Max aus Weimar im Auslands-Schuljahr (Teil 1/4) Mein erster Schultag in der Ukraine

Der 15-jährige Maximilian aus Weimar verbringt das nächste Schuljahr in der Ukraine. Hier erzählt er, was ihn dazu bewogen hat und welche Überraschungen die ersten Tage - inklusive Schulbeginn - für ihn bereitgehalten haben.

Schüler laufen durch ein Tor aus Luftballons.
Der erste Schultag des Jahres ist in der Ukraine ein großes Fest und wird gemeinsam zelebriert. Mit dabei war diesmal Maximilian aus Thüringen, der für ein Jahr die achte Klasse im ukrainischen Tscherkassy besuchen wird. Bildrechte: Maximilian Hertel

Darf ich mich vorstellen: Ich bin Max aus Weimar und bis zu den Ferien war ich ein ganz normaler Schüler des dortigen Goethe-Gymnasiums. Ich hatte durchschnittliche Noten, durchschnittliche Lust zu Lernen und lebte gemütlich und gut umsorgt vor mich hin. Genau das alles habe ich jetzt erst einmal hinter mir gelassen. 

Neues Kennenlernen und viel Kicken

Seit Montag bin ich Schüler einer 8. Klasse in einer ukrainischen Realschule. Aber Ukrainisch spreche ich nicht, noch nicht. Warum bin ich also auf diese wahnwitzige Idee gekommen? Eine Erklärung ist meine Familie: Mein Vater ist Ukrainer und meine Mutter, die mit in die Ukraine zieht, ist Russisch-Dolmetscherin mit vielen Kontakten in das Land.

Eine weitere Erklärung: Ich möchte meine zweite Heimat kennenlernen und ich möchte ganz viel Fußball spielen. Und das darf ich hier in einem örtlichen Jugendteam mit angeschlossener Akademie. Und so ging das Abenteuer Ukraine also für mich nach ein paar Monaten Planung vorige Woche endlich los.

Weimar - Frankfurt – Kiew – Tscherkassy

Ich bin erst einmal von Frankfurt nach Kiew geflogen, meine Mutter kam mit dem vollbepackten Auto nach. Den ersten Abend und nächsten Tag habe ich bei meinem erwachsenen Halbbruder in Kiew verbracht. Erste Erkenntnis: So eine Millionenstadt ist nichts für mich. Das sind einfach zu viele Menschen und zu lange Wege für mich.

Dann ist meine Mutter nach zwei Tagen Fahrt mit dem Auto angekommen und wir sind weiter in die Stadt, die das nächste Jahr meine Heimat ist: Tscherkassy, eine kleinere Großstadt mit fast 300.000 Einwohnern am Ufer des Flusses Dnepr. Das Wochenende durfte ich dann auch nochmal am Strand faulenzen. Aber am Montag war es dann soweit - ich erlebte meinen ersten Schultag.

Freundliche Worte auf Englisch

War ich aufgeregt? Natürlich. Aber auch neugierig, gespannt und angespannt. Vor meinem inneren Auge spielten sich verschiedene Szenarien ab. Ich werde akzeptiert oder auch nicht. Keiner versteht mich, mein Englisch reicht nicht oder deren Englisch reicht nicht, um sich zu verständigen. Aber nun gab es kein Zurück mehr.

Die Klassenlehrerin begrüßte mich schon auf dem Schulhof kurz auf Englisch und brachte mich zu meinen neuen Mitschülern. Ein paar Worte von ihr und ich gehörte zur Klasse 8b. Dann folgte auf dem Schulhof die traditionelle feierliche Schuljahreseröffnung, das "Erste Klingeln", wie man hier sagt.

Feierliche Begrüßung und viele Fragen

Die meisten trugen ukrainische Nationalkleidung, besticktes Hemd oder Blusen. Viele Jungs waren im Anzug gekommen und viele Mädchen in kurzen Röcken und auf hohen Absätzen.

Alle gemeinsam begrüßten wir die Erstklässler und es wurde die Schulhymne gesungen, mit einer Glocke geklingelt und dann marschierten alle Klassen durch einen Bogen aus bunten Luftballons, das "Tor des Wissens".

Gruppe von Mädchen und Jungen vor einem Schulgebäude.
Trachten, Anzüge und kurze Röcke: Maximilians neue Klassenkameraden haben sich für das "Erste Klingeln" herausgeputzt. Bildrechte: Maximilian Hertel

Es stellte sich dann heraus, dass meine Klassenlehrerin auch meine Englischlehrerin ist. Sie hat mich einfach wie einen ganz normalen Schüler behandelt. Ich sitze jetzt neben Semjon, der sich viel Mühe gibt, mir zu erklären, wie hier alles abläuft.

Überhaupt sind alle Mitschüler sehr höflich, hilfsbereit und neugierig: Woher kommst Du und warum bist Du hier hergekommen? Wie gefällt Dir die Ukraine? Welche Hobbys hast Du? Und: hast Du eine Freundin? Diese Fragen musste ich heute zig Mal beantworten.

150 Wörter pro Minute

Der größte Stress war dadurch gleich weg und die meisten sprachen doch verständliches Englisch. Aber die ersten Unterrichtsstunden waren eine echte Herausforderung! Vor mir eine Lehrerin, die gefühlt 150 Wörter pro Minute spricht und ich verstehe davon: nichts.

Also höre ich erstmal gespannt zu und versuche Wörter rauszufiltern, die ich schon kenne. Es sind wenige. Irgendwann fragt eine andere Lehrerin, warum ich nicht mitschreibe und mein Hintermann Anton musste sie erst einmal aufklären, dass ich der Neue aus Deutschland bin. Das besänftigt sie.

Feierabend mit Hühnerbeinen und vielen Aufgaben

Ich bekomme außerdem ganze 16 Lehrbücher überreicht und meine Mutter wird angerufen, um sie mit dem Auto abzuholen. Denn meine Schultasche, das wird ihr dann erklärt, ist viel zu klein. Auch einen Stundenplan und eine Einkaufsliste für die Hefte bekomme ich überreicht und werde mit allem zu unseren Freunden gefahren, wo wir noch wohnen.

Da warten dann Hühnerbeine und neue Aufgaben: Schulsachen sortieren, mit Mutti Wohnungen besichtigen und Vokabeln pauken. Erleichtert bin ich trotzdem. Vor allem aus einem Grund: Morgen darf ich endlich zum Fußballtraining. Die wichtigste Vokabel kann ich auch schon: "Gooooooool!"

Blonder junge in rotem Shirt hält Stapel mit ukrainischen Schulbüchern
Volles Programm: Max mit dem Lernstoff für das kommende Jahr. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Maximilian Hertel wurde am 8. August 2003 in Weimar geboren und besuchte bis zum Sommer die achte Klasse am Gymnasium. Seine Mutter ist Dolmetscherin für Russisch und Polnisch und gab zuletzt Deutschkurse für Flüchtlinge. Sein Vater stammt aus Priluki in der Zentralukraine. Maximilians Halbbruder Alexander Hertel ist redaktioneller Mitarbeiter und Reporter für MDR "Heute im Osten" und hat diesen Text redaktionell betreut.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch in: "Die gefährlichsten Schulwege der Welt" | 12.02.2017 | 09:25 Uhr.