75 Jahre Auschwitz-Befreiung Polen: Meine Heimat kennen alle nur als Auschwitz

Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau steht für das Grauen, das die Deutschen während des Holocaustes verbreiteten. Ein Ort, an dem mehr als eine Million Menschen umgebracht wurden. Doch wie ist es, dort zu leben, wo andere nur die Schrecken des Zweiten Weltkrieges sehen? Wie fühlt es sich an, in einer Stadt zu leben, die alle nur als "Auschwitz" kennen?

Der Alte Markt in Oświęcim.
Beschaulich, pitoresk: die kleine Altstadt von Oświęcim (deutsch: Auschwitz). Nur vier Kilometer von hier entfernt, befindet sich das KZ Auschwitz. Bildrechte: Stadt Oświęcim

Oświęcim könnte eine durchschnittliche polnische Kleinstadt sein: Es gibt ein Krankenhaus, weiterführende Schulen und ein Kulturzentrum. Doch Oświęcim rund 60 Kilometer westlich von Krakau ist nicht Durchschnitt: Jeden Tag kommen mehr als 6.000 Besucher in die Stadt, die nur rund 38.000 Einwohner zählt. Im vergangenen Jahr waren es mehr als 2,3 Millionen Besucher. Keiner kommt, um sich die Altstadt anzugucken oder am Fluss entlang im Grünen zu spazieren. Alle kommen, um die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau zu besuchen und den Holocaust zu verstehen.

Wo wohnst du? Oświęcim?

"Ich spreche immer von 'Oświęcim', wenn es um meine Herkunft geht. Ich sage nie 'Auschwitz'. Doch viele Leute können auch mit dem polnischen Namen Oświęcim etwas anfangen und dann kommen wir schnell zum Thema", sagt Łukasz Kołodziej. Er vertreibt polnische Produkte in ganz Europa und hat viel Kontakt mit Ausländern und Thema bei ersten Geschäftskontakten ist dann immer das Erbe, das diese polnische Stadt unverschuldet trägt.

Ein Mann auf einer Straße in Oswiecim/Polen.
Łukasz Kołodziej findet es ganz "ok" in Oświęcim. Er zeigt seinen Bekannten von außerhalb gerne die Stadt, ins ehemalige KZ geht er mit ihnen aber nicht mehr. Auf dem Foto steht er an der Straße seines Boxklubs, die auch zum ehemaligen KZ führt. Bildrechte: MDR/Anja Datan-Grajewski

Łukasz wurde 1975 in Oświęcim geboren – der Zweite Weltkrieg war damals seit 30 Jahren zu Ende. Doch das Vernichtungslager ist eng mit seiner Familiengeschichte verknüpft und spielte immer eine Rolle: Einer seiner Urgroßväter aus einem anderen Landesteil war politischer Gefangener in Auschwitz. Die Familie seiner Großmutter mütterlicherseits lebte in Oświęcim in einem Haus auf dem Gelände des Lagers und wurde enteignet, da SS-Männer das Gebäude fortan bewohnten. Die Großmutter und ihre Familie wurde innerhalb der Stadt umgesiedelt. "Ich habe die Gedenkstätte das erste Mal mit acht Jahren besucht. Ich habe das Grauen damals nicht verstanden. Meine Kinder lasse ich das Museum frühestens mit 13 oder 14 Jahren betreten. Sie würden sonst daran zerbrechen."

Ein besseres Leben in Oświęcim als in Krakau

Kann man in Oświęcim, das alle nur als Auschwitz kennen, unbeschwert leben? Łukasz findet: sogar sehr gut. Wenige Jahre wohnte er mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Krakau. Doch die Entscheidung zurückzukommen, fiel ihnen nicht schwer: "In Krakau mussten wir anders als hier lange auf einen Kindergartenplatz warten. Hier können wir uns ein größeren Haus leisten. Es gibt in Oświęcim sehr gute Vorschulen sowie Schulen - einfach ein besseres Leben im Sinne von viel Grün und Platz, wo wir mit den Kindern rausgehen können." Und für Łukasz zählt vor allem auch, dass es in seiner Stadt eine moderne Schwimmhalle mit einem 50-Meter-Becken gibt. In Polen eine Seltenheit, für die Familie aber wichtig, weil zwei der drei Kinder Schwimmen als Leistungssport betreiben.

