Mit der Familie auf der Datscha in der Region Iwanowo, Russland.
Die russische Datscha fand auch in Ostdeutschland großen Anklang. Im Unterschied zu den urbanen Kleingärten stand bei den großzügigen Datschen unweit der Stadt nicht das Gärtnern im Mittelpunkt, sondern die pure Erholung. Man musste nichts produzieren oder Vorschriften über die Heckenhöhe einhalten. Bildrechte: dpa

Wochenendhaus-Tradition in Russland Die Datsche als Ort der Freiheit

Das schöne Wetter lockt viele in ihre Kleingärten. In Russland geht die Datschen-Tradition bis auf die Zarenzeit zurück. Später avancierte sie zur Sommerfrische der Russen schlechthin. Aber die tief in der russischen Kultur verwurzelte Datscha ist auch ein Ort der Lebensmittelproduktion.

Mit der Familie auf der Datscha in der Region Iwanowo, Russland.
Die russische Datscha fand auch in Ostdeutschland großen Anklang. Im Unterschied zu den urbanen Kleingärten stand bei den großzügigen Datschen unweit der Stadt nicht das Gärtnern im Mittelpunkt, sondern die pure Erholung. Man musste nichts produzieren oder Vorschriften über die Heckenhöhe einhalten. Bildrechte: dpa

"Petersburg ist leer", grummelte der Dichter und große Selbstdarsteller Alexander Puschkin, der sich nur lebendig fühlte im Mittelpunkt eines großstädtischen Trubels, eines Sommers in den 1830er Jahren. "Alle sind auf den Datschen!" Und tatsächlich hatte damals ein Großteil des Adels und der Besserverdienenden das Leben in der Sommerzeit fast vollständig auf die Landgüter vor den Toren der Stadt verlagert und gab sich dort demonstrativ ungezwungen.

Den ganzen Tag hat man gegessen, gesungen, gelacht, getanzt; man kam ohne Einladung und ging ohne Verbeugungen. Es herrschte Freiheit.

Ein Zeitgenosse von Alexander Puschkin über das russische Datschengefühl

Und auch der Genießer Puschkin wusste derlei Trieben durchaus zu genießen. In seinen Prosa-Skizzen "Wir verbrachten den Abend auf der Datscha" scheint denn auch auf, was am Modell Datscha so reizvoll schien: Es war die Verheißung einer Sozialutopie. Auf der Datscha wurden Standesschranken, Hierarchien und Tabus jeweils einen Sommer lang durchlässig. An diesem Modell labte sich auch der Dramatiker Anton Tschechow, der freilich ein eher ambivalentes Verhältnis zur Datscha hatte. Sein ländliches Refugium auf der Krim galt ihm sowohl als Quelle der Inspiration sowie des quälerischen Stillstands. Geradezu legendär der Stoßseufzer einer seiner der "Drei Schwestern" auf ihrer Datscha: "Nach Moskau! Nach Moskau!"

Die Datscha - ein russisches Kulturgut

Angefangen hatte alles rund hundert Jahre zuvor: Zar Peter der Große schenkte Höflingen, die ihm besonders ergeben waren, Landgüter vor den Toren Sankt Petersburgs. Auf den Landgütern ließ er kleine Holzhäuser errichten. Das war die Geburtsstunde der Datscha, die seither zur russischen Lebenskultur gehört wie Wodka, Matrjoschka und Balalaika.

Lange Zeit war die Datscha ein ziemlich undemokratisches Refugium, das vorwiegend Adeligen, erfolgreichen Künstlern, Kaufleuten und Politikern vorbehalten war. Nach dem Ende des "Großen Vaterländischen Krieges" im Mai 1945 änderte sich das - und zwar notgedrungen. Um der großen Lebensmittelknappheit zu begegnen, verteilte die KPdSU riesige Landflächen an die Bevölkerung. Wer bei der Bewerbung Glück hatte, bekam 600 Quadratmeter Land überschrieben, auf dem er sich ein einfaches Häuschen errichten und Obst und Gemüse ziehen konnte. Er war nun auch ein "Datschnik", ein Datschenbesitzer.

