Tschechien Streit um Prags neue Metro-Rolltreppen

Die tschechische Hauptstadt tauscht ihre Metro-Rolltreppen aus Sowjetzeiten aus. Und das sorgt für Ärger: Die neuen sind nicht nur langsamer, der Umbau dauert bereits seit zwei Jahren. Dem will Prag nun ein Ende setzen.

An der Metrostation "Flora" in der tschechischen Hauptstadt geht es für Reisende rasch abwärts. 90 cm pro Sekunde – so schnell fahren die alten sowjetischen Rolltreppen der Marke "Leningrad". Mit Kinderwagen brauche man da sehr viel Übung, scherzt der Prager Oleg. Aber dank seinen drei Kindern, die er regelmäßig durch die Prager Metro transportiert, sei er inzwischen Profi. Doch vorsichtig bleibt er dennoch.

Zu gefährlich und zu schnell

Für den Umbau gibt es mehrere Gründe: Auf den alten Modellen gäbe es zu viele Unfälle, sagt Petr Vondráček, Leiter der Abteilung Beförderungseinrichtungen bei den Prager Verkehrsbetrieben und der Herr aller Prager Metro-Rolltreppen. Außerdem verbrauchten sie mehr Strom und entsprächen nicht einer EU-Norm, denn sie führen zu schnell. Dank einer Ausnahmegenehmigung dürfen sie aber dennoch weiter in den Abgrund sausen. Der Großteil der insgesamt 260 Rolltreppen wurde bereits modernisiert – und entschleunigt, 43 des ursprünglich sowjetischen Bautyps sind noch übrig.

Alte sowjetische Rolltreppe von "unten".
Bereits eine Rarität: Das Antriebsrad der alten "Leningrad". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Umbau geht nur langsam voran

Viele Prager kritisieren die lange Dauer der Umbau-Arbeiten. Laut Adam Scheinherr, Bürgermeister für Verkehr und studierter Ingenieur, ließe sie sich jedoch kaum verkürzen. Denn beim Austausch wird auch der Rolltreppentunnel erneuert, an den Arbeiter sonst nicht gelangen können. Außerdem ist es nicht möglich, die Treppe anderswo zusammenzubauen und die fertige Treppe zu montieren, sie muss mühsam vor Ort aus Einzelteilen zusammengebaut werden. Und die alten Treppen abzubauen, dauert auch seine Zeit: Eine einzige Stufe der alten Rolltreppe wiegt 40 Kilo. Bei den neuen ist es nur die Hälfte.

Die neuen Rolltreppen nerven

Zwei Stationen von der "Flora" entfernt, wo noch die alten Rolltreppen in Betrieb sind, am "Namesti Miru" geht es bereits ruhiger zu: Gerade einmal 60 cm pro Sekunde schafft die Rolltreppe hier. Es ist ein neues Modell – und es nervt, schimpfen vor allen die jüngeren Prager. Zwei Minuten und zwanzig Sekunden langweilt man sich hier auf Prags längster Rolltreppe. Gäbe es noch die alten sowjetischen Schellläufer, würde man eine halbe Minute pro Fahrt sparen – kostbare Lebenszeit, die sich summiert. Der 32-jährige Alex, der die neue Rolltreppe jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit nutzt, hat berechnet, dass er nun im Jahr 3,5 Stunden mehr darauf steht. Er wünscht sich die alten sowjetischen Modelle zurück.

Mann auf Rolltreppe in Prager Metro
Der 32-jährige Alex meint: Die neuen Rolltreppen sind verschenkte Lebenszeit! Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Baustopp für neue Treppen

Die letzten 43 "Leningrad"-Treppen sollen nun erhalten bleiben. Die Stadtverwaltung will den Umbau stoppen, da die Kosten zu hoch seien. Allein an der Metrostation "Anděl", einem der zentralen Umsteigepunkte der Stadt, kostete der Austausch 225 Mio. Kronen (8,7 Mio. Euro), dabei wurde dort nur ein Teil der Rolltreppen ersetzt.

Mehr Zeit für Taschendiebe

Trotz aller Kritik gehen die Prager gelassen mit dem Umbau um. Nur eine Berufsgruppe sei für den Umbau aller Rolltreppen, wird in Prag gewitzelt. Taschendiebe hätten auf den langsameren Treppen mehr Zeit ihrer Arbeit nachzugehen.

Warum sind die Metro-Rolltreppen so lang? Weltbekannt ist die Prager Metro für ihre langen in die Tiefe führenden Rolltreppen. Diese Schächte waren absichtlich in die Tiefe gelegt worden, sie sollten zu Zeiten des Kalten Krieges im Notfall als (Atom-)Schutzbunker für die Bevölkerung dienen.

(Handrick/adg)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 06. September 2019 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. September 2019, 05:00 Uhr

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