Feinstaubelastung Smog: Polens dreckigste Stadt

Während der Kohleausstieg in Deutschland 2038 diese Woche beschlossen wurde, setzen die Polen weiter auf Kohle. Selbst Privathaushalte heizen noch gerne mit dem Brennstoff - zu einem hohen Preis: Die Luftverschmutzung im Land ist europaweit eine der höchsten. Doch das Bewusstsein in der "Kohle-Nation" für saubere Luft wächst.

Dunkler Qualm kommt aus einem Schornstein in Luban
Dicker, schwarzer Rauch, der die Luft verpestet: Polen leiden vielerorts unter Smog. Bildrechte: IMAGO photothek

Im Sommer gilt Pszczyna als die "grüne Lunge" Schlesiens. Doch im Winter verwandelt sich die kleine Stadt im Süden von Katowice in genau das Gegenteil: Pszczyna stinkt, die Luft ist dreckig. Denn in der Heizperiode herrscht hier Smog. Die Höchstgrenze für Feinstaubbelastung war 2018 an mehr als 120 Tagen überschritten. Für 2019 liegen noch keine Daten vor, doch es dürfte ähnlich schlecht sein, denn in Rankings der Weltgesundheitsorganisation (WHO) landet die Stadt europaweit regelmäßig auf einem der oberen Plätze in Sachen Luftverschmutzung. Und der Grund dafür: Ein Großteil der Haushalte heizt noch immer mit Kohle.

BU Karte von Polen mit den aktuellen Feinstaubbelastungen airly
Polen mit den aktuellen Feinstaubbelastungen: Im Süden des Land, wo auch Pszczyna liegt, ballt sich die Belastung. Bildrechte: airly.eu

Stadt tauschte bislang Kohleofen gegen Kohleofen

Offizielle Statistiken gibt es nicht, doch die Stadt schätzt, dass rund 10.000 Haushalte der 50.000 Einwohner-Gemeinde noch immer mit Kohle heizen. Dariusz Skrobol ist seit zehn Jahren Bürgermeister von Pszczyna. Er ist sich des Problems bewusst, jeden Wintertag sieht und riecht man die Luftverschmutzung. Nur 15 Prozent der Haushalte in Pszczyna heizen bisher mit schadstoffarmen Gas. 90 Prozent der Haushalte hätten jedoch die Möglichkeit dazu, da die Mehrheit der Häuser an das örtliche Gasnetz angeschlossen ist.

Dariusz Skrobol, Bürgermeister Pszczyna
Dariusz Skrobol, Bürgermeister von Pszczyna, würde auch gerne saubere Luft atmen. Trotzdem finanzierte die Stadt bis 2019 weiterhin Kohleöfen. Bildrechte: MDR/Datan-Grajewski

Trotzdem entscheiden sich die Menschen in Pszczyna für das Heizmittel Kohle. Die ist billiger und die Idee, mit Kohle zu heizen, ist schwer aus den Köpfen wegzudenken: "Wir leben in einem Abbaugebiet für Kohle. Hier wird hauptsächlich auch noch mit Kohle geheizt. Das wird von Generation zu Generation weiter gegeben. Auch wenn die Leute finanziell die Möglichkeit haben, ihre Kohleöfen auf Gas umzustellen, bleiben sie lieber bei Kohle."

Seine Gemeinde fördert die Dämmung von Fenstern und Wänden, da viele alte Häuser kaum isoliert sind. Außerdem finanziert die Gemeinde zu Teilen den Austausch von alten Öfen. 2019 wurden laut Rathaus rund 500 Geräte ausgetauscht. Das Problem dabei ist, dass die Stadt den Austausch alter Kohleöfen bislang mit Kohleöfen einer neuen Generation förderte.

Polen heizen wie im 19. Jahrhundert

Kritik kommt deshalb von Menschen wie Jacek Wolany. Er ist Architekt und wundert sich über seine Landsleute, die sich hochmoderne Häuser bauen, dann aber einen Kohleofen nutzen wollen. "Bislang gibt es noch kein Verbot, Kohleöfen auch in Neubauten zu installieren. Heutzutage können wir Häuser bauen, die energieautark funktionieren. Aber immer noch erlaubt der polnische Staat, Öfen zu installieren, die wie im 19. Jahrhundert funktionieren."