Das Café Bergson in Oświęcim.
Einfach mal gemütlich einen Kaffee trinken: Auch das geht in Oświęcim. Bildrechte: Cafe Bersgon

Selbst Polen denken an "Vernichtung", wenn sie "Oświęcim" hören

Der Krakauer Soziologe Marek Kucia befragte 2010 landesweit Polen, was sie mit "Oświęcim" verbinden. Seine Studie ergab, dass die Hälfte der Befragten sofort an "Konzentrationslager" oder "Vernichtungslager" denkt. Ein Drittel assoziiert den polnischen Namen der Stadt mit "Völkermord" oder "Vernichtung". Demnach existiert selbst für eine Mehrheit der Polen die Stadt Oświęcim nur in Zusammenhang mit dem KZ Auschwitz.

Trotz dieser schwierigen Ausgangslage versucht die Stadt, auch positive Seiten ihrer Geschichte zu vermarkten: Das jüdische Museum der Stadt zum Beispiel bietet eine Führung an, die die alte jüdische Geschichte des Ortes vor dem Zweiten Weltkrieg erzählt. Heute leben keine Juden mehr in der Stadt, das war einmal anders: Vor 1939 bewohnten etwa 12.000 Menschen Oświęcim, darunter circa 7.000 Juden. Oświęcim war mehrheitlich jüdisch, auch das will die Stadt erzählen. Außerdem preist die Tourismusinformation die 800-jährige wechselvolle Geschichte an, sie lädt zu einem Spaziergang in den Gassen der Altstadt oder auf die Burg zum Mittelalterfest.

Der Alte Markt in Oświęcim nachts. 1 min
Bildrechte: Stadt Oświęcim

Warum die Deutschen Oświęcim als Standort für das KZ wählten 1940 besetzten die Deutschen die Stadt und benannten sie in Auschwitz um. Der Ort lag an einem für die Nazis strategisch günstigen Eisenbahnknotenpunkt: Hier kreuzten sich die südlichen Bahnverbindungen aus Prag und Wien mit denen aus Berlin, Warschau und dem industriegeprägten Schlesien.

"Ohne Auschwitz wäre Oświęcim eine ganz normale polnische Stadt, nichts Besonderes eben", sagt Łukasz. Doch Oświęcim ohne Auschwitz gibt es nicht - alles andere wäre ignorant. Die Stadt ist sich dessen bewusst und präsentiert sich daher offensiv als weltoffene, friedliche Stadt, die weder Rassismus noch Antisemitismus duldet. Nicht ohne Grund nennt sie sich seit 2002 "Stadt des Friedens".

Logo der Stadt Oświęcim 'Stadt des Friedens'
Oświęcim nennt sich seit 2002 "Stadt des Friedens"/polnisch: "miasto pokoju" Bildrechte: Stadt Oświęcim

Heute ist Oświęcim (...) ein Treffpunkt für Menschen verschiedener Nationalitäten, unabhängig von Religion und Weltanschauung, ein Ort, an dem neue Generationen eine Zukunft ohne Krieg und Gewalt aufbauen wollen.

Webseite der Stadt

Auschwitz für viele nur Teil der städtischen Infrastruktur

Jeden Tag fährt Łukasz an den Stacheldrahtzäunen vorbei, jeden Tag wird er mit der Geschichte seiner Heimatstadt konfrontiert. Seine Boxhalle, in der er mehrmals die Woche trainiert, liegt in derselben Straße wie die Einfahrt zum ehemaligen KZ. "Das Museum ist für viele hier einfach Teil der städtischen Infrastruktur und es gibt keine emotionale Verbindung dazu." Doch das seien Oświęcimer, die sich nicht wie er für Geschichte interessieren.

Łukasz hat Freunde auf der ganzen Welt. Wenn sie ihn besuchen kommen, dann zeigt er ihnen das "andere" Auschwitz: Cafés, die Synagoge, den kleinen Altmarkt, die Burg. In der Stadt sind an vielen Häusern "Murals", also große Wandbilder, aufgemalt. Ein Stadtspaziergang der anderen Art lohnt sich. Durch die Gedenkstätte des ehemaligen Vernichtungslagers begleitet Łukasz seinen Besuch nicht mehr. Zu viele Male sei er da gewesen und das sei einfach immer "hardcore".

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 24. Januar 2020 | 17:45 Uhr