Russland Fastenbrechen: Warum Moskaus Muslime auf der Straße beten müssen

In Moskau haben am 4. und 5. Juni 2019 mehr als 200.000 Muslime das Ende des Fastenmonats Ramadan gefeiert. Weil der Platz in den fünf Moscheen der Stadt nicht reicht, beteten Zehntausende auf den Straßen.

Osteuropa

Muslime beeten zum Fest des Fastenbrechens vor der Moskauer Kathedralmoschee.
In der russischen Hauptstadt Moskau versammeln sich die meisten Gläubigen zum Festgebet in und an der Kathedralmoschee. Bildrechte: imago images / Russian Look

Nein, Moskau ist nicht die Hauptstadt einer neuen russisch-islamischen Republik. Auch wenn der eine oder andere Tourist am 4. und 5. Juni 2019 durchaus diesen Eindruck gehabt haben mochte. Denn auf vielen Straßen und Plätzen der russischen Hauptstadt traf man auf Männer mit Gebetskappen auf dem Kopf. Sie standen mit verschränkten Armen vor ihren Gebetsteppichen, bevor sie sich darauf niederknieten. Vor allem am Prospekt Mira, der Friedensallee, die weiträumig von Polizisten abgesperrt war, blickten Betrachter auf ein Meer gebeugter Rücken. Wie alle Muslime auf der Welt, feierten auch sie "Id-al-Fitr"- das Fest des Fastenbrechens, mit dem der Fastenmonat Ramadan zu Ende geht. Aber warum wird in Moskau auf der Straße gebetet?

Muslime beeten beim Fest des Fastenbrechens.
Russisch-islamische Republik? Nein, nur Fastenbrechen in Moskau. Tausende Muslime feiern das auch in Moskau. Bildrechte: imago images / Russian Look

Fünf Moscheen für zwei Millionen Muslime

In Russland leben geschätzt etwa 20 Millionen Muslime. Anders ausgedrückt: Etwa jeder siebte Russe ist Moslem. Allein in Moskau bekennen sich rund zwei Millionen Menschen zum Islam. Doch obwohl die Kathedralmoschee in der russischen Hauptstadt ein prächtiger Bau ist, der auf sechs Stockwerken 10.000 Besucher aufnehmen kann, ist der Platz zum Beten für Moskauer Muslime knapp. In der ganzen Stadt gibt es nur fünf Moscheen. Die meisten sind deutlich kleiner als der Prachtbau am Prospekt Mira. Und das Problem wird sich wohl nicht so schnell lösen lassen. Denn die Moskauer Stadtverwaltung stimmt dem Bau neuer Gebetshäuser zwar regelmäßig zu, zieht sie aber ebenso regelmäßig wieder zurück, weil Anwohner dagegen protestieren. Das früher gute Miteinander von orthodoxen Christen, Atheisten und Muslimen in Russland hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert.

Muslime beeten beim Fest des Fastenbrechens.
Platz zum Beten ist knapp: Viele Muslime müssen ihre Gebete unter freiem Himmel verrichten, weil die fünf Moscheen der russischen Hauptstadt zu wenig Platz bieten. Bildrechte: imago images / Russian Look

Der "gute" und der "schlechte" Islam

Russland ist ein Vielvölkerstaat. Im Gesetz über "Die Freiheit des Gewissens und die religiösen Gemeinschaften" von 1997 heißt es, dass Christentum, Islam, Judentum und Buddhismus untrennbare Teile der russischen Geschichte, Spiritualität und Kultur des Landes darstellen. Vor allem der Islam hat in Russland eine 1.000-jährige Tradition. In zwei Regionen stellen Muslime sogar die Mehrheit der Bevölkerung: Im Südural und im Nordkaukasus. Allerdings unterscheidet sich die Art, wie der Islam gelebt wird, in diesen Regionen deutlich voneinander. Während im Südural, vor allem in Tartastan, dessen Hauptstadt Kazan als das Zentrum der russischen Muslime gilt, ein aufgeklärter, moderner Islam gelebt wird, herrscht im Südkaukasus eine traditionelle Variante vor. Dort wird im Alltag oft noch die Scharia, das islamische Recht, angewandt. Arbeitsmigranten aus diesen zentralasiatischen Gebieten haben das Miteinander von Christen und Muslimen in Russland in den letzten Jahren deutlich geprägt. Vor allem jedoch Terroranschläge unter Mitwirkung islamischer Gruppen, wie die Geiselnahme in einem Moskauer Theater im Oktober 2002 oder die Attentate auf die Moskauer Metro 2010 und die U-Bahn in St. Petersburg 2017, haben zu deutlich antimuslimischen Reaktionen in Russland geführt. Deshalb auch die Proteste gegen den Neubau von Moscheen. Und so werden wohl auch in den kommenden Jahren viele Moskauer Muslime das Fest des Fastenbrechens weiter auf Straßen und Plätzen feiern müssen.

(voq)

Kreml in Kasan und Fluss Kasanka
Orthodoxe Kirche, Kreml, Moschee: Friedliches Miteinander der Religionen in Kazan. Die Hauptstadt Tartastans gilt als Zentrum der russischen Muslime. Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: 07.06.2019 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juni 2019, 16:27 Uhr

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