Schweine wühlen in Müll auf einer wilden Halde in Siebenbürgen
Schweine wühlen in einer wilden Müllhalde nahe eines Campingplatzes in Siebenbürgen. Das Bild entstand im Jahr 2000. Bildrechte: imago/Peter Widmann

Interview Warum die Afrikanische Schweinepest so stark in Osteuropa grassiert

Die Afrikanische Schweinepest dehnt sich weiter aus – vor allem in Osteuropa. Polen vermeldet europaweit die höchste Zahl an infizierten Wildschweinen, Rumänien kämpft bei seinen Hausschweinen mit dem Virus. Ein Interview mit Franz Conraths, dem Leiter des Instituts für Epidemiologie des Friedrich-Loeffler-Instituts in Greifswald, darüber, warum es für die osteuropäischen Länder so schwer ist, die Ausdehnung des Virus in den Griff zu bekommen.

Schweine wühlen in Müll auf einer wilden Halde in Siebenbürgen
Schweine wühlen in einer wilden Müllhalde nahe eines Campingplatzes in Siebenbürgen. Das Bild entstand im Jahr 2000. Bildrechte: imago/Peter Widmann

In Polen ist Anfang November, gut 80 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, die Afrikanische Schweinepest bei einem toten Wildschwein nachgewiesen worden. Wie konnte das Virus so weit nach Westen kommen, obwohl sich Wildschweine nur wenige Kilometer bewegen?

Dass sich das Virus so weit ausbreitet, ist oft vom Menschen verursacht. Es reicht aus, wenn man beispielsweise Wurstwaren, die von einem infizierten Hausschwein oder Wildschwein stammen, unsachgemäß entsorgt, so dass sie von anderen Schweinen gefressen werden. Dieser Kreislauf wird auch von den polnischen Behörden vermutet, belegen lässt sich der aber schwer.

Nun ist es ja nicht nur das Wurstbrot, welche Übertragungswege gibt es denn noch?

Das Virus ist auf die Übertragung durch Blut optimiert. Blut von infizierten Tieren ist daher hoch infektiös. Wildschweine können sich auch an Kadavern von verendeten infizierten Artgenossen anstecken.

Wildschweine fressen die Reste ihrer toten Artgenossen?

Prof. Dr. Franz J. Conraths, Leiter des Instituts für Epidemiologie des Friedrich-Löffler-Instituts, Greifswald
Fachtierarzt und Leiter des Instituts für Epidemiologie des Friedrich-Löffler-Instituts, Franz Conraths. Bildrechte: Friedrich-Löffler-Institut

Wir haben das vor einiger Zeit in der Nähe von Greifswald erforscht. Wir fanden heraus, dass Wildschweine von den Kadavern ihrer Artgenossen kurz nach deren Tod Abstand hielten. Sie kamen zwar dorthin, waren interessiert, aber nahmen keinen Körperkontakt auf. Erst wenn die Kadaver weitgehend verwest und skelettiert waren, nahmen Wildschweine, besonders Frischlinge, gelegentlich Knochen ins Maul und kauten auf ihnen herum. Das könnte ausreichen, um die Infektionskette fortzusetzen, denn das Virus kann sich in den Kadavern und im Knochenmark über Monate, wenn nicht über mehrere Jahre halten.

Das Virus ist wärme- und kälterestistent. Macht dessen Widerstandsfähigkeit es so schwierig, es zu tilgen?

Nein, wenn man Afrikanische Schweinepest bei Hausschweinen hat, lässt sie sich relativ gut bekämpfen. Die betroffenen Schweinebestände werden getötet, der Betrieb gereinigt und mit zugelassenen Desinfektionsmitteln behandelt. In der Umgebung gibt es für bestimmte Zeiten Sperren, damit das Virus nicht versehentlich verschleppt wird. Das ist Tierseuchenbekämpfung nach dem Lehrbuch. Schwer ist es dagegen, das Virus in der Wildschweinpopulation zu tilgen. Sie müssen erst einmal die verendeten infizierten Tiere im Wald finden, um eine wesentliche Infektionsquelle zu beseitigen. Im Baltikum, wo man seit 2014 vor allem bei Wildschweinen mit der Afrikanischen Schweinepest kämpft, wird intensiv gesucht. Dennoch geht man davon aus, dass man dort weniger als zehn Prozent der Wildschweine, die an der Seuche gestorben sind, gefunden hat.

In Rumänien werden viele Schweine noch auf dem eigenem Hof gehalten und jetzt vor Weihnachten geschlachtet. Wie groß ist hier die Gefahr, dass sich das Virus ausbreiten kann?

