Klimawandel Wird Polen bald zur Wüste?

Seit Tagen übersteigen die Temperaturen in Polen die 30-Grad-Marke. Das Land leidet unter Wassermangel. Einer Kleinstadt ging unlängst das Trinkwasser aus. Das wird in Polen kein Einzelfall bleiben, prophezeien Experten. In absehbarer Zeit müsse sich das Land auf eine Umweltkatastrophe einstellen, als Folge des Klimawandels.

von Olivia Kortas

Menschen
Schwitzen bei mehr als 30 Grad: Ryszard macht die Hitze zu schaffen. Bildrechte: Olivia Kortas

"Das ist hier bald Afrika!", sagt Ryszard und lüftet seine Kappe. 33 Grad. Die Sonne knallt auf den kleinen Mittsechziger. In Ryszards Kleinstadt Skierniewice, östlich von Warschau, floss am vergangenen Wochenende kein Wasser aus den Hähnen. "Meine Tochter musste das Interventionsteam anrufen und um Wasserbeutel bitten", erzählt Ryszard. "Sie wohnt im vierten Stock und tagelang hatte sie kein Wasser in den Leitungen." Die Stadt verteilte am Wochenende mehr als 1.000 Zehnliter-Beutel Trinkwasser an alle, die das Krisentelefon anriefen.

Demnächst nur noch zwei Jahreszeiten

Der Klimawandel trifft Polen hart. Seit einer Woche herrschen Temperaturen von über 30 Grad und die Wettervorhersagen lassen auf keine Abkühlung hoffen. "Alles deutet darauf hin, dass wir bald zwei Jahreszeiten haben statt vier", sagt Paweł Rowiński, Hydrologe und Vizepräsident der Polnischen Akademie der Wissenschaften. "Die Winter werden in Zukunft nass und schneefrei sein, die Sommer trocken und heiß." Der Trend lässt sich schon jetzt ablesen: Der Frühling verging fast unbemerkt. "In den 1970ern stiegen die Temperaturen an vier Tagen im Jahr über 30 Grad", sagt Rowiński. Inzwischen sind es 13 Tage."

Hähne an Tanklaster
In Skierniewice werden die Einwohner aus großen Zisternen mit Wasser versorgt. Bildrechte: Urząd Miasta Skierniewice

Selbstverschuldeter Wassermangel

Polens größtes Problem ist der Wassermangel. Der Grundwasserspiegel liegt tief und ein Großteil des Wassers ist verschmutzt. Das Land verfügt über nur halb so viel Wasserreserven wie der EU-Durchschnitt. "Der Wasserbestand Polens lässt sich mit dem Spaniens vergleichen", sagt Rowiński. Das liegt an den geringen Niederschlägen - aber auch an der Politik.

Im Sozialismus mussten Sümpfe Feldern weichen

"Während des Sozialismus galt die Devise: 'Jeder Getreidehalm zählt', sagt Zbigniew Karaczun, Experte für Umweltschutz an der Warschauer Universität für Landwirtschaft. "Man trocknete Sümpfe und Moore aus, um sie für die Landwirtschaft zu nutzen." Das Wassermanagement habe sich nach dem Systemwechsel nicht gebessert: Die Regierungen haben das Thema bis heute vernachlässigt.

Vom Wassermangel ist besonders die Gegend um die Stadt Łódź, in der auch Skierniewice liegt, betroffen. "In der Nähe wird Kohle abgebaut, wodurch der Grundwasserspiegel deutlich sinkt", meint Karaczun. Und die Energiebranche gräbt sich gewissermaßen selbst das Wasser ab: Kohlekraftwerke benötigen hohe Mengen an Kühlwasser. Daran könnte es bald mangeln.

Die Bürger unterschätzen den Wert des Wassers

Nach Ansicht des Umweltschutzexperten Karaczun ließe sich relativ schnell etwas gegen den Wassermangel tun. Die Regierung müsse nur ihr Projekt, die Ufer von Oder und Weichsel zu betonieren, stoppen und natürliche Gewässer schützen. Schon jetzt fließe das Wasser viel zu schnell in die Ostsee ab.

Menschen
Kein Wasser für den Rasen: Der Stadtpark von Skierniewice. Bildrechte: Olivia Kortas

Doch ob Polen zur Wüste wird oder nicht, hängt vor allem von den Bürgern ab. Die Stadt spart schon sichtbar: Im Schwimmbad von Skierniewice sind die Becken ohne Wasser, das Gras im Stadtpark ist gelb, weil die Kommune keine öffentlichen Flächen mehr bewässert. Den Rasen im Fußballstadion rettete die Feuerwehr mit Abwasser. Und die Bürger? Przemysław Rybicki, der Sprecher der Stadt, verteilte kurzerhand Flyer, die die Einwohner der Stadt um einen geringen Verbrauch baten. Viel brachte das nicht. "Trotz unserer Appelle habe ich immer noch Leute gesehen, die ihre Tannen mit Gartenschläuchen gewässert haben und im Swimmingpool plantschten", sagt Rybicki.

Menschen
Przemysław Rybicki, Pressesprecher von Skierniewice Bildrechte: Olivia Kortas

Und hier offenbart sich das größte Problem: das Unwissen der Menschen. "Die Polen begreifen noch nicht, wie knapp das Wasser in ihrem Land ist", sagt der Hydrologe Rowiński. Denn Wasser sei immer viel zu billig gewesen und Wassermangel kein Thema. Auch in Skierniewice scheinen sich die wenigsten Einwohner Sorgen zu machen: "Ach was, die Lage ist doch nicht ernst", sagt eine Frau im roten Rock, die hastig auf ihrem Handy tippt. "Bei mir jedenfalls läuft Wasser aus dem Hahn und solange wir duschen können, ist ja alles gut."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 28. Juni 2019 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Juni 2019, 11:08 Uhr