Mann in roter Trainingsjacke sortiert Weinflaschen in einem Keller.
In der Kellerei der Familie Uka entsteht albanischer Biowein aus jahrhundertealten Trauben. Bildrechte: Alexander Hertel

"Uka Farm" Albanien: Mit Spitzenwein gegen die Perspektivlosigkeit

Wein aus Albanien ist kaum jemandem ein Begriff. Ein junger Weinmacher aus der Hauptstadt Tirana will das ändern – mit Spitzenwein aus einer uralten Traube. Nebenbei will er seinen Landsleuten zeigen, wie die Zukunft des armen Landes aussehen könnte.

von Alexander Hertel

Mann in roter Trainingsjacke sortiert Weinflaschen in einem Keller.
In der Kellerei der Familie Uka entsteht albanischer Biowein aus jahrhundertealten Trauben. Bildrechte: Alexander Hertel

"Ein Wein muss eine gute Geschichte erzählen, um erfolgreich zu sein", sagt Flori Uka und fixiert seine Gäste mit dem einnehmenden Lächeln eines Mannes, der weiß, dass er gute Geschichten zu erzählen hat. Und die vom Ceruja ist seine Lieblingsgeschichte: Die vergessene Wundertraube, die ihn ein bisschen berühmt gemacht hat – und sein Geschäft sowieso. Wenn es nach Flori Uka geht, wird die gelbgrüne Traube noch ganz Albanien berühmt machen. Zumindest bei Weinkennern.

Freiluftlabor für Insekten und Wein

Die Geschichte beginnt 2006 mit einem Gespräch zwischen Flori Uka und seinem Vater. Rexhep Uka ist Insektenforscher und war einst Landwirtschaftsminister von Albanien. Mitte der 1990er Jahre hat er sich vor den Toren der Hauptstadt Tirana einen experimentellen Garten eingerichtet, in dem er Pflanzen und Insekten ohne jegliche Pestizide zusammen brachte. "Er wollte alle seine Studenten hierherbringen, um in der Natur zu sehen, wie Insekten zusammenarbeiten und kollaborieren", erinnert sich Flori Uka.

Auf dem zwei Hektar großen Gelände hat er 2006 ein paar Weinreben gepflanzt. Zuvor hatte er in Italien Weinanbau studiert. Doch statt nach Frankreich oder in die USA zog es Uka zurück nach Albanien. Denn im Studium hat er sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Albaniens alte Rebsorten wieder berühmt zu machen. So wie sie es schon vor über 2.000 Jahren war, wie Landkarten aus dem ersten Jahrhundert vor Christus zeigen. "Ich sah großes Potenzial in diesen Rebsorten und ich wollte Albanien helfen, diese anzubauen, als Ressource", sagt Flori Uka. Und dann erzählte ihm sein Vater vom Ceruja.

Wundertraube aus dem Norden

Jüngerer Mann und älterer Mann mit Hut unterhalten sich in einem Garten.
Flori (links) und sein Vater Rexhep Uka auf ihrer Farm 15 Kilometer außerhalb der albanischen Hauptstadt Tirana. Bildrechte: Alexander Hertel

Als junger Mann hatte Rexhep Uka in den Bergen nördlich der Hauptstadt gearbeitet, einer wunderschönen, aber bitterarmen Region. Dort habe er Weintrauben gesehen, wie er noch nie zuvor welche gesehen hat. "Winzige Trauben, wie ein Maiskolben, so klein waren die Trauben – aber mit einem hohen Zuckergehalt", erinnert sich Flori Uka an die Erzählungen seines Vaters. Wein hätte aus den Ceruja-Trauben aber niemand gemacht, nur den Nationalschnaps Raki.

Flori Uka war angetan von der Geschichte. Also fuhr er in die abgelegenen Bergdörfer und fragte die einheimischen Bauern nach den Trauben. Fast jeder hatte welche im Garten. Nur in anderer Form, als Uka erwartet hatte. "Dieser Wein wuchs auf Bäumen. Dreizehn Meter hoch. 100 Kilo pro Weinstock und mit einem Zuckergehalt von 26 Prozent. Das war etwas, was ich nicht mal in Weinanbau-Büchern gelesen hatte", erinnert sich Uka und schiebt gleich eine Lektion in Weinkunde nach, damit man seine Entdeckung auch einzuordnen weiß.