Osteuropa

Russland Die Datscha - ein Fleckchen Glück für Russlands Städter

Datscha Russland
In der Datscha-Saison zieht es Millionen Russen aufs Land. Mehr als drei Viertel der russischen Großstädter entfliehen an den Wochenenden in ihre kleinen Erholungsoasen am Stadtrand. Bildrechte: Evgeny Makarovs
Datscha Russland
Ein Stück Freiheit, die in der Stadt nicht zu haben ist. Bildrechte: Evgeny Makarovs
Einfach mal runterkommen auf einem Sommerhaus in Wladiwostok, Russland
Einfach mal runterkommen und der Stadt entfliehen - wie hier vor einem Sommerhaus in Wladiwostok. Bildrechte: dpa
Besitzer zählen die Zucchini-Erne - Iwanowo, Russland.
... Zucchini ... Bildrechte: dpa
Ein mann und ein Junge ziehen eine Wanne mit Äpfeln durch einen Garten.
Unverzichtbar bei einem Datscha-Ausflug ist eines: das Grillen. Bildrechte: dpa
Datscha Russland
Eine ähnlich ausgedehnte Ferienhauskultur gibt es ansonsten noch in Tschechien, Norwegen, Schweden und Finnland.
(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: "Der Ladogasee" | 20.11.2016 | 9:30 Uhr.)
Bildrechte: Evgeny Makarovs
Datscha Russland
In der Datscha-Saison zieht es Millionen Russen aufs Land. Mehr als drei Viertel der russischen Großstädter entfliehen an den Wochenenden in ihre kleinen Erholungsoasen am Stadtrand. Bildrechte: Evgeny Makarovs
Datscha Russland
Die Datscha ist bis heute ein unverzichtbarer Teil der russischen Kultur geblieben und reicht weit über die 600 Quadratmeter hinaus, die jedes Grundstück umfasst. In vielen Familien ist sie das Herz gemeinsamer Erinnerungen. Die unzähligen persönlichen Erlebnisse und Geschichten verbinden über Generationen hinweg. Bildrechte: Evgeny Makarovs
Mit der Familie auf der Datscha in der Region Iwanowo, Russland.
Die russische Datscha fand auch in Ostdeutschland großen Anklang. Im Unterschied zu den urbanen Kleingärten stand bei den großzügigen Datschen unweit der Stadt nicht das Gärtnern im Mittelpunkt, sondern die pure Erholung. Man musste nichts produzieren oder Vorschriften über die Heckenhöhe einhalten. Bildrechte: dpa
Eine Frau erntet Gurken - Region Iwanowo, Russland
Ganz anders in Russland. Hier waren und sind die Datschas ein Ort für Selbstversorger, die Obst und Gemüse anbauen - wie Gurken... Bildrechte: dpa
Zwiebeln werden eingelagert - Region Iwanowo, Russland.
... oder Zwiebeln. Bildrechte: dpa
eine mit Plakaten tapezierte Wand
Doch nicht immer sind die Datschas großzügige Sommerhäuser mit guter Ausstattung. Manchmal müssen da schon mal Plakate als Wandtapete herhalten. Bildrechte: dpa
Datscha Russland
Viele Datschas sind seit Generationen in Familienbesitz und das Zentrum für viele Feste und Zusammenkünfte. Das Wort "Datscha"  ist abgeleitet von dem russischen Wort "dawat". Es bedeutet "Die Gabe" oder das "Gegebene". Der Datschabesitzer ist der "Datschnik". Bildrechte: Evgeny Makarovs
Datscha Russland
Und nach getaner Arbeit darf es auch mal ein Wodka mit Oliven sein. Bildrechte: Evgeny Makarovs
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Die Datsche als Ort der Freiheit

In den Jahren der Sowjetunion galt die Datsche, erstaunlicherweise ganz ähnlich wie zu Zeiten des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin, als ein Zufluchtsort und als ein Reich der Freiheit. Damals lebte die Mehrheit der Sowjetbürger in sogenannten "Kommunalkas", Gemeinschaftswohnungen, in denen mehrere Familien gemeinsam lebten und in denen Vorhänge oftmals Wände ersetzten.

