Sensationsfund am Ostseegrund Expedition zum Bernsteinzimmer: Hebt Polen den Schatz?

Erst vor einer Woche meldeten polnische Hobbytaucher einen Sensationsfund: ein bislang unbekanntes Schiffswrack, in dem sich das verschollene Bernsteinzimmer befinden könnte. Nun steht fest: Der gesunkene Frachter wird noch in diesem Jahr untersucht. Die Schifffahrtsbehörde in Gdingen organisiert eine Tauchexpedition, die Klarheit bringen soll.

Taucher
Hobbytaucher der Gruppe Baltictech sind überzeugt, dass sie das Wrack der "Karlsruhe" gefunden haben, die das Bernsteinzimmer geladen haben könnte. Bildrechte: Tomasz Stachura

Das Bernsteinzimmer war fast zwei Jahrhunderte lang einer der originellsten Räume der Zarenresidenz in Zarskoje Selo bei Sankt Petersburg. Die deutschen Besatzer brachten es 1941 als Kriegsbeute für kurze Zeit nach Königsberg. In den Wirren am Ende des Zweiten Weltkrieges ist es jedoch verloren gegangen - und möglicherweise beim Abtransport in den Westen in den Fluten der Ostsee verschwunden.

Diese Hypothese will die polnische Schifffahrtsbehörde in Gdingen überprüfen. Bis Ende des Jahres wird das mutmaßliche Wrack des deutschen Frachters "Karlsruhe" untersucht, sagte eine Sprecherin der Behörde dem Mitteldeutschen Rundfunk. An Bord des 1945 versenkten Schiffes wird das Bernsteinzimmer vermutet. Das Wrack war erst vor kurzem von polnischen Hobbytauchern identifiziert worden.

Tauchexpedition mit staatlichem Segen

Das genaue Datum der Tauchexpedition und die exate Lage des Wracks sollen den Angaben zufolge geheim bleiben, um Schatzsucher fernzuhalten. An der Expedition sollen 5-6 Mitglieder der Tauchgruppe "Baltictech" teilnehmen, die das Wrack entdeckt hatte. Die Schifffahrtsbehörde werde ein 60 Meter langes Suchschiff zur Verfügung stellen, das während der Herbststürme deutlich sicherer sei als das zwölf Meter lange Boot der Hobbytaucher. Bei der Vorbereitung und Auswertung der Expedition werden nach Angaben der Behörde Archäologen, Denkmalpfleger und das Nationale Schifffahrtsmuseum in Danzig hinzugezogen.

Die Schiffahrtsbehörde werde die Kosten der Expedition übernehmen und neben dem größeren Suchschiff einen der zwei benötigten Unterwasserroboter zur Verfügung stellen, hieß es weiter. Damit sollte es möglich sein, das Wrack genauer zu untersuchen, was bei den ersten Tauchgängen noch nicht möglich war.

Schwierige Tauchbedingungen am Ostseegrund

Das Tauchen am Ostseegrund ist nämlich keine einfache Angelegenheit: Das Abtauchen dauert nur etwa vier Minuten, das Auftauchen aber mehr als zweieinhalb Stunden. "Unten herrschen Temperaturen von etwa vier Grad Celsius und man darf sich dort unten maximal 30 Minuten aufhalten", sagt der Chef des Taucherteams Baltictech, Tomasz Stachura. Dadurch hätten die Taucher nur wenig Zeit, um das Wrack zu erkunden.

Bei der Expedition, die Stachura und seine Mitstreiter nun gemeinsam mit der Schifffahrtsbehörde vorbereiten, sollen aus diesem Grund auch selbstfahrende Tauchroboter eingesetzt werden. Damit könne man drei bis fünf Stunden lang den Meeresgrund rund um das Wrack erforschen, so Stachura. Das sei auch deshalb nötig, weil Teile der Fracht im größeren Umkreis verstreut liegen könnten.

