Die Antworten verteilen sich dann am Ende so, wie es der tatsächlichen Verteilung von Männern und Frauen in der Bevölkerung Mitteldeutschlands entspricht.

Dabei unterstützt ein wissenschaftlicher Beirat das Team von "MDRfragt". Mit dem MDR Meinungsbarometer soll ein möglichst breites Stimmungsbild der Menschen in Mitteldeutschland eingefangen werden – mit möglichst vielen Teilnehmenden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Aktuell | 26. Januar 2021 | 21:45 Uhr