Ceruja als Urwein Europas

Durch den hohen natürlichen Zuckergehalt habe die Ceruja-Traube das Zeug zum Spitzenwein. Selbst Champagner könne man aus ihr herstellen, so Uka. Die eigentliche Besonderheit sei aber, dass Ceruja die Reblausplage überlebt hat. Dieser aus den USA eingeschleppte Schädling hat im 19. Jahrhundert fast alle Weinsorten Europas befallen und zerstört. Um Sie zu retten, wurden die Pflanzen mit den Wurzeln amerikanischer Weinsorten "veredelt", die resistent gegen die Reblaus waren.

Sechs Menschen posieren vor Kisten mit geernteten Trauben.
Wein als Perspektive: 200 Familien liefern Flori Uka (mitte) die Trauben für seine Weine. Bildrechte: Flori Uka

Mit wenigen Ausnahmen gibt es daher heute im Prinzip keine reinen europäischen Weinsorten mehr. "Aber Ceruja ist nicht veredelt. Diese Weinsorte existierte schon vor 500, vielleicht 1.000 Jahren", freut sich Uka und betont den "Unique Selling Point" seiner Traube: "Sie wächst natürlich. Keine Pestizide." Andere Trauben würden das schlicht nicht überleben.

Perspektive zum Bleiben

Geerntet wird mühsam per Hand. Manchmal fällt die Ernte auch aus, weil die Trauben nicht jedes Jahr reif werden. Lediglich 6.000 Flaschen verkauft Flori Uka daher pro Jahr. Für 18 Euro pro Flasche, mittelfristig will er 50 verlangen. Außerordentlich viel für einen Wein aus Albanien, weiß Uka: "Ich sage den Touristen immer: Wenn ein Franzose diese Traube hätte, würde er eine Flasche für 2.000 Euro verkaufen."

Das sei aber nicht sein Ziel, sagt Flori Uka ernst. Er wolle mit dem Wein auch ein Statement setzen: "Wir wollen zeigen, dass man es mit ehrlicher Arbeit schaffen und dabei ein wenig die Welt retten kann." 200 Familien ernten den Ceruja mittlerweile für ihn. Das Geld, das Uka ihnen dafür zahlt, sei für viele die einzige Einnahmequelle in einer der ärmsten Regionen Albaniens. Das gäbe den Menschen eine Perspektive zu bleiben, anstatt auszuwandern, wie es junge Albaner scharenweise tun.

Geschichte vom neuen Albanien

Halb gefülltes rustikales Restaurant mit karierten Tischdecken in einem ehemaligen Gewächshaus
Das Restaurant der Familie Uka ist Haupteinnahmequelle und Aushängeschild des der Farm. Bildrechte: Alexander Hertel

Bio, lokal, authentisch: Wie der Ceruja soll auch das Restaurant sein, das Flori Uka und seine zwei Brüder direkt auf der Farm gebaut haben. Fleisch kommt von lokalen Bauern, das Gemüse aus dem eigenen Garten und der Wein aus der Kellerei. Das Restaurant gehört mittlerweile zu den berühmtesten in ganz Albanien und ist die Haupteinnahmequelle der Ukas. Auch 15.000 Touristen kämen jedes Jahr vorbei, schätzt Flori.

Albanien gilt als Geheimtipp unter Reisenden. Und der Biotourismus sei die Zukunft, davon ist Flori Uka überzeugt. Dazu müsse sich das Land genauso verkaufen, wie ein guter Wein: "Wir müssen unsere eigene Identität schaffen. Jedes Land hat eine Geschichte zu erzählen. Wir sollten nicht versuchen, Frankreich zu kopieren. Das ist die Botschaft. Tu das, was du schaffen kannst, mit deinen eigenen Ressourcen." Mit dem Ceruja habe Flori Uka sein Kapitel zu dieser Erzählung von einem neuen, selbstbewussten Albanien beigetragen. Den Rest müssten jetzt seine Landsleute erzählen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 20. Juli 2019 | 07:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Juli 2019, 05:00 Uhr

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