Sorbische Woche Wie sorbisch ist Prag?

Tschechen und Lausitzer Sorben sind Verwandte. Spuren der Sorben finden sich noch heute in Prag. Zum Beispiel eine Bibliothek mit 10.000 sorbischsprachigen Bänden und Plastiken sorbischer Bildhauer auf der Karlsbrücke.

Die Tschechen und die Lausitzer Sorben – zwei slawische Nachbarn im Herzen Europas, die seit Jahrhunderten ein enges Verhältnis verbindet. Und möglicherweise sogar mehr als das: Es gibt die Vermutung, dass Böhmens erste christliche Herrscherin, die Heilige Ludmilla, aus einem sorbischen Geschlecht aus der Oberlausitz stammt. Ausgerechnet die erste böhmische Heilige und die Großmutter des Heiligen Wenzels, des böhmischen Landespatrons, könnte so Tschechen und Sorben zu einer Familie zusammenbinden.

Tschechen und Sorben: Eine Familie

Unter den Luxemburgern sind Sorben und Böhmen dann seit dem 14. Jahrhundert auch in einem Staatsgebilde vereint. Kaiser Karl IV. integriert die Markgrafschaft Lausitz 1367 in die böhmischen Kronländer. Fast 270 Jahre hält das Band. Erst während des 30-jährigen Krieges wird die Lausitz 1635 aus dem böhmischen Staatsverband herausgelöst und gelangt an Sachsen – unter der Auflage, dass die Bewohner an ihrem katholischen Glauben festhalten dürfen. An den gotischen Brückentürmen der Karlsbrücke erinnert bis heute das Wappen der Lausitz an die einstige Zugehörigkeit des Landes zu Böhmen.

Ausbildung sorbischer Eliten in Prag

Die sorbischen Beziehungen in das ebenfalls katholisch dominierte Böhmen bleiben aber auch über die neue Grenze eng. Zahlreiche Spuren zeugen bis heute davon. Von dem sorbischen Barock-Bildhauer Maćij Wjacław Jakula (zu deutsch: Mathias Wenzel Jäckel) stammen drei prachtvolle Statuengruppen auf der Karlsbrücke - gleich die ersten, wenn man die Brücke auf der Altstädter Seite betritt und stromabwärts blickt: die heilige Anna mit dem Jesuskind (1707), die Madonna mit den Heiligen Dominikus und Thomas von Aquino (1708) und die Madonna mit heiligen Bernhard (1709). Jakula sorgte auch für den Statuenschmuck des Lausitzer Seminars. 1704 hatten die sorbischen Brüder Simanec eine Stiftung und bald danach auch ein Wohnheim für Lausitzer Studenten in Prag gegründet. Das Seminar, an dem sorbische Priester ausgebildet wurden, entwickelte sich zu einem der wichtigsten Zentren des sorbischen geistigen Lebens vor allem im 18. und 19. Jahrhundert. Die Schulen und Hochschulen in Prag blieben durch die Jahrhunderte wichtige Bildungsstätten für die sorbischen Eliten. Über die Zeit hinweg bot das slawische Prag zudem immer wieder Inspiration aber auch Zuflucht für sorbische Intellektuelle.

Erinnerungskultur: 10.000 sorbische Bücher

Heute erinnert in Prag noch der Straßenname "U lužického semináře" an das sorbische Priesterseminar, das bis in die Zwischenkriegszeit Bestand hatte. In dem historischen Gebäude unweit der Karlsbrücke residiert heute das Verbindungsbüro des Freistaates Sachsen und auch der Verein der Freunde der Lausitz. Ihren Platz hat hier auch die Michal-Hórnik-Bibliothek, mit mehr als 10.000 Bänden einer der bedeutendsten sorabistischen Bibliotheken, die ihren Ursprung in der Bibliothek des Priesterseminars hat und 1784 erstmals erwähnt wurde. Die Bibliothek ist heute wieder eine kulturelle Brutstätte an der tschechisch-sorbischen Schnittstelle. Zahlreiche Initiativen haben hier ihren Ausgangspunkt. So ist für den Sommer eine Ausstellung zu den tschechisch-sorbischen Beziehungen auf der Prager Burg geplant. Doch nicht nur in der Hauptstadt will man an die engen wechselseitigen Verbindungen neu anknüpfen. Gerade entlang der Grenzen gab es traditionell viele Kontakte – doch die Erinnerung daran ist oft verblasst; viele Tschechen sind erst nach 1945 in die Grenzgebiete gekommen. Im nordböhmischen Liberec / Reichenberg sollen daher im Herbst die Sorbischen Kulturtage mit mehr als 30 Veranstaltungen an das einst reiche Zusammenleben erinnern – und es ein gutes Stück weit auch wieder aufleben lassen. 

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