Der Student Martin Buchte steht kurz vor seiner letzen Übungsfahrt.
Student Martin Buchte will sich als Straßenbahnschaffner etwas dazuverdienen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Brünn Tschechien: Studenten steuern Straßenbahnen

Im öffentlichen Nahverkehr in Tschechien mangelt es an Personal. Allein in Prag fehlen momentan 300 Fahrer für Bus, Straßenbahn und Trolleybusse. In der zweitgrößten tschechischen Stadt Brünn sind es 60 Fahrer. Doch die Stadt hat offenbar eine Lösung gefunden. Seit Jahren verdienen sich Studenten als Straßenbahnfahrer ein Zubrot zur Uni dazu.

Der Student Martin Buchte steht kurz vor seiner letzen Übungsfahrt.
Student Martin Buchte will sich als Straßenbahnschaffner etwas dazuverdienen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es sind Studenten wie Martin Buchte, die in Brünn dafür sorgen, dass der öffentliche Nahverkehr seine Bus- und Bahn-Linien in der Stadt ohne größere Lücken tagtäglich bedienen kann. Noch eine letzte Übungsfahrt, dann steht Martin Buchte die große Abschlussprüfung bevor: Besteht er sie, ist der Student künftig Straßenbahnfahrer in Brünn (Brno). "Das Schwierigste daran ist, dass mir bewusst ist, dass hinter mir 300 Fahrgäste sitzen, und dass ich die Verantwortung für sie trage", sagt er.

Crash-Kurs als Straßenbahnfahrer

Hana Tomaštíkova (rechts), Pressesprecherin der Verkehrsbetriebe Brünn, im Interview in einer Straßenbahn.
Sprecherin der Verkehrsbetriebe Brünn, Hana Tomaštíkova (rechts), Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Straßenbahn statt Hörsaal – momentan absolvieren neben Martin vier weitere Studenten diese zweimonatigen Crash-Kurse der Verkehrsbetriebe. Eine vorübergehende Lösung, auf die die Verkehrsbetriebe Brünn setzen, um dem akuten Fahrermangel zu begegnen. "Die Kandidaten müssen einen Führerschein der Klasse B haben, dann müssen sie Logik-Tests und ärztliche Untersuchungen bestehen. Dazu kommen Theorie- und Praxis-Tests", erklärt Hana Tomaštíkova, Sprecherin der Verkehrsbetriebe.

Fehlende Fahrer – ein landesweites Problem

Fehlende Fahrerinnen und Fahrer im öffentlichen Nahverkehr – ganz Tschechien kennt das Problem. In Prag fehlen 300 Fahrer, Brünn meldet 60 fehlende Fahrer. In Liberec sind 30 Stellen unbesetzt, in Pardubice und Zlin jeweils 20 Stellen. In Pardubice wurde deshalb bereits eine komplette Verbindung gestrichen. Die Linie 4, bis vor kurzem auf der Strecke zwischen Zentrum und Siedlung Polabiny unterwegs, wurde eingestellt. Und angestellte Fahrer wie Martin Palán leisten eine Menge Überstunden: "Es gibt so wenig Fahrer. Unsere Schichten sind lang und wir sind ständig im Einsatz." Seit sechs Jahren fährt Palán seinen Bus in Pardubice, doch die letzten Monate waren besonders anstrengend. 

Auf einer Karte ist markiert, wie viele Straßenbahnfahrerinnen und Straßenbahnfahrer in Tschechien fehlen. Spitze ist Prag mit 300 fehlenden Fahrern, in Brünn sind es 60. In Pardubice und Zlin sind es immerhin noch 20.
Insgesamt 430 Fahrerinnen und Fahrer fehlen in den großen Städten in Tschechien. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Studenten als Straßenbahnfahrer – ein Erfolgsmodell?

In Brünn helfen sich die Verkehrsbetriebe seit vier Jahren mit den Studenten. Inzwischen haben dort 29 Studierende einen Nebenjob gefunden. "Wir sind mit den Studenten zufrieden und offensichtlich sie auch. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass manche von ihnen bei uns bleiben", sagt Hana Tomaštíkova, Sprecherin der Verkehrsbetriebe Brünn.

Bleiben will auch Lukaš Pernica. Neben seinem Studium arbeitet er seit drei Jahren bei den Verkehrsbetrieben. Er fährt die Linie Nummer 1 – die längste Straßenbahn Brünns. Über seinen "Studentenjob" sagt er: "Ich habe mich für diese Linie freiwillig gemeldet. Es fährt sich ganz gut. Aber manche Haltestellen sind kürzer, also muss ich haargenau bis zur alten Markierung vorfahren. Das ist echte Zentimeterarbeit."

Noch dringender als Straßenbahnfahrer brauchen die Verkehrsbetriebe in Brünn Busfahrer. Doch der Kurs dafür dauert doppelt so lang. Das Interesse daran hält sich bisher in Grenzen.

(CT/MDR)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 05. Oktober 2019 | 10:39 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Oktober 2019, 19:36 Uhr