Öl-Unglück in Sibirien Russland nach Umweltkatastrophe: Bürgermeister schuld?

Nach der Umweltkatastrophe bei Norilsk in der russischen Arktis wird gegen den Bürgermeister ermittelt. Ihm werden Untätigkeit und Fahrlässigkeit vorgeworfen. Unterdessen gehen die Aufräumarbeiten weiter und das Ausmaß der Verschmutzung wird sichtbar.

Nach dem verheerenden Öl-Unglück in Sibirien wird gegen den Bürgermeister der nahegelegenen Stadt Norilsk wegen Fahrlässigkeit ermittelt. Bürgermeister Rinat Achmetschin sei seiner Verpflichtung, den Öl-Teppich einzudämmen, nicht nachgekommen, erklärte das russische Ermittlungskomitee.

Nachdem der Bürgermeister vom Auslaufen des Öls aus einem Kraftwerks-Tank erfahren hat, habe Achmetschin "nicht die erforderlichen Maßnahmen ergriffen, um auf die Notfallsituation zu reagieren und mit den Konsequenzen umzugehen". So habe der Bürgermeister keine Maßnahmen ergriffen, um das Auslaufen des Öls zu kontrollieren. Ebenso wenig habe er den örtlichen Einsatz koordiniert - meinen die Ermittler. Im Fall einer Verurteilung drohen dem 55-jährigen Bürgermeister bis zu sechs Monate Haft.

Außerdem wurden bereits der Leiter des Kraftwerks, der Chefingenieur und sein Stellvertreter verhaftet. Mittlerweile befinden sich vier Mitarbeiter des Kraftwerks in Gewahrsam. Den drei Managern wird vorgeworfen, bereits 2018 notwendige Reparaturen an dem Unglücks-Treibstofftank nicht ausgeführt zu haben.

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Norilsk
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Aufräumarbeiten

An den Aufräumaktion sind etwa 700 Mitarbeiter beteiligt, und rund 270 Fahrzeuge, elf Schiffe und drei Hubschrauber. Auf die Abraumhalde auf dem Gelände des betroffenen Kraftwerks wurden bereits mehr als 7.700 Tonnen verschmutze Erde gebracht.

Fünf Millionen Quadratmeter verschmutzt

Der Schadstoffgehalt in den betroffenen Gewässern liegt momentan 24fach über der Norm. Anfangs war die Rede von einer Verschmutzung auf einer Fläche von 180.000 Quadratmetern. Auf der Seite der Regionalregierung ist nun aber von einer Verschmutzung des ufernahen Areals auf etwa fünf Quadratkilometern die Rede - das entspricht fünf Millionen Quadratmetern.

Diesel erreicht Süßwassersee

Es gab widersprüchliche Angaben, ob die Diesellache den See Pjasino, rund 20 Kilometer von Norilsk entfernt, erreicht hat. Der Gouverneur der Region Krasnojarsk, Alexander Uss, hat diese Information jetzt bestätigt. Jetzt gelte es zu verhindern, dass das Dieselöl in den Pjasina-Fluss gelange, sagte Gouverneur Uss diese Woche nach Angaben der Nachrichtenagentur Inferfax. Aus dem etwa 70 Kilometer langen Pjasino-Süßwassersee entspringt der Pjasina-Fluss, der für die Wasserversorgung der gesamten Taimir-Halbinsel wichtig ist. Der Fluss wiederum mündet in die arktische Kara-See.

Männen bergen Diesel im Wasser.
Bislang halten Ölsperren und Dämme den Brennstoff in den Flüssen weitgehend zurück. Anfang der Woche hatten die Behörden jedoch eingeräumt, dass die schwimmenden Barrieren auf dem Fluss Ambarnaja die Ausbreitung des Ölteppichs nicht gestoppt gänzlich hätten. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Was war passiert?

Aus einem Tank des Kraftwerks der Betreiberfirma Norilsk Nickel in Sibirien waren Ende Mai 21.000 Tonnen Dieselöl ausgelaufen, dessen Ausbreitung bisher noch nicht gestoppt werden konnte. Weite Strecken des Flusses Ambarnaja sowie der 70 Kilometer lange Pjasino-See wurden verschmutzt. Die Ölflecken in der Tundra sind selbst aus dem All zu sehen.

Umweltschützern zufolge handelt es sich um den schlimmsten derartigen Unfall in der Arktis überhaupt. Der russische Greenpeace-Ableger verglich das Unglück mit der Exxon-Valdez-Katastrophe vor der Küste Alaskas 1989. Wegen des Unglücks in Sibirien wurden bereits mehrere Vertreter der Betreiberfirma festgenommen.

Permafrost taut

Doch während die Behörden derzeit mit den unmittelbaren Folgen der Katastrophe und der Suche nach den Verantwortlichen beschäftigt sind, scheint das Dieselleck auf ein größeres Problem hinzudeuten, das Russland zunehmend beschäftigen dürfte. Das Katastrophenschutzministerium sieht die Ursache des Lecks nämlich im tauenden Permafrost: Die globale Erwärmung weiche die sonst stets gefrorenen Böden der russischen Arktis auf. Dadurch sei das Betonfundament ins Wanken geraten, was Risse im Tank nach sich zog. Eine Einschätzung, die auch das Unternehmen Norilsk Nickel teilt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 12. Juni 2020 | 17:45 Uhr