Albanien und die EU: Europas enttäuschte Jugend

Die EU-Kommission hat empfohlen offizielle Beitrittsgespräche mit Albanien aufzunehmen. Das freut vor allem die Jugend im Land. Sie erhofft sich einen Ausweg aus Armut und Korruption. Bisher sehen viele junge Albaner ihre einzige Chance im Auswandern.

von Alexander Hertel

junger Mann mit Brille in einer Bar
Architekt Arnen Sula im "Nouvelle Vague" Bildrechte: Alexander Hertel

Tiranas Szeneviertel Blloku: Bereits am frühen Abend füllt sich die Terrasse des "Nouvelle Vague" mit Menschen in ihren Zwanzigern. Die knallroten Wände der Bar sind übersät mit Drucken, Postern, und Ausstellungsankündigungen. Darunter schlürfen die Gäste hochprozentige Cocktails.

Einer von ihnen ist Arnen Sula. Er kennt fast jeden hier persönlich. Denn die Zahl junger Albaner ist überschaubar. "Alle meine Freunde, die Ingenieurswesen und Pflege studiert haben, sind bereits weg", erklärt der 27-Jährige: "Viele sind nach Deutschland gegangen, einige auch in die Niederlande."

Zehntausende junge Albaner haben das Land in den vergangenen Jahren verlassen, die meisten Richtung Zentraleuropa. "Hier gibt es keine Hoffnung für die Zukunft", erklärt Arnen Sula resigniert: "Die wirtschaftlichen Probleme treiben die Menschen aus dem Land." Das größte Problem ziehe sich jedoch quer durch alle Teile des öffentlichen Lebens: Die Korruption.

Hälfte der Jugend will das Land verlassen

Arnens Beobachtungen decken sich mit den Erkenntnissen von Alba Cela. Im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) hat die Forscherin 1.200 Jugendliche und junge Erwachsene in Albanien befragt. Das Ergebnis: Jeder Zweite Albaner zwischen 16 und 29 Jahren denkt ans Auswandern.

Gut die Hälfte der jungen Leute hat keine Arbeit. Aber die Menschen erwarteten mehr als nur Jobs, erklärt Politikwissenschaftlerin Cela: "Insbesondere mehr soziale Sicherheit: bessere staatliche Leistungen, Sicherheit im Job, im Leben – in allem.  Die Menschen haben Angst vor Armut, Arbeitslosigkeit und davor, Opfer der Korruption zu werden."

Politische Krise seit Februar

Hinzu kommt eine politische Krise, die das Land seit Februar lahmlegt. Die konservative "Demokratische Parte" (PD) wirft dem Ministerpräsident Edi Rama und seiner "Sozialistischen Partei" (SP) Wahlbetrug vor. Sie sollen bei der Parlamentswahl im vergangenen Juni Stimmen gekauft haben. Seither sei "die politische Situation ein bisschen chaotisch", sagt Jonida Smaja von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tirana.

Mehrfach kam es in Tirana zu Großdemonstrationen vor dem Sitz des Ministerpräsidenten, teils mit gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Im Zuge des Protests hat die politische Opposition geschlossen das Parlament verlassen und fordert Neuwahlen. Rama und die Sozialisten lehnen dies ab.

Teilerfolge werden belohnt

Durch die Krise wurden aber auch einige Reformen ausgebremst. Denn Albanien hat in den vergangenen Jahren einiges getan, um die strengen Vorgaben der Europäischen Union zu erfüllen. So wird zur Zeit jeder Richter und Staatsanwalt einzeln überprüft. Außerdem wird ein Nationalbüro gegen Korruption eingerichtet.

"Das dauert jedoch länger als gedacht", erklärt Jonida Smaja von der FES, "aber hoffentlich werden wir das Ende Juni haben." Derzeit ist aber nicht einmal klar, ob die geplanten Kommunalwahlen Ende Juni durchgeführt werden können. Dass die EU-Kommission dennoch die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen empfohlen hat, ist deshalb auch ein Zeichen an die albanische Bevölkerung, insbesondere an junge Menschen.

EU-Enthusiasmus unter jungen Albanern

Denn: 92 Prozent der Albaner unter 30 befürworten einen EU-Beitritt ihres Landes, mehr als in jedem anderen Nicht-EU-Staat. Das ging aus der Jugendstudie Südosteuropa der FES hervor. Für Politikwissenschaftlerin Alba Cela hat das auch einen symbolischen Grund. "Für uns ist der EU-Beitritt der letzte Schritt des Übergangs: Raus aus dem kommunistischen Regime auf dem Weg, ein moderner, demokratischer Staat zu werden. Wir sind bereits NATO-Mitglied. Und die Krönung ist EU-Mitglied zu werden."

Sie glaubt, ein EU-Beitritt würde den jungen Leuten wieder eine Perspektive im Land geben. "Wenn man das Recht hat, im Ausland zu arbeiten und zu studieren, dann kann man auch besser entscheiden, wieder zurückzukommen." Bisher sind die Hürden dafür hoch. Wer geht, geht meist für immer. Schon jetzt leben laut der "Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit" (GIZ) etwa 40 Prozent aller Albaner im Ausland.

Und diejenigen, die noch da sind, wollen nicht mehr lange auf den Beginn von Beitrittsverhandlungen warten, meint Cela: "Die Leute warten seit 30 Jahren darauf. Jetzt ist der kritische Moment. Wenn dieser Meilenstein jetzt nicht erreicht wird, wird das viele Menschen demoralisieren."

Hilfe zur Selbsthilfe

Der Architekt Arnen Sula glaubt nicht an einen baldigen EU-Beitritt seines Landes. "In 20 Jahren vielleicht, aber nicht jetzt." Den EU-Enthusiasmus seiner Landsleute hält er für Naivität: "Wir kennen die Vorteile der EU doch gar nicht genau. Es ist nur etwas, von dem wir seit 30 Jahren gehört haben, aber nichts passiert. Es ist eine Art 'American Dream'."

Arnen Sula selbst hat nie ans Auswandern gedacht, das liege auch an der starken Verbindung zu seiner Familie: "Die Familie zusammenzuhalten und in der Nähe zu haben, gehört zu den besten Traditionen. Aber es ist schwierig, selbst für mich. Ich lebe in Tirana und meine Familie in einer anderen Stadt. Sie wollen aber, dass ich sie jedes Wochenende besuche - mindestens. So ist das in albanischen Familien."

Bunker transformieren als Entwicklungsprojekt

Sula will vor Ort etwas an der Situation der Menschen verändern. In seiner Freizeit organsiert er mit Freunden das Projekt "Tek Bunkeri". Das transformiert einige der 200.000 Bunker in Albanien – Relikte des Kommunismus – in soziale Orte. So veranstalten die Projektmacher Konzerte oder Lesungen in den alten Anlagen, die es selbst im kleinsten Dorf gibt.

Das Bunkerrecycling soll Menschen animieren, selbst aktiv zu werden und sich die Bunker und das Land zurückzuerobern. Das sei zumindest ein Baustein für eine bessere Zukunft, meint Arnen Sula: "Weil ich glaube, wenn du gut zur Gemeinschaft bist, tut das auch dir selbst gut. Ich versuche vor Ort etwas zu verändern, in den Dörfern zu starten und damit etwas im Land zu verändern. Das ist meine Hoffnung."

Bereits Mitte Juni könnten die EU-Mitgliedsstaaten im Europäischen Rat über Beitrittsverhandlungen abstimmen. Doch Länder wie Dänemark, Schweden und Frankreich sind bislang dagegen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. Mai 2019 | 13:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Juni 2019, 06:00 Uhr