Stalin-Statue
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Russen wählen den größten russische Held aller Zeiten

Rund fünf Millionen Russen beteiligten sich 2008 an der Wahl des "größten russischen Helden aller Zeiten". Und sie stimmten wohl mehrheitlich für Stalin. Zum Sieger wurde jedoch ein anderer Kandidat bestimmt …

Stalin-Statue
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Im Frühsommer 2008 starteten der staatliche Fernsehsender "Rossija", das Moskauer "Historische Institut" sowie die Stiftung "Gesellschaftliche Meinung" eine groß angelegte Umfrage, die "Historische Wahl 2008": Sie wollten von ihren Landsleuten wissen, wen sie für den "größten russischen Helden aller Zeiten" halten. Sechs Monate lang konnten die Russen per Telefon, Mail oder SMS abstimmen, 500 historische Persönlichkeiten standen zur Wahl. Nach etwa anderthalb Monaten hatte sich der Kreis der Helden auf 50 reduziert.

Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa
Die Kosmonauten Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa gehörten zu engeren Kreis der russischen Helden. Bildrechte: dpa

Zu den bereits ausgeschiedenen "Helden" zählte unter anderem und gar nicht einmal so überraschend Michail Gorbatschow, den die überwiegende Mehrheit der Russen für den Untergang ihres einst riesigen und mächtigen Imperiums verantwortlich macht. Gut im Rennen befanden sich aus dem Zirkel der Politiker hingegen noch Boris Jelzin, Pjotr Stolypin, Nikita Chruschtschow nebst diversen Zaren. Hinzu kamen etliche Kulturschaffende – Puschkin, Tolstoi, Dostojewski. Tschaikowski, Tschechow – sowie die Helden der Raumfahrt Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa. Von den sogenannten Dissidenten hatte lediglich Andrej Sacharow die "Vorrunde" überstanden. Seltsamerweise spielten die sowjetischen Literaturnobelpreisträger Boris Pasternak und Alexander Solschenizyn, der in seinen Werken den Terror der Stalin-Ära beschrieben hatte, keine Rolle. Selbstredend auch nicht die Dichterinnen Marina Zwetajewa oder Anna Achmatowa …

Stalin, Stalin, Stalin

Josef Stalin auf einem Landwirtschaftskongress in Moskau. (1935)
Dikator Stalin - vermutlich für die Mehrheit der Russen Volksheld Nr. 1. Bildrechte: imago/Russian Look

Das Ergebnis, dass sich im Hochsommer 2008 abzeichnete, ließ Historiker und kritische politische Kommentatoren erschaudern: An erster Stelle lag - "Väterchen Stalin". Der "verdiente Mörder des Volkes" (Bertolt Brecht) hatte einen riesigen Vorsprung vor seinen Mitbewerbern und schien uneinholbar. "Die Menschen kennen die Wahrheit einfach nicht", kommentierte der Leiter des Moskauer Historischen Instituts, Wladimir Lawrow, bekümmert den Zwischenstand. Und kritisierte, dass Stalins Politik in den Schullehrbüchern schon wieder als Heldentaten für Russland gefeiert würde. So gesehen müsse man sich, so Lawrow, über das Ergebnis nicht wundern.

Sorgen machten sich einige politische Kommentatoren auch über die "Außenwirkung": Stalins Erfolg bei der Umfrage sei der "beste Trumpf für Russlands Feinde", schrieben sie. So jedenfalls werde Russland der Welt keineswegs beweisen können, dass es sich gewandelt habe. Erschwerend kam nämlich hinzu, dass Platz 3 kein anderer belegte als Stalins Ziehvater – der Gründer der UdSSR, Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Dass den zweiten Platz der legendäre Moskauer Sänger und Schauspieler Wladimir Wyssozki innehatte, war unter diesen Umständen nur eine Randerscheinung. 

Fingiertes Endergebnis?

Die Wahl schien also gelaufen, alles nur noch reine Formsache. Doch das Endergebnis, das im Dezember 2008 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, lieferte eine große Überraschung: Stalin war vom ersten Platz verdrängt! Statt seiner war der Großfürst Alexander Newski zum "größten russischen Helden aller Zeiten" gekürt worden. Platz zwei belegte der selbst in Russland nur Fachleuten bekannte zaristische Diplomat und Ministerpräsident Pjotr Stolypin. Und erst auf Platz drei fand sich – Josef Stalin. Zwar immer noch eine Blamage für das offizielle Russland, aber wenigstens schien Stalin nun nicht mehr der größte Held der Russen zu sein.

Doch es meldeten sich sofort Stimmen, die meinten, dass das Ergebnis "von höchster Stelle" inszeniert worden sei. Und diese Vorwürfe schienen keineswegs aus der Luft gegriffen zu sein. Denn Alexander Newski hatte alle Monate über nur im hinteren Mittelfeld rangiert und war urplötzlich an die Spitze marschiert. Und der unbekannte Stolypin, der sich immer ganz am Ende der Liste befunden hatte, mit einem Male zweitliebster Held der Russen? Dies schien nun tatsächlich äußerst unwahrscheinlich und deutlicher Beleg dafür, dass aus Furcht vor einer internationalen Blamage das Ergebnis frisiert worden sei. Dafür sprach auch das Ergebnis einer – wenn auch nicht repräsentativen – Umfrage des Radiosenders "Echo Moskau" wenige Tage nach Bekanntgabe des "größten russischen Helden aller Zeiten": 55 Prozent der Hörer gaben an, Stalin sei ihr größter Held.

Lenin landete übrigens am Ende auf Platz sieben, Wladimir Wyssozki war aus der Spitzengruppe herausgefallen und auch nicht mehr unter den ersten Zwölf. Aber das interessierte niemanden mehr. Alles drehte sich nur noch um Stalin und die angebliche Sehnsucht der Russen nach "einem starken Führer".

(Zitate aus: Stalin, der größte russische Held aller Zeiten?, Der Standard, 9.7.2008; Stalin gehört zu den beliebtesten Helden der Geschichte, Mitteldeutsche Zeitung, 29.12.2008)

(zuerst veröffentlicht am 24.04.2014)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: TV | 11.08.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. April 2014, 16:21 Uhr

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