Weltkrebstag Diagnose Krebs - Warum Polen schlechtere Karten haben

Wer in Polen die Krebsdiagnose bekommt, hat deutlich schlechtere Chancen, wieder gesund zu werden, als ein vergleichbarer deutscher Patient. Es mangelt an fast allem: Ärzten, Geld, Diagnostikgeräten sowie modernen Medikamenten. Ein Pilotprojekt in Breslau soll nun die Lage verbessern.

Krebs-OP im Onkologie-Zentrum in Breslau.
Krebs-OP im Niederschlesischen Onkologie-Zentrum in Breslau. Im Rahmen eines Pilotprojekts wird hier eine Reihe von Verbesserungen umgesetzt. Bildrechte: Dolnośląskie Centrum Onkologii

Als die berühmte Sängerin Olga Sipowicz 2016 an die Öffentlichkeit trat, war Polen erschüttert. Sie habe Eierstockkrebs und etliche OPs und Chemotherapien hinter sich. Ihre letzte Chance sei ein Medikament namens Olaparib. Doch die Krankenversicherung übernehme die Kosten nicht – rund 5.500 Euro pro Monat.

Das Sterben eines Superstars

Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein, denn Olga Sipowicz war nicht irgendwer, sondern ein Superstar, bekannt unter dem Pseudonym Kora. Tausende Polen werden bei ihren Songs noch heute nostalgisch, erinnern sich an die eigene Jugend in den Achtzigern und Neunzigern, als Kora zahlreiche Mega-Hits kreierte. Die etwas Jüngeren kennen sie als Jurorin der Talent-Show "Must Be the Music", einer Art "Polen sucht den Superstar".

Sängerin Kora Jackowska (POL) mit Schoßhund
Die Sängerin Kora starb mit 67 an Krebs. Sie musste ihre Fans um Spenden bitten, um ihr Medikament zu finanzieren. Bildrechte: imago/Super Express

Am Ende ihres Lebens wurde Kora aber Ikone des Kampfes gegen ein unmenschliche System, das krebskranken Menschen die nötigen Medikamente verweigert. Denn die teure Therapie mit Olaparib war selbst für die wohlhabende Künstlerin finanziell auf Dauer nicht zu stemmen. Sie bat ihre Fans um Spenden und setzte sich dafür ein, dass ihr Medikament künftig erstattet wird. Den Kampf mit der Bürokratie gewann sie schließlich, den Kampf gegen die Krankheit verlor sie aber im Sommer 2018 im Alter von 67 Jahren.

Begrenzter Zugang zu modernen Medikamenten

Dank Koras Engagement ist Eierstockkrebs inzwischen eine der wenigen Krebsarten, bei denen Patienten in Polen Medikamente bekommen, die dem Weltstandard entsprechen. In den meisten Fällen müssen sie mit älteren, weniger wirksamen Präparaten Vorlieb nehmen. Das geht aus einem Report der Stiftung Alivia hervor. Darin wurden die internationalen Therapierichtlinien mit der Realität in den polnischen Krankenhäusern verglichen. Das Ergebnis: Obwohl in den vergangenen 15 Jahren 101 neue Krebsmedikamente in der EU zugelassen wurden, die internationale Therapierichtlinien empfehlen, wird fast die Hälfte davon nicht von der staatlichen Krankenversicherung in Polen bezahlt. Ein weiteres Drittel wird nur unter strengen Auflagen übernommen – wenn die Patienten bestimmte Kriterien bezüglich des Krankheitsverlaufs erfüllen. Nur 23 der genannten Medikamente (also jedes Fünfte) sind völlig frei verfügbar.

Private Spendenaktionen

Viele Krebskranke starten in ihrer Verzweiflung ähnlich wie Kora einen Spendenaufruf und werden dabei oft von Stiftungen wie Alivia unterstützt, die für sie ein individuelles Spendenkonto führt. "Im Rahmen unseres Programms 'Sparbüchse' kann man Geld für krankheitsbedingte Ausgaben sammeln – zum Beispiel für Medikamente, die die Krankenversicherung nicht bezahlt, oder auch für Protonen- oder Immuntherapie, die in Polen gar nicht verfügbar sind, aber zum Beispiel in Berlin und München. Wir betreuen derzeit 300 Kranke in diesem Programm, von denen viele für eine Behandlung in Deutschland sammeln", erzählt die Pressesprecherin der Stiftung Alivia, Magdalena Sulikowska. Auch die Sängerin Kora führte ihr Spendenkonto bei Alivia.

Zehntausende Kranke sterben unnötig

Die Misere schlägt sich in der Sterblichkeitsstatistik nieder. Nur 45,5 Prozent der krebskranken Polen erreichen nach OECD-Angaben ein Überleben von fünf Jahren nach der Diagnose – was in der Onkologie als Heilung gilt. Im EU-Schnitt sind es 54 Prozent, in Schweden sogar 65 Prozent. "Durch die Unterschiede in der Behandlung sterben in Polen unnötig 30.000 Menschen im Jahr", sagt Sulikowska – so viele also, wie eine durchschnittliche Kreisstadt Einwohner hat.

