Zamek Książ (früheres Schloss Fürstenstein) im polnischen  Walbrzych (Waldenburg)
Das Schloss Fürstenstein - auf polnisch Zamek Książ - bei Wałbrzych profitiert vom Goldzug-Boom des vergangenen Jahres. Bildrechte: IMAGO

Polen: Nazischätze als Touristenmagnet

Der Goldzug von Walbrzych hat im Jahr 2016 für einen kleinen Touristenboom in der niederschlesischen Stadt gesorgt. Seitdem haben Nazischätze wieder Konjunktur in Polen.

Zamek Książ (früheres Schloss Fürstenstein) im polnischen  Walbrzych (Waldenburg)
Das Schloss Fürstenstein - auf polnisch Zamek Książ - bei Wałbrzych profitiert vom Goldzug-Boom des vergangenen Jahres. Bildrechte: IMAGO

Piotr Koper gibt nicht auf. Der Unternehmer und Hobbyschatzsucher wagt einen neuen Versuch, den sagenumwobenen Goldzug der Nazis im niederschlesischen Wałbrzych zu finden. Seit Ende Juni untersuchen er und sein Team erneut die Bahnstrecke zwischen dem Ort - wo er den Zug seit 2015 vermutet - und Breslau. Mit Georadar-, Gravitations- und Magnetfeldmessungen arbeiten sich die Schatzsucher die "Trasse Nr. 65" entlang.

Zweifel an Existenz des Goldzugs

"Wir machen so lange weiter, bis wir Ergebnisse haben", sagte Koper dem Lokalsender "TV Wałbrzych" - mindestens bis Ende Juli. Dabei gehen Koper langsam die Unterstützer aus. Sein einstiger Geschäftspartner, der Deutsche Andreas Richter, ist nicht mehr an Bord. Und auch das öffentlich Interesse schwindet. Denn polnische Wissenschaftler haben Kopers Radarbilder - die den Hype um den Goldzug ausgelöst hatten - bereits vergangenes Jahr als Fake entlarvt.

1970 kamen erstmals Gerüchte auf, rund um das Schloss Fürstenstein bei Wałbrzych hätten die Nazis in den letzten Kriegstagen einen gepanzerten Zug vergraben, der mit geraubtem Gold und Kunstschätzen aus den Ostgebieten beladen war. Als Beleg galt vielen, dass Zwangsarbeiter 1945 unter dem Schloss ein Stollensystem für ein neues Wehrmachts-Hauptquartier gegraben haben. Den kann man bis heute besichtigen. Beweise dafür, dass dort ein Goldzug vergraben wurde oder überhaupt existiert, gibt es bis heute nicht.


Tourismusboom trotz abflauendem Hype

Vielen Goldzug-Enthusiasten war das egal. 2016 erlebte die Region einen kleinen Touristenboom durch Besucher, die wegen des medialen Berichterstattung auf den Goldzug aufmerksam geworden sind. So kamen zum "Festival der Geheimnisse" noch im August 2016 hunderte Besucher. Der findige Geschäftsmann Dariusz Domagala hatte sich da das Label Goldzug bereits gesichert. Auf T-Shirts und Plakaten ließ er den Schiftzug drucken, auch Goldzug-Bier und -Schokolade verkauft Domagala.

Domagala betreibt neben einem Hotel und einem Restaurant auf dem Schloss auch den Lokalsender TV Wałbrzych, der bis heute über die Suche berichtet. Doch der Hype ist abgeflaut. "Außerhalb der Gegend bekommt kaum noch einer mit, dass weiter gesucht wird", erklärt Maciej Majzner vom Schloss Fürstenstein auf Nachfrage. Ausgezahlt hat sich die Aufmerksamkeit trotzdem, rechnet Majzner vor: "2016 kamen 30 Prozent mehr Besucher als im Jahr davor. Und dieses Jahr liegen wir sogar noch acht bis zehn Prozent über diesem Wert." Der Name Wałbrzych ist nun weltbekannt.

Christel Focken 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neues vom Bernsteinzimmer

Nazischätze und Medien: dass das funktioniert, hat man auch andernorts registriert, etwa in den Masuren. Denn da sorgt diesen Sommer ein anderer Nazi-Schatz für Aufmerksamkeit: das legendäre Bernsteinzimmer. Dessen hunderte Millionen Euro-teure Inneneinrichtung war 1941 von den Nazis aus dem besetzten Leningrad - dem heutigen Sankt Petersburg - geraubt worden. Später verlor sich die Spur der Teile und beflügelte Generationen von Schatzsuchern.

In Nordostpolen wurde das Bersteinzimmer schon häufiger vermutet. Auch von Bartłomiej Plebańczyk, der das kleine Museum des Zweiten Weltkriegs in Örtchen Mamerki in den Masuren betreibt. Auf dem Gelände des ehemaligen Oberkommandos des Heeres gibt es mehrere unzugängliche Bunker, die seit Kriegsende verschüttet sind. Plebańczyk behauptet immer wieder, dass dort Teile des Bernsteizmmers unter der Erde lagern würden. Echte Beweise gibt es auch hier nicht.

30 Prozent Nazi-Aufschlag

Gegraben wurde trotzdem mehrfach - ohne Erfolg. Nun wagen Plebańczyk und einige Helfer einen neuen Versuch. "Bereits kommenden Dienstag geht es los", sagt der Museumsdirektor. Dann wollen sie eine verschütten Bunker aufbohren. Mit dabei: ein Fernsehteam aus Kanada, das eine Dokumentation über Kriegsschätze der Nazis dreht. Die Kanadier haben auch für die Grabung bezahlt.

"Ohne das Geld hätten wir es gar nicht versucht", gab Plebańczyk bereits vorab gegenüber polnischen Medien zu. Die kommen aber trotzdem. "Ein paar lokale Radiostationen haben sich angekündigt," sagt er: "Vielleicht kommt sogar jemand vom Privatfernsehen." Lohnen würde sich der Aufwand allemal. "Seitdem erstmals von der geplanten Grabung berichtet wurde, sind die Besucherzahlen im Museum klar angestiegen", erklärt Plebańczyk: "Im Vergleich zum vergangenen Jahr um etwa 30 Prozent." Um die nicht zu enttäuschen, gibt es immerhin einen Nachbau des Bersteinzimmers in Mamerki.

Die Konkurrenz schläft nicht

Doch die Freude über das wachsende Interesse am Museum könnte von kurzer Dauer sein. Immerhin gibt es hunderte Orte, die als mögliches Versteck des Zimmer gehandelt werden. Schnell widmen sich die Medien wieder anderen vermeintlichen Verstecken. Diesen Frühling berichtete ein polnischer Fernsehsender bereits Sensationelles:

"Die größte Entdeckung des 21. Jahrhunderts. Das Bersteinzimmer wurde entdeckt: im Schloss Fürstenstein", begann der Bericht. Es war ein Stück von TV Wałbrzych. Veröffentlicht wurde das Video auf YouTube am 1. April. Der Top-Kommentar darunter: "Das ist eine Lüge! Das Bernsteinzimmer steht bei mir."

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR Aktuell | 12.08.2016 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Juli 2017, 17:07 Uhr

Ein Angebot von