Corona Lockdown in Tschechien: Polizei hebt illegale Kneipe aus

Seit Mitte Oktober sind die Gaststätten in Tschechien bereits geschlossen - eine Maßnahme, die helfen soll, das Coronavirus zu bekämpfen - und die ähnlich wie bei uns auf wenig Gegenliebe stößt. Im ostböhmischen Pardubice hat die Polizei eine konspirative Kneipe ausgehoben, die trotz des Verbots den Lieblingstrunk der Tschechen ausschenkte - eine Geschichte, die an die dunklen Jahre der Prohibition in den USA erinnert, wie man sie aus einschlägigen Filmen kennt.

Tschechische Polizei beim Einsatz in einer Kneipe.
Eigentlich hätten die Gläser an diesem Ausschanktresen seit zwei Wochen trocken bleiben müssen - doch die Kneipe wurde "im Untergrund" weiter betrieben. Bildrechte: Městská policie Pardubice

Die Tschechen haben das Bier in den Genen, sagt man. Kein Wunder, dass der Lockdown so manchem Bierfreund in unserem Nachbarland zu schaffen macht – schließlich will nicht jeder sein Feierabendgetränk alleine auf seiner Wohnzimmercouch genießen. Doch was tun, wenn die Stammkneipe zu hat? Zumal die Gaststätten in Tschechien bereits seit Mitte Oktober geschlossen sind – eine ganz schön lange "Durststrecke" inzwischen!

Kneipe im Untergrund: Zutritt nur für Stammgäste

Ein Gastwirt aus dem ostböhmischen Pardubice hatte offenbar sehr viel Verständnis für die Nöte seiner Stammgäste – und führte den Ausschank konspirativ weiter. Damit das nicht auffällt, wurden die Scheiben seines Restaurants mit dunkler Sichtschutzfolie beklebt – so drang kein Licht nach draußen, für Passanten sah das Lokal verlassen aus, obwohl sich im Inneren die Gäste an den Krügen gütlich taten.

"Wenn man rein wollte, musste man eine bestimmte Telefonnummer anrufen – da kam man am Tresen raus", erklärt Jiří Sejkora, Pressesprecher der Stadtpolizei in Pardubice, die das konspirative Lokal aushob. "Am Eingang hing eine Kamera, so dass der Barkeeper sich vermutlich vergewissern konnte, dass draußen jemand steht, den er kennt und reinlassen kann", so Sejkora weiter.

Am vergangenen Freitag hatte das Treiben jedoch ein Ende, als die Gesetzeshüter an der so streng bewachten Tür klopften. "Als wir kamen, haben sie sofort das Licht ausgemacht und die Musik ausgeschaltet", berichtet Sejkora. Die Gäste müssen sehr überrascht gewesen sein – sie sprangen von den Tischen auf, ließen ihre halbvollen Gläser und qualmenden Zigaretten zurück und stürmten durch die Küche Richtung Hinterausgang. "Dort warteten aber schon Kollegen von der Polizei", berichtet Sejkora.

Dann hieß es nur noch "Einmal pusten, bitte!" und die Sache war klar – alle acht Personen hatten einen gewissen Alkoholpegel intus. Ihnen drohen nun Bußgeldbescheide vom örtlichen Gesundheitsamt, bis zu 20.000 Kronen, umgerechnet rund 730 Euro. Die weitaus größere Strafe muss aber der Gastwirt befürchten – bis zu drei Millionen Kronen, umgerechnet fast 110.000 Euro.

Tschechische Polizei beim Einsatz in einer Kneipe.
Die Gäste des illegalen Ausschanks ließen ihre Bierkrüge stehen und stürmten Richtung Hinterausgang - doch dort warteten bereits Polizisten. Nun drohen den Kneipengängern Bußgelder von bis zu 730 Euro. Der Wirt muss mit bis zu 110.000 Euro Strafe rechnen. Bildrechte: Městská policie Pardubice

Extreme Umsatzeinbrüche im tschechischen Gastgewerbe

Es scheint nicht der einzige Fall dieser Art in Tschechien zu sein, berichtet Sejkora: "Wir haben Hinweise auf weitere Gastronomiebetriebe bekommen, die möglicherweise rechtswidrig hier in Pardubice arbeiten. Von Kollegen wissen wir außerdem, dass es auch in anderen Städten vorkommt."

Verwunderlich ist das nicht. Gastronomie zählt zu den Branchen, die unter dem Lockdown am meisten leiden – in Tschechien bleiben Kneipen und Restaurants seit fast drei Wochen geschlossen. Erlaubt sind nur noch Lieferdienste und Schalterverkauf von Speisen zum Mitnehmen. Manche Gastwirte klagen über Umsatzeinbußen von 80 Prozent und ihre Angestellten müssen fast gänzlich ohne Trinkgelder auskommen.

Hotelrestaurants können Schlupfloch nutzen

Manche versuchten deshalb mit Tricks, den Vor-Ort-Verzehr möglich zu machen, und nutzten dabei ein Schlupfloch im Gesetz. Hotelrestaurants dürfen nämlich weiterhin Gäste am Tisch bedienen – allerdings nur diejenigen, die im Hotel wohnen. Und so ließ sich beispielsweise das Czech Slovak Restaurant in Prag eine besondere Aktion einfallen: Zimmerbuchung für eine symbolische Krone – das nahezu kostenlose Zimmer war allerdings nur im Verbund mit einem teuren 7-Gänge-Menü zu haben. Ein anderes Hotel in Žďár nad Sázavou vermietete Zimmer für zwei Stunden zum Preis von 25 Kronen (etwa 1 Euro) mit anschließendem Restaurantbesuch.

Ein Mitarbeiter eines Reisebuchverlages stapelt am 13.10.2015 in Frankfurt am Main (Hessen) auf der 67. Buchmesse seine Reiseführer in alphabetischer Reihenfolge.
Nicht alle Branchen leiden gleichermaßen stark unter dem Lockdown. Der Online-Buchhandel kann sogar Umsatzzuwächse verbuchen. Löst Bücherlesen in Tschechien bald das Biertrinken ab? Bildrechte: picture alliance / dpa

Auch der umtriebige Gastwirt aus Pardubice wollte dieses Schlupfloch als Ausrede nutzen und tischte den Gesetzeshütern eine Lüge auf: Die auf frischer Tat ertappten Gäste seien in seiner angrenzenden Pension untergebracht. Doch der Schwindel flog schnell auf – er konnte für keinen der Gäste des konspirativen Ausschanks ein Meldeformular vorlegen. Ein Abgleich mit der Einwohnerkartei der Stadt ergab zudem: Alle acht hatten ihren Wohnsitz im Umkreis – es machte für sie keinen Sinn, in einer Pension gleich um die Ecke abzusteigen.

Nicht alle Branchen leiden übrigens gleich schwer unter dem Lockdown. Eine der wenigen, die momentan sogar Umsatzsteigerungen verbuchen, ist der Buchhandel im Internet. Logisch: Wenn man zu Hause sitzt, weil alle Lokale, Kinos, Theater und sonstige Vergnügungsstätten geschlossen sind, kann man sich die Zeit wenigstens mit Lesen vertreiben.

Bierkonsum in Tschechien Nach Angaben der Tschechischen Statistikamtes leert ein Tscheche im Schnitt 284 Halbliter-Flaschen Bier im Jahr. Die Deutschen sind da, obwohl sie ebenfalls zu den Biernationen zählen und das berühmte Reinheitsgebot erfunden haben, deutlich bescheidener: Sie kippen jährlich im Schnitt nur 100 Flaschen runter.

(baz)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. Oktober 2020 | 00:00 Uhr

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