Corona-Pandemie EU-weite Corona-Warn-App nach Ostern? Tschechien übt schon

Die EU arbeitet an einer länderübergreifenden App, um vor Corona-Kontakten zu warnen. In Tschechien testet Südmähren schon seit einer Woche eine ähnliche Variante. 98 Prozent aller Bewohner dort machen freiwillig mit und sind einverstanden mit dem Zugriff auf persönliche Daten wie jene von Kreditkarten und Mobilfunkanbietern.

Brno
Bald wieder Leben in der Innenstadt von Brno und allen tschechischen Städten Dank "Kluger Quarantäne"? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Corona-Warn-App für die gesamte Europäische Union könnte schon in der Woche nach Ostern an den Start gehen. Wissenschaftler und Unternehmer aus acht europäischen Ländern hatten das Konzept der Corona-Tracking-App, bei der die Privatspäre der Betroffenen gewahrt werden woll, erst vergangene Woche vorgestellt. 130 Experten aus acht europäischen Ländern haben die App entwickelt und sie wird derzeit u.a. von Soldaten der Bundeswehr in Berlin getestet. Ziel: die aktuellen Beschränkungen des öffentlichen Lebens zu lockern und gleichzeitig den Virus weiter zu bekämpfen.

Gesprühtes John Lennon Porträt an einer Mauer in Prag trägt einen Mundschutz
Die John-Lennon-Mauer in Prag: Der Beatles-Star mit Mundschutz Bildrechte: imago images/CTK Photo

Vorreiter Tschechien: "Kluge Quarantäne" statt harter Maßnahmen

In Tschechien könnten die strengen Corona-Maßnahmen, die seit März gelten, schon nach Ostern durch das Projekt "Kluge Quaratäne" ersetzt werden. Hier sollen digitale Daten helfen, die von dem Coronavirus infizierten Menschen zu isolieren. Das Pilotprojekt war vergangene Woche in Südmähren gestartet worden. Noch befindet sich das Projekt in einer Test-Phase, der Erfolg ist noch nicht zu bemessen. "Es läuft", kommentierte der  stellvertretende Gesundheitsminister und Hauptepidemiologe Tschechiens, Roman Prymula, nur trocken.

Hohe Zustimmung in Bevölkerung

"Es läuft", das bedeutet, dass fast alle Tschechen, nämlich 98 Prozent der Bevölkerung, im südmährischen Testbetrieb der Verarbeitung ihrer Handy- und Kreditkartendaten im Rahmen der "Klugen Quarantäne" zugestimmt haben. Die Daten bekommt das Hygieneamt vom Mobilfunk-Anbieter oder Bankinstitut. Man muss also nicht sein Handy abgeben, wie viele Menschen befürchtet haben.

leere Altstadtgasse in Prag
Leere Altstadtgasse in Prag: Könnten die strengen Maßnahmen Dank der "Klugen Quarantäne" in Tschechien bald gelockert werden? Bildrechte: imago images/CTK Photo

In der Gesundheitsbehörte erstellt dann ein eigenes IT-Team eine so genannte Erinnerungskarte. Mit Hilfe der Handy-Daten finden die Experten die Orte, an denen sich der Infizierte in den letzten Tagen aufgehalten hat. In einem darauf folgenden Telefongespräch versucht die Behörde dann, den Patienten daran zu erinnern, wo er mit wem in Kontakt war. Diese Menschen werden dann ebenfalls telefonisch kontaktiert und nach Absprache von einem mobilen medizinischen Team besucht, getestet und in die Quarantäne geschickt. Laut Roman Prymula wurden so in der ersten Pilot-Woche in Südmähren zirka 180 Personen getestet. 

Keine Datenspeicherung - trotzdem auch Kritik

Neben den Zivilärzten ist auch das medizinische Personal der Armee an dem Projekt beteiligt. "Alles muss sehr schnell gehen", erklärte Verteidigungsminister Lubomír Metnar im Interview mit dem Radiosender Frekvence 1. Er betonte, dass nach sechs Stunden alle Daten gelöscht werden müssen. Wenn es die Behörden nicht schaffen innerhalb dieser Zeit die Personen zu kontaktieren, müssen sie sich eine neue Erlaubnis von dem Infizierten holen. Sie dürfen jedenfalls keine Daten speichern, so der Minister. 

Tschechien will das System nach Ostern im ganzen Land einführen. Man verspricht sich, dass die "Kluge Quarantäne" die bisherigen Maßnahmen ersetzen könnte. Schon jetzt steht  das Projekt aber in der Kritik der Opposition, die sich um die Datensicherheit sorgt. Die liberale Partei STAN fordert die Gründung einer parlamentarischen Kommission, die die Nutzung dieser Daten überwacht.

Erste App in Deutschland schon am Start

In Deutschland hatte das Robert-Koch-Institut am Dienstag eine erste Corona-App veröffentlicht, mit der Bürger Gesundheitsdaten aus Fitnesstrackern und Smartwatches spenden können, mit denen Wissenschaftler Rückschlüsse auf die Verbreitung des Virus ziehen wollen. Auch andere Länder arbeiten an eigenen Apps, die bislang alle auf Freiwilligkeit setzen.

Auch die von der EU geplante App will auf komplette Anonymisierung und reine Freiwilligkeit setzen. Neu bei dieser App ist die sogenannte Interoperabilität zwischen den Ländern, die grenzübergreifende Wirkung, eine Art Roaming, um über Ländergrenzen hinweg Infektionsketten nachverfolgen zu können.

(hs/hd)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 08. April 2020 | 21:45 Uhr