Wrack der 'Karlsruhe'
Im mutmaßlichen Wrack der "Karlsruhe" entdeckten polnische Hobbytaucher unter anderem verrostete Militärfahrzeuge. Bildrechte: Tomasz Stachura

Hobbytaucher sicher: Bernsteinzimmer liegt am Ostseegrund

Die Schifffahrtsbehörde lässt unterdessen Archivdokumente auswerten, um endgültig zu bestätigen, dass es sich um die "Karlsruhe" handelt. Das bislang unbekannte Wrack war erst kürzlich von Stachura und seinem Team entdeckt worden. Ein Jahr lang hatten die Taucher danach gesucht. Es liegt mehrere Dutzend Kilometer nördlich von Ustka (ehemals Stolpmünde) in einer Tiefe von 88 Metern kopfüber am Meeresgrund und ist mit einer Schicht von zwei Meter Schlick bedeckt. In den Laderäumen fanden die Taucher nach eigenen Angaben Militärfahrzeuge, deutsches Porzellan, Dokumentenordner und viele Kisten mit noch unbekanntem Inhalt. Darin vermuten sie Teile oder das komplette seit dem Kriegsende vermisste Bernsteinzimmer, das zuletzt im Königsberger Schloss ausgestellt wurde.

Die "Karlsruhe" sollte Flüchtlinge in Sicherheit bringen

Die "Karlsruhe" war 1945 in die "Operation Hannibal" eingebunden, in deren Rahmen Flüchtlinge aus den damaligen deutschen Ostgebieten vor der anrückenden Sowjetarmee in Sicherheit gebracht wurden. An Bord des 1905 gebauten Frachters befanden sich fast 1.100 Flüchtlinge. Nur 150 von ihnen konnten gerettet werden, nachdem das Schiff von sowjetischen Fliegerbomben versenkt worden war.

Für die Vermutung, dass sich neben den Passagieren auch das Bernsteinzimmer an Bord befunden hat, sprechen lediglich Indizien. Das Schiff war in Pillau (heute Baltijsk) gestartet, dem Vorhafen von Königsberg (heute Kaliningrad). Die damals deutsche Stadt ist der letzte bekannte Standort des Bernsteinzimmers. Der Frachter hatte rund 360 Tonnen geladen, was für ein altes Schiff viel gewesen sei, sagt Baltictech-Chef Stachura im Gespräch mit dem Mitteldeutschen Rundfunk. Die Tatsache, dass es unter Begleitung einer starken Eskorte fuhr, lasse zudem auf wertvolle Fracht schließen.

Die 'Karlsruhe'
Die "Karlsruhe" wurde 1905 auf der Seebeck-Werft in Bremerhaven gebaut. Das Schiff war 66,3 Meter lang und 10,1 Meter breit. Es brach am 12. April 1945 von Pillau aus zu seiner letzten Reise auf. Bildrechte: Tomasz Stachura

Polen: Schatzsucher-Nation

Die Suche nach dem Bernsteinzimmer am Ostseegrund ist übrigens eine verhältnismäßig teure Angelegenheit. Allein der Treibstoff für eine einzige Fahrt mit dem kleinen Boot der Baltictech-Taucher kostet mehrere Hundert Euro, berichtet Stachura - von dem teuren Tauchequipment ganz zu schweigen.

Etwas preiswerter sind Schatzsucher an Land unterwegs. Schatzsuche ist in Polen eine relativ weit verbreitete Freizeitbeschäftigung - viele Bürger durchstreifen mit Metalldetektoren die Wälder in der Hoffnung, alte Münzen oder Militaria aus dem Zweiten Weltkrieg zu finden. Immer wieder sorgen auch größere Schatzsuchaktionen für Schlagzeilen - wie die nach dem "Nazigold" im schlesischen Wałbrzych oder nach dem Bernsteinzimmer im masurischen Mamerki. Bislang wurden aber weder das Nazigold noch der berühmte Bernsteinschatz gefunden. Tomasz Stachura hofft nun, mit Hilfe der polnischen Schifffahrtsbehörde das Rätsel um den Verbleib des Bernsteinzimmers endlich klären zu können.

Baltictech ist eine Tauchgruppe aus dem Raum Danzig, die Wracks in der Ostsee untersucht. Ihr Ziel ist es unter anderem, das Binnenmeer mit seinen zahlreichen Schiffen auf seinem Grund, als eines der interessantesten Tauchgebiete der Welt zu etablieren. Tomasz Stachura gilt als einer der aktivsten Wracktaucher in der Ostsee. Er hat sich auf das Fotografieren von Wracks in großer Tiefe spezialisiert. Im Frühjahr erschien sein Buch "Der Weg des Todes". Darin zeichnet Stachura den Verlauf der "Operation Hannibal" nach.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 2 | 05. Oktober 2020 | 14:00 Uhr