Interview Estland: Roboter als Richter

KI soll Justiz schneller machen

Ob Parkticket oder Steuererklärung - Estland ist in Sachen Digitalisierung schon jetzt weit vorn. Auch in der Verwaltung übernimmt Künstliche Intelligenz bereits einige Aufgaben. Noch dieses Jahr soll KI auch in der Justiz zum Einsatz kommen. Wie das gehen soll, hat uns in einem Interview der estnischen IT Experten und Digitalisierungsbeauftragten der estnischen Regierung, Ott Velsberg, verraten.

Ott Velsberg
Ott Velsberg, IT-Experte Bildrechte: Ott Velsberg

Ihr Vorhaben, Künstliche Intelligenz (KI) im estnischen Rechtssystem einzusetzen, hat für viel Aufsehen gesorgt.
Was soll die KI in dem Bereich genau machen?

Wir wollen die KI zum Beispiel bei Zahlungsbescheiden einsetzen. Solche Forderungen sollen dadurch schneller bearbeitet werden können, zum Beispiel bei Unterhaltsklagen bis zu 400 Euro im Monat oder bei "Tickets" für Falschparker. Wir haben jedes Jahr 32.000 solcher Verfahren. Die KI würde dabei vor allem die Fakten checken. Es gibt in dem Bereich bei uns ja keine Gerichtsverfahren. Die Fakten werden gecheckt, eine Entscheidung wird getroffen und ein Zahlungsplan festgelegt. Die Menschen können natürlich Widerspruch einlegen. In diesem Fall kümmert sich dann ein Mensch um das weitere Vorgehen.

Ein Vorwurf an Ihre Arbeit ist, dass Sie Menschen durch Computer ersetzen wollen. Ist das Ihr Ziel?

Wir wollen Regierungsentscheidungen effizienter machen. Wenn es möglich ist, sollten dafür Menschen durch Roboter ersetzt werden. Dann haben sie mehr Zeit fürs Denken, also für das, was Menschen eigentlich tun sollten. Das Beste an der estnischen Regierung und der öffentlichen Verwaltung, ja eigentlich an der ganzen Nation ist ja, dass wir mit Eifer daran arbeiten, die Regierung so schnell und effizient wie möglich zu machen.

KI findet in immer mehr Bereichen Anwendung. Gleichzeitig fürchten sich viele Menschen davor, weil sie nicht genug Wissen darüber haben. Muss die Regierung mehr tun, um zu erklären, wozu sie KI nutzt?

Wir versuchen als Regierung so transparent wie möglich zu sein. Alle Daten bei denen es möglich ist, wollen wir zur Verfügung stellen. Wir glauben fest daran, dass die Bürger einen Überblick darüber haben müssen, wie ihre Daten genutzt werden. Sie müssen auch die Möglichkeit haben, über die Nutzung ihrer Daten zu bestimmen. Zum Beispiel wenn man nicht möchte, dass ein Arzt eine bestimmte Information über einen erfährt.

Wie würden Sie erklären, was KI oder ein Algorithmus tut?

In unserer Taskforce, die derzeit an einer KI-Strategie für Estland arbeitet, haben wir künstliche Intelligenz als "Kratt"-Metapher definiert. "Kratt" ist eine Figur aus der estnischen Mythologie. Der Sage nach wurde sie von ihrem Herrn aus Heu und alten Haushaltsgeräten geschaffen. Um sie zum Leben zu erwecken, musste der Herr dem Teufel Blutstropfen von sich opfern. "Kratt" ist also eine Art Helfer des Schöpfers, aber gleichzeitig muss man ihm einen Schritt voraus sein. Ansonsten wächst er über den Herrn hinaus und schadet ihm. Wir müssen also vorsichtig sein, wie wir KI einsetzen, damit sie und am Ende nicht schadet.

Technisch ausgedrückt bedeutet KI, dass eine Maschine die Fähigkeit besitzt, zu lernen und etwas macht, dass normalerweise ein Mensch macht. Der Lernaspekt ist das Wichtigere daran.

Wie können Sie sicherstellen, dass sich keine Hacker von den Daten nutzen machen?

Estland steht an Platz eins des Cybersicherheits-Rankings von insgesamt 107 Staaten. Zudem haben wir das europäische Cyber-Abwehrzentrum im Land. Wir nehmen Cyber-Sicherheit sehr ernst und investieren sehr viel darin.


Ott Velsberg
Ott Velsberg, IT-Experte Bildrechte: Ott Velsberg

Ott Velsberg, 28, ist IT-Experte und seit Sommer 2018 im Auftrag der estnischen Regierung dafür zuständig, Künstliche Intelligenz (KI), Open Data und maschinelles Lernen für die Regierungsarbeit nutzbar zu machen. Gleichzeitig promoviert er an der Universität von Upslala, Schweden.

Zuletzt aktualisiert: 26. April 2019, 11:39 Uhr