Ärztemangel und lange Wartezeiten

Ein ähnlich trübes Bild zeichnet auch ein Bericht des Obersten Rechnungshofs vom Februar 2018. Dort werden neben dem schlechten Zugang zu modernen Medikamenten viele weitere Probleme aufgezählt - zum Beispiel viel zu lange Wartezeiten auf die nötigen Untersuchungen. Sulikowska kann das bestätigen. Ihre Stiftung veröffentlicht im Internet die aktuellen Wartezeiten: "Wir sammeln Daten von über 500 Einrichtungen. Momentan wartet man auf eine MRT im Schnitt etwa 97 Tage – in dringenden Fällen. In weniger dringenden Fällen sind das rund 170 Tage".

Ein weiteres Problem laut Oberstem Rechnungshof ist der Ärztemangel – vor allem bei den Pathomorphologen, die bei der Krebsdiagnose eine Schlüsselrolle spielen. Zwei von fünf Pathomorphologen sind älter als 60. Auch bei den Vorsorgeuntersuchungen hapert es gewaltig. Obwohl der Staat von 2006 bis 2016 rund 605 Mio. Euro dafür ausgab, gelang es nicht, die Teilnahme daran wie vorgesehen zu steigern, so der Rechnungshof. Und auch die Hausärzte seien zu wenig wachsam in Richtung Krebsdiagnose.

Onkologie-Netzwerk soll Abhilfe schaffen

Eine Ärztin schiebt eine Patientin in einen Magnetresonanztomographen
Eine Ärztin schiebt eine Patientin in einen Magnetresonanztomographen. Bildrechte: imago/Westend61

Doch es gibt auch Hoffnung. Seit Anfang Februar 2019 werden in einem Pilotprojekt eine Reihe von Verbesserungen erprobt. Das Ziel ist ein landesweites Onkologie-Netzwerk. Große Onkologie-Zentren, je eines pro Verwaltungsbezirk, sollen darin die Arbeit der kleineren koordinieren und sie in Fachfragen unterstützen. Dadurch will man eine gleichmäßig gute Versorgung sicherstellen, denn oft haben Patienten aus kleineren Ortschaften deutlich schlechtere Karten.

Eines der zwei Oberzentren, an denen das Model seit inzwischen einem Jahr erprobt wird, ist das Niederschlesische Onkologie-Zentrum in Breslau. Im Rahmen des Projekts bekommen Patienten dort deutlich mehr Unterstützung als bisher. Wenn Krebsverdacht besteht, können sie eine Hotline anrufen, die den passenden Arzt findet und den ersten Termin ausmacht.

Persönliche Assistenten lotsen die Kranken

Bestätigt sich die Diagnose, bekommt der Kranke einen persönlichen Assistenten an die Seite gestellt, der ihn durch das Dickicht der Therapieoptionen lotst. "Dadurch hat der Arzt mehr Zeit, über die Befunde und eine passende Therapie nachzudenken, und muss seine Zeit nicht für Organisationskram verschwenden", erzählt der Direktor des Breslauer Onkologie-Zentrums Dr. hab. Adam Maciejczyk. Ein Assistent entfällt auf etwa 40 Kranke.

Großen Wert legt Maciejczyk in seiner Klinik auch auf schnelle Diagnostik. "Bei uns werden die Patienten recht schnell untersucht. Nicht von heute auf morgen, dafür sind es doch zu viele. Aber wir schaffen den Zeitrahmen von wenigen Wochen, der als optimal gilt", erzählt der Klinik-Direktor. Die Wartezeiten würden zudem laufend überwacht - bei Verzögerungen schalte man zusätzliche Ärzte ein.

Außerdem können Patienten aus kleineren Ortschaften im Rahmen des Netzwerks die erfahrenen Ärzte aus Breslau konsultieren, ohne kräftezehrende Reisen dorthin unternehmen zu müssen. Mit der Zeit sollen bestehende Versorgungslücken geschlossen werden – so wie in Jelenia Góra, wo bereits 2017 mit Hilfe des Breslauer Onkologie-Zentrums eine Radiotherapiestation eingerichtet wurde.

Reicht das neue Netzwerk aus?

Ein Jahr nach dem Startschuss zieht das Gesundheitsministerium eine positive Bilanz der Testphase. So habe sich die Wartezeit auf einen Arztermin bei Lungenkrebsverdacht von zwei Monaten auf zwei tage verkürzt. Die Stiftung Alivia wirft dem Ministerium jedoch Manipulation vor - Testanrufe der Stiftung hätten ergeben, dass die tatsächliche Wartezeit derzeit bei sechs Tagen liege. Außerdem bemängelt die Stiftung, dass sich der Efolg des neuen Onkologie-Netzwerks nur schlecht messen lässt - bei Projektbeginn habe man keine klaren Ziele festgelegt, an denen man das Erreichte messen könnte.

Finanzspritze nötig

Dennoch werdenh diese Veränderungen den Kampf gegen die Krankheit zumindest ein wenig erleichtern. Und sie helfen, die vorhandenen Geldmittel effizienter zu nutzen. Doch ohne eine kräftige Finanzspritze wird sich die Lage der polnischen Krebspatienten wohl nur langsam verbessern. Und die ist nötig, wenn man die Zahlen betrachtet. Im Jahr gibt Polen für die Onkologie nur 42 Euro pro Kopf aus. Im Nachbarland Tschechien sind das mit 85 Euro doppelt so viel und im wohlhabenden Großbritannien liegt diese Summe bei 171 Euro.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: MDR AKTUELL - Spätausgabe | 04.02.2019 | 21:45 Uhr