Rammstein in Russland: Nirgends gehen die Fans mehr ab

Die deutsche Rockband Rammstein genießt in Russland seit Jahren Kult-Status. Für ein Autogramm stehen Fans schon mal elf Stunden an.

von Maxim Kireev

Till Lindemann
Immer in Pose: Till Lindemann, Sänger von Rammstein. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Als Sergej Khlan die Deutschen zum ersten Mal sah, war er schockiert. Sein Gesicht wurde rot vor Scham. Till Lindemann stand da gerade auf der Bühne und holte seine Penisattrappe heraus, aus der Wasser zu spritzen begann. Eigentlich hatte ihm sein Vater die CD mit der Konzertaufnahme seiner Lieblingsband geschenkt. "Ich hatte Rammstein zuvor nur gehört und auf Bildern gesehen. Ich wäre am liebsten im Boden versunken", lacht Sergej heute.

Rammstein-Fans müssen Tickets jagen

Seiner Liebe zu Rammstein hatte das jedoch keinen Abbruch getan. Heute ist der 28-Jährige einer von Hunderttausenden Fans der deutschen Band, die in Russland Kultstatus genießt. Schon viele Monate im Voraus waren die beiden kommenden Konzerte in Russland ausverkauft. Am 29. Juli tritt die Band aus Deutschland erst im berühmten Luschniki-Stadion auf, wo im vergangenen Jahr das Finale der Fußball-WM ausgetragen wurde. Am 2. August folgt eine Show in der Fußball-Arena in der zweitgrößten Stadt des Landes Sankt-Petersburg. Zahlreiche Fans berichteten schon im Dezember, dass die Tickets, die schubweise in den Verkauf gelangten, immer nach wenigen Momenten ausverkauft waren. Manche verbrachten Tage vor dem Computer, um die Internetseite des Ticketanbieters immer wieder zu aktualisieren.

Schwerer Start für Rammstein

Dabei hatten die deutschen Rockstars keinen leichten Start in Russland. Ihr erstes Konzert vor gut 17 Jahren in Moskau musste wegen vorangegangen Ausschreitungen rechter Nationalisten abgesagt werden. Offenbar fürchteten die Machthaber damals, russische Neonazis könnten das geplante Konzert stören. Später forderten Mitglieder des Petersburger Stadtparlaments, die Band für ihre provokante Show zu bestrafen. Der heutige Duma-Abgeordnete Witali Milonow bezeichnete die Show als amoralisch. Auch der Song "Moskau", Rammsteins Hymne auf die russische Hauptstadt als Sündenpfuhl störte politische Aktivisten, die Unterschriften für ein Konzertverbot sammelten. Den größten Skandal erlebte Till Lindemann jedoch, als Caviar-Phone, ein Hersteller von teuren Accessoires im russisch-patriotischen Stil, den Sänger als Botschafter für seine vergoldeten iPhones mit dem russischen Doppeladler missbrauchen wollte. Der Hersteller postete ein Foto von Lindemann im T-Shirt mit Putins Gesicht auf der Brust. Später musste der Hersteller jedoch einräumen, Putins Konterfeit auf Lindemanns Shirt mit einem Bildbearbeitungsprogramm hinzugefügt zu haben.

Die Mitglieder der Gruppe Rammstein stehen in Moskau auf der Bühne.
Schwerer Start für Rammstein in Russland: Ihr erstes Konzert in Moskau im Juni 2002 wurde abgesagt. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Elf Stunden Schlange stehen für ein Autogramm

Für den Russen Sergej Khlan spielen solche Konflikte keine große Rolle. Seine Liebe zu Rammstein wurzelt in seiner Kindheit. "Als ich Rammstein hörte, da war ich etwa zehn oder elf Jahre alt. Ein kleiner Junge, den alle hänselten. Rammstein war für mich das männlichste, was es auf der Welt gab, ich habe wohl versucht, damit etwas zu kompensieren", meint der 28-Jährige, der heute als Psychologe in der kleinen Provinzstadt Ostashkow ein paar Hundert Kilometer nördlich von Moskau arbeitet. Erst später begann er, sich mit den Texten auseinanderzusetzen, Biographien und sogar Gedichte von Lindemann zu lesen. "Vergangenen Winter, als Lindemann sein Gedichtband in Sankt-Petersburg vorstellte, habe ich insgesamt elf Stunden angestanden für ein Autogramm und ein verschwommenes Foto mit dem Sänger auf Instagram", erklärt Khlan. Auch Anfang August wird er wieder dabei sein beim Auftritt in Sankt-Petersburg.

Till Lindemann
Autogramme von Rammstein-Sänger Lindemann sind so begehrt, dass manche Russen elf Stunden dafür anstehen. Bildrechte: imago/Russian Look

"Du riechst so gut"

Doch längst nicht für alle haben die Tickets gereicht. Denis Ushakow, der im nordrussischen Murmansk Veranstaltungen moderiert, ist leer ausgegangen. Momentan werden die Tickets zudem für etwa 100 bis 200 Euro gehandelt. Viel Geld in einem Land mit einem Durchschnittsgehalt von etwa 600 Euro. Er selbst war jedoch schon zwei Mal bei Rammstein-Auftritten in Moskau vor drei Jahren. Auch seine Liebe zu Rammstein begann vor fast zwei Jahrzehnten, genaugenommen mit der VHS-Kasette "Live aus Berlin". "Mein Onkel hatte irgendwo die Konzertaufnahme aufgetrieben, seitdem ging es los", erinnert sich der 31-Jährige. Erst mit dem Internetzugang kam auch die Möglichkeit, sich mit den Texten auseinanderzusetzen. "Manche sind sehr simpel, andere ironisch oder sogar romantisch". Sein Lieblingslied sei "Du riechst so gut". "Ich habe das sogar schon ein paar Mal Mädchen vorgesungen, in die ich verliebt gewesen bin", erinnert sich der Rammstein-Fan.

Fans der Band Rammstein in Moskau
Rammstein-Konzert in Moskau: Nirgends gehen die Fans so ab wie in Russland. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Nichts sei jedoch vergleichbar mit einem Liveauftritt von Rammstein, so Denis Ushakow. Die Band mache immer eine Riesenshow, habe ihren eigenen Stil. "Für uns in Russland ist es immer ein Fest, wenn es ein großes Rockkonzert gibt, weil das selten passiert." Er habe selber schon viele europäische Rock-Shows auf Youtube gesehen, nirgends würden die Fans so abgehen wie in Russland.

Till Lindemann: Russische Staatsbürgerschaft? Gerne!

Die Liebe der Russen beruht, zumindest bei Till Lindemann, offenbar auf Gegenseitigkeit. So erklärte der Rammstein-Frontmann in einem Interview mit der "Komsomolskaja Prawda", er hätte nichts dagegen, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Nicht jedoch, um Steuern zu sparen, wie beispielsweise der französische Schauspieler Gerard Depardieu, sondern aus rein praktischen Gründen: "Damit mich jeder nach Russland einladen kann und ich mich nicht mit der Bürokratie bei der Einreise quälen muss."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. Juli 2019 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Juli 2019, 19:38 Uhr

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