Jacek Wolany engagiert sich in der Anti-Smog-Bewegung "Nie Dokarmiaj Smoga". Ein Wortspiel, da Smog auf polnisch Smog sowie Drache bedeutet. Frei übersetzt: "Füttere den Smog nicht". Die Bürgerbewegung will die dreckige Luft in Pszczyna nicht mehr hinnehmen. "Ich merke den Smog täglich: Ab 16 Uhr habe ich eigentlich immer Kopfschmerzen. Denn um diese Uhrzeit kommen die Menschen von der Arbeit nach Hause und fangen an zu heizen."

drei Aktivisten von der Organisation "Nie Karmijmy Smoga"
Das Architektenehepaar Wolany und die Lehrerin Antes Szewczyk: Die Aktivisten von der Organisation "Nie Karmijmy Smoga" versuchen zurzeit, mit einer Onlinepetition auf die Stadt Einfluss zu nehmen. Bildrechte: MDR/Datan-Grajewski

Das Problem ist facettenreich: Denn es ist nicht einfach Kohle, die verbrannt wird, sondern vor allem billige, heimische Kohle von geringer Qualität. Die brennt schlecht und erzeugt extremen Feinstaub. Sie ist in Polen nicht verboten. Eine städtische "Smog-Patrouille" kontrolliert Häuser aus deren Schornsteinen es verdächtig schwarz rußt. Doch der Rauch wird in vielen Fällen von "legaler" Kohle erzeugt. Die städtischen Mitarbeiter können dann nichts tun, da es in Polen bislang keine Grenzwerte für den Schadstoffausstoß bei Kohleöfen gibt.

Die Menschen verbrennen Müll, weil der besser brennt als Kohle

In einigen Fällen kann die "Smog-Patrouille" jedoch nachweisen, dass nicht ausschließlich Kohle, sondern auch Abfall wie Autoreifen oder alte Möbel verheizt wurde. Dann gibt es ein Strafgeld von bis zu 5000 Zloty, umgerechnet rund 1160 Euro.

"Die Leute verbrennen ihren Müll. Einfach weil Müll besser brennt als Kohle. Zum Beispiel PET-Plastikflaschen. Das ist bei uns auch so eine Plage, gegen die wir kämpfen", sagt Aleksandra Antes Szewczyk. Sie ist Lehrerin und engagiert sich gemeinsam mit dem Architekten Jacek Wolany in der Bürgerbewegung "Nie Dokarmiaj Smoga".

Gruppe von Schüler und Anti-Smog-Aktivisten.
Über ihre Schüler versucht die Lehrerin Aleksandra Antes Szewczyk (hier in Rot), das Thema "Luftverschmutzung" in die Familien zu tragen. Sie gibt regelmäßig Workshops zum Thema. Bildrechte: "Nie karmijmy smoga"

Hohe Feinstaubbelastung begünstigt Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Lungenerkrankungen, Atemwegsinfektionen und manchmal sogar Lungenkrebs. In Polen sterben jedes Jahr 44.000 Menschen vorzeitig in Folge einer Smog-Vergiftung. 33 der 50 Städte mit der höchsten Luftverschmutzung der EU liegen der laut der WHO in Polen.

Bürger solidarisieren sich mit den Aktivisten

Die Stadtaktivisten meinen, dass die Stadt zu wenig gegen den Smog tue und fordern stärkere Kontrollen sowie strengere Vorschriften seitens der Gemeinde. Denn es gibt zwar einige Förderprogramme, diese seien jedoch ineffektiv. Die Aktivisten setzen sich für eine Inventur aller Haushalte ein, um erst einmal festzustellen, welche Öfen überhaupt verbaut sind und haben knapp 3000 Unterschriften in einer Onlinepetition gesammelt. Die wollen sie dem Bürgermeister Anfang Februar übergeben und damit Druck auf die Stadtoberen ausüben.

Polen will keinen Kohleausstieg

Der Bürgermeister wiederum sieht nicht seine Gemeinde, sondern die Regierung in Warschau in der Pflicht, strengere gesetzliche Vorgaben zu machen: "Die Lösung muss von der Regierung kommen. Die aktuelle Regierung macht sich für Kohle stark und daher die vielen Probleme, die damit verbunden sind", sagt Dariusz Skrobol. Für die polnische Regierung hat die Reduktion von CO2-Emissionen keine Priorität. Das Land setzt weiter auf Kohle als Energieträger. Derzeit erzeugt unser Nachbar etwa 80 Prozent seiner Energie mit dem fossilen Brennstoff und hat damit den mit Abstand höchsten Kohleanteil aller 28 EU-Länder.

Die Aktivisten aus Pszczyna können nur weiter auf ihren Bürgermeister einwirken. Denn andere polnische Städte zeigen, dass ein Verbot von Kohleöfen durchaus auch auf lokaler Ebene möglich ist. Auf diese Weise hat Krakau dem Smog den Kampf angesagt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Februar 2020 | 07:40 Uhr