Die Datscha bot unter diesen Umständen Ruhe und Anonymität, zumal sie keine Anschrift hatte. Hier konnte man gewissermaßen untertauchen, zwanglos reden, Feste feiern. Die eigentliche Bestimmung der Datscha – der Anbau von Obst und Gemüse – konnte unter den wirtschaftlichen Bedingungen in der UdSSR freilich nie ganz aus dem Blick geraten. Die russischen Kleingärtner versorgten zu großen Teilen das kommunistische Riesenreich mit Lebensmitteln.

Villen und Schlösser

Nach 1990 durften die "Datschniki" weiteres Land dazu erwerben. Von diesem Erlass profitierten freilich vor allem neureiche Russen. Sie ließen sich im Umland der großen Städte prunkvolle Villen und Schlösser auf riesigen Grundstücken, von denen zuvor nicht selten alteingesessene, aber nicht zahlungskräftige Datschenbesitzer vertrieben worden waren, errichten. Diese von hohen Mauern umgebenen Refugien werden im Volksmund "Kottedschi" (abgeleitet von "Cottages") genannt.

Ihre Eigentümer zählen zu jenen 40 Prozent der "Datschniki", die ihre Scholle als Hauptwohnsitz nutzen. Ein solch prachtvolles und streng abgeriegelten Anwesen, auf das er sich zuweilen im Helikopter fliegen lässt, nennt auch der russische Präsident Wladimir Putin sein eigen. Neben einem großen Wohnhaus gehören zu seiner Datscha auch ein chinesisches Teehaus, ein türkisches Bad, eine russische und eine finnische Sauna sowie ein See.

Im Grunde dünkelhafte Spießer

Mit dem sozialutopischen Traum von der Datscha als egalitärem Ort und ihren steinreichen Besitzern, die sich als menschenfreundliche Bohemiens fühlen, nur weil es ihnen gelungen ist, einen Ort im Grünen gefunden zu haben, an dem sie sich locker geben dürfen, räumte bereits der Schriftsteller Maxim Gorki vor knapp 100 Jahren gründlich auf. In seinem Stück "Sommergäste" sind die "Datschniki" nichts anderes als dünkelhafte Spießer: "Wir sind Sommergäste, Zugereiste", reflektiert einer von ihnen in einem Anflug von Selbstkritik.

Wir irren geschäftig umher, suchen nach einem bequemen Plätzchen im Leben. Wir tun nichts und reden entsetzlich viel.

Maxim Gorki über die "Datschniki

Laut statistischen Erhebungen verfügt heute jeder dritte Moskauer Haushalt über eine Datscha. Konkret sind das mehr als eine Million Wochenendhäuser, die wie ein Gürtel um die Hauptstadt herum gruppiert sind. Jeden Freitagabend staut sich der Verkehr auf den Ausfallstraßen in Richtung Land. In den Provinzstädten liegt der Anteil der Datschenbesitzer pro Haushalt bei etwa 25 Prozent.

Die "Datschniki" sind wichtigster Obst- und Gemüseproduzent Russlands

Während neureiche Russen und Vertreter der neuen Mittelschicht sich jedoch auf englischen Rasen vor ihren Villen von den Strapazen des Geldverdienens erholen, hat sich für den gewöhnlichen Russen kaum etwas geändert - er befindet sich vom Beginn der Datschensaison Anfang Mai bis in den September hinein wie gehabt im Pflanz- und Ernteeinsatz. Mehr als die Hälfte des in Russland konsumierten Obsts und Gemüses wird von den "Datschniki" produziert. Daran hat sich seit den späten 1980er Jahren, als der sowjetische Staat praktisch zahlungsunfähig war und Gehälter und Pensionen oftmals über Monate hin nicht ausbezahlt wurden, nichts geändert. Die selbst produzierten Lebensmittel waren und sind für viele Russen überlebenswichtig.

"Datscha" und "Datschniki" "Datscha" - abgeleitet von dem russischen Wort "dawat". Es bedeutet "Die Gabe" oder das "Gegebene".

"Datschnik" - Datschenbesitzer.

"Kottedschi" - Besitzer eines Landhauses (abgeleitet vom englischen "cottage")

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: HEUTE IM OSTEN - Magazin | 23.08.2015 | 16:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2019, 05:00 Uhr