Coronavirus Rumänien: Wie ein Virus das Gesundheitssystem in die Knie zwingt

Auch in Rumänien hat das Coronavirus den Alltag der Menschen radikal verändert. Doch die größte Sorge bereiten vielen nicht die Ausgangssperren, sondern die mangelhafte Gesundheitsversorgung im Lande. Sie befürchten, dass sie nun mit den Folgen ihres seit Jahren geschwächten Gesundheitssystems konfrontiert werden. Aber die Menschen gewinnen der Situation auch Positives ab.

OP-Saal
Marode: Manche Krankenhäuser in Rumänien sind ausgestattet wie vor 50 Jahren. Bildrechte: MDR/Annett Müller

In Rumänien stehen wir noch am Beginn der Corona-Krise. Mit knapp 1.000 Infizierten liegen wir immer noch hinter vielen europäischen Ländern. Und doch sieht man auf meiner Straße keinen Menschen mehr. Einerseits wegen der am 25. März verhängten Ausgangssperre, andererseits, weil die Menschen hier verängstigt sind.

Es ist zwar seit langem bekannt, dass das Gesundheitssystem in Rumänien schwach und keinesfalls auf eine Krisensituation vorbereitet ist, aber was jetzt in den hiesigen Krankenhäusern geschieht, hat sogar unverbesserliche Optimisten ein bisschen erschreckt. Alles begann vor ein paar Tagen mit dem Facebook-Post einer Krankenschwester aus dem Bezirkskrankenhaus in Suceava, einer Stadt im Norden des Landes. "Obwohl mindestens 18 Ärzte und einige Krankenschwestern aus dem Klinikum bereits mit dem Coronavirus infiziert sind, hat uns der Direktor heute alle zur Arbeit gerufen und uns im selben Raum versammelt, die bereits infizierten Mitarbeiter zusammen mit den Verdachtsfällen und den Gesunden. Sie hielten uns dort beisammen wie die Schafe. Es wird schlimm sein hier, glaubt es mir." Es wurde bald bekannt, dass mehr als 80 Ärzte und Pflegekräfte positiv getestet worden sind und das Klinikum geschlossen wird.

Müllsäcke als Schutzkleidung

Derweil kam eine weitere Schreckensmeldung aus einem Krankenhaus im Osten des Landes: Ein an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorbener Patient war tagelang nicht getestet worden und hatte möglicherweise mehr als 30 Mitarbeiter infiziert. In einem Klinikum in Bukarest waren 70 Ärzte und Pflegekräfte isoliert worden, nachdem ein an COVID-19 erkrankter Patient erst nach fünf Tagen getestet worden war, in einem anderen weitere 38 medizinische Mitarbeiter, die ungeschützten Kontakt mit einem positiven Patienten gehabt hatten. Die Krankenhäuser scheinen eins nach dem anderen zu kollabieren. Ärzte aus verschiedenen Regionen schlagen Alarm, dass es an Tests, Schutzkleidung und klaren Richtlinien mangelt. In den Medien erschienen Fotos eines Arztes aus der Stadt Craiova, der mangels Schutzausrüstung mit Heftpflaster befestigte Müllsäcke an den Füßen trägt. Etwa 10 Prozent der mit dem Coronavirus infizierten Rumänen sind Ärzte und Krankenschwestern.

Gesundheitsminister tritt zurück

Am Donnerstag trat der rumänische Gesundheitsminister überraschend zurück, was zu noch mehr Unruhe bei den sowieso schon besorgten Rumänen führte. Wie sollte man mit ungeschützten Ärzten, die nacheinander infiziert werden, gegen eine Pandemie kämpfen?

Wenig später kam glücklicherweise auch eine gute Nachricht: Ein NATO-Transport mit 45 Tonnen medizinischer Ausrüstung aus Südkorea war gerade in Bukarest gelandet. Die Meldung schien die angespannten Gemüter einigermaßen zu beruhigen.

Eine Welle der Solidarität

Mittlerweile beschlossen zahlreiche Rumänen, die Hände nicht in den Schoß zu legen und begannen Hilfe zu organsieren: Mehrere NGOs sammelten Spenden und kauften medizinische Ausrüstung und Corona-Tests für die Krankenhäuser, Fabriken und Werkstätten stellen ihre Produktion um und stellen Desinfektionsmittel oder Schutzmasken her. In den Großstädten haben Freiwillige lokale Netzwerke aufgestellt, die die Einkäufe für ältere Menschen und Personen aus der Risikogruppe erledigen. Restaurants liefern kostenlose Lebensmittel an Kliniken. Manche Taxifahrer transportieren Ärzte und Krankenschwestern kostenlos. Wir erleben eine Demonstration der Solidarität, der Großzügigkeit und der Menschlichkeit, wie sie unser Land seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat.

In den sozialen Netzwerken tauchten Regenbogenplakate auf, die von den in ihren Häusern isolierten Kindern gezeichnet wurden. Die Botschaft, die man von den Fenstern Italiens kennt, sind bei uns in Rumänien angekommen: "Andra tutto bene". "Totul va fi bine". "Alles wird gut".

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 27. März 2020 | 17:45 Uhr