Coronapandemie Russland: Flucht auf die Datscha

In Russland ist die Zahl der Corona-Infizierten binnen kurzer Zeit dramatisch angestiegen. Nach Behördenangaben haben sich izwischen rund 291.000 Menschen angesteckt. Viele Moskauer sind vor dem Virus auf ihre Datschen geflüchtet. Hier fühlen sie sich vergleichsweise sicher.

Mit der Familie auf der Datscha in der Region Iwanowo, Russland.
Die russische Datscha: Auch in Coronazeiten ein Ort der Freiheit und Sicherheit Bildrechte: dpa

Auf die Datscha!

Viele Moskauer waren schon zu Beginn der Corona-Krise auf ihre Datschas geflüchtet. Ende März hatte Präsident Putin in einer Fernsehansprache eine arbeitsfreie Woche angekündigt, damit die Menschen zu Hause bleiben - als Maßnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirus. In der russischen Hauptstadt begann daraufhin eine Massenflucht. Mehr als 850.000 Moskauer flohen innerhalb von zwei Tagen hinaus aufs Land in ihre Datschas.

Mittlerweile wurden alle Maßnahmen verlängert. Das Rausfahren auf die eigene Datscha mit dem Auto ist erlaubt und wird vom Moskauer Bürgermeister sogar ausdrücklich empfohlen. Doch von Sorglosigkeit kann auch auf dem Land keine Rede sein. Es herrscht keine Urlaubsstimmung, wie sonst auf den Datschas. Es ist eher ein bedrückender Alltag. Zudem beargwöhnen die Landleute misstrauisch die Städter - sie befürchten, diese könnten das Virus in die Dörfer einschleppen.

Osteuropa

Russland: Sehnsuchtsort Datscha

Datscha Russland
In der Datscha-Saison zieht es Millionen Russen aufs Land. Mehr als drei Viertel der russischen Großstädter entfliehen an den Wochenenden in ihre kleinen Erholungsoasen am Stadtrand. Bildrechte: Evgeny Makarovs
Datscha Russland
Ein Stück Freiheit, die in der Stadt nicht zu haben ist. Bildrechte: Evgeny Makarovs
Einfach mal runterkommen auf einem Sommerhaus in Wladiwostok, Russland
Einfach mal runterkommen und der Stadt entfliehen - wie hier vor einem Sommerhaus in Wladiwostok. Bildrechte: dpa
Besitzer zählen die Zucchini-Erne - Iwanowo, Russland.
... Zucchini ... Bildrechte: dpa
Ein mann und ein Junge ziehen eine Wanne mit Äpfeln durch einen Garten.
Unverzichtbar bei einem Datscha-Ausflug ist eines: das Grillen. Bildrechte: dpa
Datscha Russland
Eine ähnlich ausgedehnte Ferienhauskultur gibt es ansonsten noch in Tschechien, Norwegen, Schweden und Finnland.
(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: "Der Ladogasee" | 20.11.2016 | 9:30 Uhr.)
Bildrechte: Evgeny Makarovs
Datscha Russland
In der Datscha-Saison zieht es Millionen Russen aufs Land. Mehr als drei Viertel der russischen Großstädter entfliehen an den Wochenenden in ihre kleinen Erholungsoasen am Stadtrand. Bildrechte: Evgeny Makarovs
Frau mit Mundschutz auf Datscha in Gorki
In Zeiten von Corona trägt man aber sogar auf der Datscha gelegentlich Mund-Nasen-Schutz. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS
Datscha Russland
Die Datscha ist bis heute ein unverzichtbarer Teil der russischen Kultur geblieben und reicht weit über die 600 Quadratmeter hinaus, die jedes Grundstück umfasst. In vielen Familien ist sie das Herz gemeinsamer Erinnerungen. Die unzähligen persönlichen Erlebnisse und Geschichten verbinden über Generationen hinweg. Bildrechte: Evgeny Makarovs
Mit der Familie auf der Datscha in der Region Iwanowo, Russland.
Die russische Datscha fand auch in Ostdeutschland großen Anklang. Im Unterschied zu den urbanen Kleingärten stand bei den großzügigen Datschen unweit der Stadt nicht das Gärtnern im Mittelpunkt, sondern die pure Erholung. Man musste nichts produzieren oder Vorschriften über die Heckenhöhe einhalten. Bildrechte: dpa
Eine Frau erntet Gurken - Region Iwanowo, Russland
Ganz anders in Russland. Hier waren und sind die Datschas ein Ort für Selbstversorger, die Obst und Gemüse anbauen - wie Gurken... Bildrechte: dpa
Zwiebeln werden eingelagert - Region Iwanowo, Russland.
... oder Zwiebeln. Bildrechte: dpa
eine mit Plakaten tapezierte Wand
Doch nicht immer sind die Datschas großzügige Sommerhäuser mit guter Ausstattung. Manchmal müssen da schon mal Plakate als Wandtapete herhalten. Bildrechte: dpa
Datscha Russland
Viele Datschas sind seit Generationen in Familienbesitz und das Zentrum für viele Feste und Zusammenkünfte. Das Wort "Datscha"  ist abgeleitet von dem russischen Wort "dawat". Es bedeutet "Die Gabe" oder das "Gegebene". Der Datschabesitzer ist der "Datschnik". Bildrechte: Evgeny Makarovs
Datscha Russland
Und nach getaner Arbeit darf es auch mal ein Wodka mit Oliven sein. Bildrechte: Evgeny Makarovs
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Datscha - ein Ort der Freiheit

In den Jahren der Sowjetunion galt die Datsche als ein Zufluchtsort und als ein Reich der Freiheit. Damals lebte die Mehrheit der Sowjetbürger in sogenannten "Kommunalkas", Gemeinschaftswohnungen, in denen mehrere Familien gemeinsam lebten und in denen Vorhänge oftmals Wände ersetzten.

Die Datscha bot unter diesen Umständen Ruhe und Anonymität, zumal sie keine Anschrift hatte. Hier konnte man gewissermaßen untertauchen, zwanglos reden, Feste feiern. Die eigentliche Bestimmung der Datscha – der Anbau von Obst und Gemüse – konnte unter den wirtschaftlichen Bedingungen in der UdSSR freilich nie ganz aus dem Blick geraten. Die russischen Kleingärtner versorgten zu großen Teilen das kommunistische Riesenreich mit Lebensmitteln.

Mehr als eine Million Wochenendhäuser

Laut statistischen Erhebungen verfügt heute jeder dritte Moskauer Haushalt über eine Datscha. Konkret sind das mehr als eine Million Wochenendhäuser, die wie ein Gürtel um die Hauptstadt herum gruppiert sind. Im Moment sind das vor allem Fluchtorte vor dem grassierenden Virus.

Holzschlösschen mit vielen Türmen in einer Gartenlandschaft 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vollbepackt bis unters Dach fahren russische Datschabesitzer am Wochenende aufs Land. Neureiche haben ihre Landwohnsitze sogar zu kleinen Palästen umgebaut.

MDR FERNSEHEN So 11.06.2000 20:15Uhr 04:00 min

https://www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/land-leute/russland-datsche-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell TV | 31. März 2020 | 19:30 Uhr