Berlinale Russland: Garagen als letztes Refugium russischer Männer

Noch heute gehören sie zum Bild vieler russischer Städte: die Garagensiedlungen. Sie wuchsen ab den 1960er-Jahren und dienten nur kurz als klassische Unterstellmöglichkeit für das eigene Auto. Denn schnell wurden sie zweckentfremdet und hinter ihren Toren entwickelte sich ein soziales und wirtschaftliches Leben - vielerorts bis heute, wie ein Beispiel aus dem russischen Norden zeigt.

Fitnessstudio in einer Garage
Die Garage wurde hier zum Fitnessstudio umfunktioniert. Bildrechte: MDR/Tamtam Film Alex Schneppat

2.000 Kilometer von Moskau, nördlich des Polarkreises, liegt die Kola-Halbinsel. Eine Gegend, in der oft im Juni noch der letzte Schnee fällt. Sie ist reich an Bodenschätzen, und so arbeiten die meisten Einwohner beim einzigen Bergbaukonzern der Region. Die karge Landschaft ist stark durch die Schwerindustrie verschmutzt, der Schnee immer rußbedeckt. Ihre kleinen Freiheiten finden viele Menschen draußen vor der Stadt: Dort stehen Garagen, von denen es hier mehr gibt als Einwohner.

Garagen in Russland 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hinter rostigen Toren verbergen sich die geheimen Refugien vieler russischer Männer: Projektionsflächen großer Träume, kleine Paradiese. Schrottsammler Ilja nutzt die Garage als Produktionsstätte, Roman für seine Wachtelzucht, Pavel schnitzt kunstfertig Heiligenfiguren und Viktor hat seine Garage in jahrzehntelanger Arbeit um vier unterirdische Stockwerke ergänzt.

In den Garagen werden illegale Fischläden betrieben, es wird Schnaps gebrannt oder man zieht sich mit der oder dem Liebsten dorthin zurück. In den Garagen kann man tun, was man will. Aussteigen auf Zeit aus einem Staat, der vielen seiner Bewohner wenige Perspektiven bietet.

Mann arbeitet an seiner Werkbank
Sergej arbeitet an seiner Werkbank. Hier kann er ganz für sich sein. Bildrechte: MDR/Tamtam Film Alex Schneppat

Die Regisseurin Natalija Yefimkina hat die Garagensiedlung der Kola-Halbinsel und ihre "Bewohner" in einem Dokumentarfilm porträtiert, der auf der Berlinale seine Premiere hat. Die Garagen seien Fluchtorte, an denen die Männer auch für einen Moment Freiheit von den Frauen ihrer Familien bekämen, sagte die 37-Jährige. "Es ist eine männliche Welt, die mich als Frau doppelt neugierig gemacht hat – Refugien, die nicht selten illegal ausgebaut sind, in denen sie Geschäfte ohne Lizenzen betreiben und in denen sie ihr Hab und Gut lieber verstecken, als der Öffentlichkeit zu zeigen."

Porträt Natalija Yefimkina
Bildrechte: MDR/Tamtam Film Alex Schneppat

Die Regisseurin des Films "GARAGENVOLK" Natalija Yefimkina (*1983) wurde in Kiew als Kind russisch-ukrainischer Eltern geboren und zog 1995 mit ihrer Familie nach Deutschland. Nach dem Studium der Geschichte und Literatur in Berlin arbeitete sie als Regie- und Produktionsassistentin. Nach mehreren kurzen dokumentarischen Arbeiten ist GARAGENVOLK ihr erster langer Dokumentarfilm und ihr Debüt als Regisseurin.

Der Dokumentarfilm "GARAGENVOLK" ist eine Koproduktion von Tamtam Film und dem MDR, in Zusammenarbeit mit Arte. Der Film ist erstmals im Rahmen der Berlinale 2020 zu sehen und hat am 26.02.2020 Weltpremiere.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR RADIO | 29. Januar 2020 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2020, 06:31 Uhr