Schatz bleibt verschwunden Bernsteinzimmer und Nazigold: Polen im Schatzsuche-Fieber

Die Polen haben ein Indiana-Jones-Syndrom. Schatzsuche ist dort zu einer Art Volkssport geworden. Heerscharen durchstreifen mit Metalldetektoren die Wälder, erkunden vergessene Stollen und verschüttete Weltkriegsbunker. Das Schatzfieber greift so stark um sich, dass die Gesetzgebung verschärft wurde.

von Cezary Bazydlo

Kamerateams stehen im Wald hinter einer Absperrung
Fernsehteams und Fotoreporter drängen sich um einen Schacht in Mamerki, in dem das Bernsteinzimmer liegen soll. Bildrechte: mamerki.com

Ende Juni 2019 war es wieder soweit. Ganz Polen blickte gespannt nach Mamerki in Masuren. In einem Bunker des ehemaligen deutschen Heereshauptquartiers, unweit der "Wolfsschanze", sollte das legendäre Bernsteinzimmer liegen – hofften die Schatzsucher, die dort mit Hilfe eines Georadars einen bislang unbekannten Hohlraum entdeckt hatten.

Nichts als Leere

Schaulustige, Fotoreporter und Fernsehteams – eines davon extra aus den USA angereist – drängten sich voller Erwartung um den Einstiegsschacht, der mühsam geöffnet werden musste. Als dies endlich gelang, förderte eine herabgelassene Kamera nichts als Bilder eines langweiligen, leeren Loches zutage, das unten mit Sand verschüttet war. Vom Bernsteinzimmer keine Spur. Nicht einmal Weltkriegsrelikte, wie Wehrmachtsgeschirr oder alte Schreibmaschinen waren im Schacht vergraben, auf die der Pächter der Bunkeranlage gehofft hatte.

Emsige Suche nach Wehrmachts-Relikten

Doch eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Der Schatzbegeisterung der Polen wird dieser Rückschlag keinen Abbruch tun und schon bald wird der nächste angebliche Nazischatz die polnische Öffentlichkeit elektrisieren – auch wenn solche medienwirksamen Aktionen nur die Spitze des Eisbergs sind, denn die meisten Schatzsucher wollen nicht im Scheinwerferlicht stehen, und auch ihre Ansprüche sind deutlich bescheidener.

Schatzsuche ist in Polen ein weit verbreitetes Hobby. Nach Feierabend und an Wochenenden durchstreifen kleine Teams die Wälder und geben sich mit den kleinen Relikten der Vergangenheit zufrieden: alten Münzen, Patronenhülsen, Koppelschlössern und anderen Uniformresten. Manche durchsuchen alte Dachböden und Keller in der Hoffnung, dort historische Dokumente zu finden. Im niederschlesischen Mokrzeszów wurden kürzlich einige Fotoalben entdeckt, die die Tätigkeit des Reichsarbeitsdienstes in der Region dokumentieren – sie wurden inzwischen gescannt und sind in einer virtuellen Ausstellung zu sehen.

Ein Mann steigt in einen Schacht
Die Suche nach dem Bernsteinzimmer im masurischen Mamerki endet schnell - das vermeintliche Versteck ist leer. Bildrechte: mamerki.com

Hin und wieder ein Coup

Wie viele Schatzsucher es in Polen gibt, ist unklar. Im Internet kursiert die Zahl von 100.000 bis 150.000. Neben Einzelgängern gibt es auch Vereine, die systematisch ein bestimmtes "Thema" oder Objekt bearbeiten. Manche dieser organisierten Schatzsucher verbringen viel Zeit in Archiven, um Hinweise auf potenzielle Fundorte zu finden. Immer wieder gelingt dabei ein großer Coup: Im Herbst 2015 wurde zum Beispiel aus einem Moor im Tal der Bzura das gut erhaltene Wrack eines sowjetischen Bombers geborgen – mit den sterblichen Überresten der Besatzung an Bord.

Ehrenkodex der Schatzsucher

Die Schatzsucher haben sogar einen  eigenen Ehrenkodex. Sie achten etwa darauf, nach ihren Grabungen keine "Mondlandschaften" zu hinterlassen. Ebenso verpönt ist es, Fundorte und Themen, die bereits ein anderer im Visier hat, zu stehlen. Gewissenhafte Schatzsucher bemühen sich auch um die nötigen Genehmigungen, manche arbeiten sogar mit Historikern oder Archäologen zusammen. Doch wie überall gibt es auch hier schwarze Schafe, die nicht ihr Interesse an der Vergangenheit stillen, sondern nur den schnellen Groschen wollen – vom Rest der Szene auch "Hyänen" genannt.

Funde gehören dem Staat

Dabei ist die Rechtslage klar: Amateure dürfen nur mit Genehmigung auf Schatzsuche gehen. Eigentümer der Fundstücke bleibt der Staat. Und weil die Schatzsuche gerade boomt, sind die Vorschriften im vorigen Jahr verschärft worden: Illegale Suchaktionen gelten seitdem nicht mehr als Ordnungswidrigkeit, sondern als Verbrechen. Wird bei einer nicht genehmigten Suchaktion wertvolles Kulturgut zerstört, drohen dafür sogar bis zu acht Jahre Haft.

Deutsche Stahlhelme aus dem II. Weltkrieg
Nicht alle Kriegsrelikte sind so wertvoll, dass sie ins Museum müssen, sagen Hobby-Schatzsucher. Bildrechte: imago images / alimdi

Streit mit Archäologen

Archäologen und Denkmalschützern sind die privaten Schatzsucher schon länger ein Dorn im Auge. Amateuren reicht es, ihre Funde in der Vitrine auszustellen. Archäologen wollen dagegen möglichst viel darüber erfahren, legen die Fundstücke behutsam frei, dokumentieren genau ihre Lage und eventuelle Begleitfunde in der Umgebung. Amateure gehen anders vor: Sie holen ihre "Reliquie" schnell aus dem Boden und zerstören dabei wertvolle archäologische Hinweise.

Allerdings ist nicht jede Patronenhülse, die Schatzsucher aus der Erde holen, wirklich wertvolles Kulturgut, das ins Museum muss. An vielen Fundstücken dürften Museen und Archäologen nur wenig Interesse haben. Polnische Schatzsucher fordern deshalb eine Gesetzesänderung: Funde, die keine 100 Jahre alt sind, sollten Eigentum des Finders werden, wenn der Staat sie nicht innerhalb einer bestimmten Frist für sich reklamiert.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Unterwegs in Sachsen | 23.12.2017 | 18:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Juli 2019, 18:00 Uhr

Ein Angebot von

Zurück zur Startseite