Alter Minenschacht.
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Polen, 19.08.2016 Wałbrzych - Stadt der Nazi-Geheimnisse

In Wałbrzych soll ein Schatz vergraben sein. In der Region kommen immer wieder solche Geschichten auf. Der Grund: Die Nationalsozialisten hatten große Pläne für die Stadt und hinterließen ein rätselhaftes Tunnelsystem.

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Die Privathistorikerin Christel Focken beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem "Goldzug" von Wałbrzych. Sie ist sich ganz sicher, dass etwas an der Geschichte dran ist. "Wir haben Geo-Radarbilder von dem Zug, er ist also gesehen worden", sagt sie. Während sie spricht, gräbt sich hinter ihr ein Bagger Schaufel für Schaufel der vermeintlichen Wahrheit entgegen. 

Doch bis dahin ist noch Zeit für Spekulationen. Focken hat zwei Theorien: Die erste ist, dass die Bahn in einem Tunnel versteckt worden ist, der als "Hitlers Garage" dienen sollte. Denn, sagt Focken, für Hitler habe rund um die Uhr ein Zug bereit stehen müssen. Und das nahegelegene Schloss Fürstenstein sei schließlich als Hitlers neues Hauptquartier vorgesehen gewesen. Die zweite Theorie besagt, dass der Tunnel die Zufahrt zu einer "unterirdischen Stadt" sei, die die Nazis hier womöglich haben bauen lassen wollen. 

Rätselhafte Tunnel

Die Ereignisse in der niederschlesische Stadt Wałbrzych, die zu deutschen Zeiten Waldenburg hieß, regen nicht nur die Vorstellungskraft von Christel Focken an. Die Einwohner der Stadt sind mit der Legende des mit Reichtümern beladenen Zuges aufgewachsen. Und diese ist bei Weitem nicht das einzige Geheimnis der Region. Denn die Nazis ließen hier ein weitverzweigtes Tunnelsystem in den Berg schlagen. Doch was es damit auf sich hat, ist bis heute ein Rätsel. 

Zamek Książ (früheres Schloss Fürstenstein) im polnischen  Walbrzych (Waldenburg)
Zamek Książ (früheres Schloss Fürstenstein) im polnischen Wałbrzych (Waldenburg) Bildrechte: IMAGO

Bekannt ist dagegen, dass das Schloss Fürstenstein zu Hitlers neuem Hauptquartier umfunktioniert werden sollte. Zumindest legen die Quellen das nahe. So gibt es ein Dokument mit der Überschrift "Raumbedarf Schloss Fürstenstein". Darin sind unter anderem ein "Arbeitszimmer", "Besprechungs- und Empfangszimmer" sowie ein "Schlafzimmer" für den "Führer" aufgelistet. Auch diverse Baumaßnahmen auf dem Schloss deuten auf die Pläne hin. Zum Beispiel wurde ein Bunker geschaffen. 

Gigantische Dimensionen

Andrzej Gaik ist Fremdenführer. Er öffnet die Stahltür des Bunkers für eine Gruppe Touristen. Die Besucher blicken in die Mündung eines riesigen Maschinengewehrs, das auf sie gerichtet ist. Einst wurde es installiert, um potentielle Angreifer zu durchlöchern. Einige Meter weiter, hinter einer Abzweigung des engen Tunnels, führt ein Schacht hoch in das Schloss. Hier habe ein Aufzug für Hitler gebaut werden sollen, erklärt Gaik. So hätte dieser im Falle eines Bombenangriffes sofort in Sicherheit gebracht werden können.

Gaik ist sich nicht sicher, was die Existenz des "Goldzuges" betrifft, aber er glaubt, dass sich zumindest ein Tunnel an dem vermeintlichen Fundort befindet. Er beschäftigt sich schon seit langem mit der Geschichte der Region. Vor allem der sogenannte Komplex "Riese" fasziniert ihn — ein gigantisches Stollensystem, das Hitlers Rüstungsminister Albert Speer hier 1943 bis 1945 vorantreiben ließ.

Doch mit seinen Nachforschungen kommt er deshalb nicht weiter, weil es keine Dokumente über das unterirdische Bauprojekt gibt. Als die Rote Armee im Frühjahr 1945 nach Niederschlesien vorrückte, flohen die deutschen Ingenieure und Architekten des Projektes nach Westen. Vorher vernichteten sie — nach allem, was man weiß — allerdings sehr gründlich die Baupläne für "Riese". So ist unbekannt, was im Detail wie weit vorangetrieben wurde. Man weiß, dass es mindestens sieben größere, erforschte Teilprojekte gibt.

Deshalb hofft Gaik jetzt, dass der Tunnel, der sich seiner Meinung nach am "Fundort" des "Goldzuges" unter einigen Metern Erde verbirgt, neue Erkenntnisse liefert. Er glaubt, dass dieser ein Verbindungsstück zwischen den unterschiedlichen Teilprojekten sein könnte. Eines davon ist ein zwei Kilometer langes Tunnelsystem unter dem Schloss. Was die Existenz des "Goldzuges" betrifft, ist Gaik eher skeptisch. "Es kann gut sein, dass da ein Zug ist, aber vor allem würde ich mich über Dokumente freuen, die uns zeigen, zu welchem Zweck 'Riese' gebaut werden sollte.“ 

Führungszentrum für die Wehrmacht?

Offensichtlich verfolgten die Nazis damit ein aus ihrer Sicht überaus wichtiges Ziel. Denn die Dimensionen des Projektes sind gigantisch. Aus fragmentarisch erhaltenen Berichten kann man Folgendes rekonstruieren: Insgesamt wollte Speer 359.100 Kubikmeter Beton aufwenden. Insgesamt 130 Millionen Reichsmark waren eingeplant. Das ist viermal so viel, wie das oberirdisch angelegte Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen gekostet hatte, und das 90-fache der Kosten des Führerbunkers in Berlin. Bis zu 23.000 Menschen arbeiteten zeitweise gleichzeitig an dem Projekt. Die meisten von ihnen waren Zwangsarbeiter oder Häftlinge aus dem nahegelegenen KZ Groß-Rosen. Viele von ihnen wurde zu Tode geschunden. 

Über den Zweck des Projektes kann nur spekuliert werden. Vermutet wird, dass ein Führungszentrum für die Wehrmacht entstehen sollte, außerdem eine unterirdische Waffenfabrik für die V2-Rakete.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 16.08.2016 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. September 2016, 08:14 Uhr