In Rumänien ist es nach Hausschlachtungen auch üblich, den Nachbarn und den Freunden etwas abzugeben. Und wenn möglicherweise infizierte Reste im Trog der eigenen Schweine landen, kann die Infektionskette weiterlaufen. In Rumänien soll es auch nicht selten vorkommen, dass Schweine in Kleinhaltungen mit Küchenabfällen gefüttert werden, obwohl das EU-weit eigentlich verboten ist.

Verbreitung der Afrikanischen Schweinepest im Baltikum, Belgien, Bulgarien, Polen, Rumänien, Serbien, Slowakei, Ungarn und Ukraine 2019
Die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest unter Wildschweinen (blau) und Hausschweinen (rot): Die Karte des Friedrich-Loeffler-Instituts Greifswald gibt den Stand vom 26. November 2019 wieder. Bildrechte: Friedrich-Löffler-Institut

Sollten die massenhaften Hausschlachtungen in Rumänien besser verboten werden?

Nein! Ich finde es unglaublich sympathisch, dass es die Kleinhaltungen dort noch gibt. Die Frage ist nur, wie man die Hygienebedingungen in den Hinterhofhaltungen so absichert, dass das Virus keine Chance mehr hat, sich auszubreiten. So müssen die Privathalter schauen, an welchen Stellen das Virus eingeschleppt werden könnte. Ist das Schweinefutter sicher? Ist mein Futter von der Weide oder aus dem Wald möglicherweise kontaminiert? Wen lasse ich in den Schweinestall? Wer Schweine im Freiland hält, bräuchte Doppelzäune, damit sie nicht mit Wildschweinen in Berührung kommen. Man muss Mechanismen entwickeln, die den Infektionskreislauf unterbrechen, aber trotzdem mit den Traditionen vereinbar sind.

Ausbreitung Am 4. November wurde ein mit Afrikanischer Schweinepest infiziertes Wildschwein in Westpolen gefunden. Die Seuche hat damit einen deutlichen Sprung Richtung Deutschland gemacht. Rumänien registriert zahlreiche Ausbrüche bei Hausschweinen. Derzeit sind über 260 Ortschaften betroffen. Tschechien konnte innerhalb von zwei Jahren die Infektionen unter Wildschweinen wieder unter Kontrolle bringen. Die ursprüngliche Einschleppung 2007 über den Hafen von Poti in Georgien kann als Sprung über Kontinente gesehen werden, da Analysen zeigten, dass das Virus wahrscheinlich aus Afrika stammte.

In Rumänien berichten Medien, dass betroffene Halter die Vorfälle nicht melden, weil sie drastische Maßnahmen der Behörden befürchten. Für wie groß halten Sie das Problem?

Solche Vorfälle kann es geben. Nehmen wir an, wir hätten in Deutschland einen Ausbruch von Afrikanischer Schweinepest bei Hausschweinen, dann würde nur der betroffene Bestand getötet. Man würde in der Regel davon absehen, alle Schweine in der Umgebung zu töten. Das ist jedoch in einigen Ländern in Ost- und Südosteuropa so geschehen. Das führt natürlich dazu, dass die Menschen verunsichert sind und unter Umständen ihre Schweine verstecken. Man muss den Menschen unbedingt erklären, warum ihre Tiere getötet werden müssen. Drastische Maßnahmen – alle Tiere in der Umgebung zu töten – sollten die Ausnahme sein und nicht die Regel.

Viele Rumänen schicken gerade vor Weihnachten an ihre Verwandtschaft in vielen Teilen Europas frisch geschlachtete Wurst. Müssen wir uns jetzt Sorgen machen?

Das ist jedenfalls hoch riskant für unsere Schweinebestände in Deutschland. Auch könnten Wildschweine durch weggeworfene Essensreste infiziert werden. Ein einziges Wildschwein, das sich mit Afrikanischer Schweinepest infiziert, dürfte ausreichen, um Deutschland vom internationalen Handel mit Schweine-Produkten auszuschließen. Das wäre für unser Land eine Katastrophe, auch weil derzeit viele Schweine und Erzeugnisse, die von ihnen stammen, aus Deutschland exportiert werden.

Ist es nur noch eine Frage der Zeit, dass das Virus auch in Deutschland ankommt?

Ich drehe die Frage lieber um und sage, lassen Sie uns jede Chance nutzen, um zu verhindern, dass das Virus zu uns kommt. Alles andere wäre fatalistisch. Wir sollten an Menschen, die reisen, appellieren, dass sie das Virus nicht aus Versehen in Produkten mitbringen - aus Ländern, in denen die Afrikanische Schweinepest gerade vorkommt. Wenn uns das Virus dann doch erreichen sollte, können wir zumindest sagen, wir haben alles getan, um es so lange wie möglich zu verhindern. Und das gelingt uns ja schon eine ganze Weile.

(amue)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 30. November 2019 | 07:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Dezember 2019, 06:00 Uhr