Osteuropa Das Corona-Paradox: Warum offene Grenzen zu längeren LKW-Staus führen

Tomaten, Klopapier oder Teile für die Autoindustrie: Die meisten Waren werden über die Straße transportiert. Osteuropa ist dabei ein wichtiger Transitkorridor zwischen Asien und Europa. Unsere datenjournalistische Auswertung zeigt, wie sich die Wartezeiten für LKWs an europäischen Grenzen seit den Corona-Beschränkungen erhöht haben.

Megastau auf der Autobahn A4 in Richtung Görlitz
LKW-Stau auf der A4 - viele polnische Kraftfahrer wollten Ostern nach Hause. An Feiertagen kommt es auch ohne Corona häufig zu Mega-Staus. Bildrechte: imago images / Max Stein

Innerhalb der Europäischen Union gilt der freie Warenverkehr und der findet vor allem auf der Straße statt: Dreiviertel aller Güter wird von LKW transportiert.
Vor den Corona-Beschränkungen mussten LKW-Fahrer durchschnittlich zehn Minuten an einer innereuropäischen Grenze warten. Ausgenommen sind dabei allerdings Länder, die noch nicht dem Schengenraum angehören. So waren Wartezeiten von einer halben Stunde in Rumänien, Bulgarien und Kroatien nicht unüblich.

Wegen Corona: Vier Stunden länger warten

Doch seit Corona gibt es teilweise wieder Grenzkontrollen, Grenzübergänge sind gesperrt oder es wurden Maßnahmen wie Temperaturmessungen eingeführt. Das hat Auswirkungen auf den Verkehr: Die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie haben die Wartezeiten vor allem ab Mitte März explodieren lassen: Die durchschnittlichen Wartezeiten pro Tag wuchsen teilweise auf bis zu vier Stunden. Der Verlauf der Pandemie ist also auch ablesbar an den Staus an der Grenze.

Durchschnittlicher Anstieg an Wartezeit in Europa seit dem 1. März gegenüber Februar 2020 1. Rumänien: 65 Minuten
2. Bulgarien: 53 Minuten
3. Ungarn : 22 Minuten
4. Polen: 11 Minuten
5. Estland: 4 Minuten
6. Slowakei, Kroatien und Litauen: 3 Minuten
7. Tschechien, Slowenien und Österreich: 2 Minuten

Rumänien: Längste Wartezeiten in ganz Europa

Osteuropa ist ein wichtiger Transportkorridor von Asien nach Europa. Zum Beispiel sind Rumänien und Bulgarien wichtige Transitländer zwischen Mitteleuropa und Asien mit vielen ausländischen Fahrzeugen. Hier gibt es viel mehr Transitverkehr, während in Westeuropa der LKW-Verkehr häufig auch innerhalb des Landes abgewickelt wird.

Rumänien ist noch nicht vollständiges Mitglied des Schengenraums. Deswegen dauern die Grenzkontrollen für LKW schon immer etwas länger. Das liegt auch am Straßennetz, es gibt für die Laster viel weniger ausgebaute Routen, also auch weniger sinnvolle Grenzübergänge. Um die Corona-Verbreitung einzudämmen, wurden manche Grenzübergänge auch gesperrt, um stärkere Kontrollen gewährleisten zu können, was zu einem höheren Stauaufkommen als üblich führt. Hinzu kamen Personenkontrollen, Formulare und Temperaturmessungen.

Das Schienensystem Rumäniens landet im europäischen Vergleich auf dem letzten Platz. Des Weiteren werden seit 2014 Bahngleise stillgelegt und Personal entlassen, so können notwendige Transporte nur schwer vom Straßen- aufs Schienennetz verlagert werden.

Der Verlauf der Wartezeiten an der Grenze zeigt: Ab Mitte März mussten die Fahrer statt wie üblich etwa 40 Minuten im Schnitt bis zu vier Stunden warten. Damit liegt Rumänien im europäischen Vergleich an der Spitze. Im Verlauf der Krise nahm der Wirtschaftsverkehr wieder etwas ab und damit die Wartezeiten. Doch mit den Lockerungen in vielen Ländern sowie mit einem saisonalen Warenzuwachs im Sommer werden die Staus an der Grenze wieder länger.

Tschechien: Längste Staus durch Grenzöffnung

Tschechien liegt innerhalb des Schengen-Gebiets und hatte vor der Corona-Zeit entsprechend kurze Wartezeiten. Am 12. März wurde der Ausnahmezustand ausgerufen, woraufhin ein Reiseverbot eintrat, viele Grenzübergänge geschlossen wurden und erhöhte Grenzkontrollen stattfanden - jedoch kaum für den internationalen Frachtverkehr. Die nötigen Kontrollen führten zu etwas längeren Wartezeiten von durchschnittlich nur ein paar Minuten. Denn zügig wurden Regelungen für LKW-Fahrer geändert, um Stau zu reduzieren. Soführte die Zwangspause beispielsweise dazu, dass Fahrer in Grenznähe ihre Pausen durchführen mussten.

Stärkere Anstiege gab es erstaunlicherweise erst bei weiteren Grenzöffnungen. Am 4. Mai wurden erste Einreisebestimmungen gelockert und Grenzübergänge wieder vermehrt geöffnet, zum Beispiel für Saisonarbeiter. Am 14. Mai gab es den höchsten Anstieg bei der Wartezeit. Es war der Tag, an dem alle Grenzübergänge wieder geöffnet wurden.

Polen: Freie Fahrt für den Warenverkehr

Polen gehört zum Schengen-Raum und zu den Ländern mit dem größten Warenaufkommen. Diese große Bedeutung ungehinderten Warenverkehrs zeigt auch der Umgang mit den Corona-Grenzkontrollen.

Am 13. März verkündete Polen, dass es wieder Grenzkontrolle geben wird, welche zuletzt bis 12. Juni verlängert wurden. Doch nur der Privatverkehr ist seitdem eingeschränkt, der Güterverkehr hingegen darf schon seit dem 19. März wieder fast ungehindert die Grenzen überqueren. Eine vorübergehende Pflicht zum Ausfüllen von Fahrerlokalisierungsformularen wurde schnell wieder aufgehoben. Es gibt nur noch Temperaturtests.

An den Grenzen zu den westlichen und südlichen Ländern sowie zum Baltikum sind die Wartezeiten üblicherweise geringer als im Osten, z.B. Weißrussland, welches nicht im Schengen-Abkommen ist. Des Weiteren kommen hier Menschen und Produkte aus Russland an, welche u.a. auch aus Asien (z.B. China, dem drittgrößten Importpartner Polens) importiert werden, was prinzipiell strenger kontrolliert wird.

Methodik der Datenanalyse Die verwendeten Daten stammen von hunderttausenden Lastwagen, die ihre Standorte digital übermitteln, also über Telematiksysteme oder mobile Anwendungen. Daraus werden aktuelle Staumeldungen an den Grenzen berechnet. Die Grenzübergangszeit ist die mittlere Zeit, die ein LKW im Grenzkorridor verbringt. Diese Korridore sind etwa 10 km lang, sodass auch eine einfache Durchfahrt etwa fünf bis zehn Minuten dauern kann.
Aus einer Ansammlung anhaltender oder langsam fahrender LKW in der Nähe der Grenzübergänge wird die Länge der Warteschlange und Wartezeit berechnet.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 29. Mai 2020 | 17:45 Uhr