Polen entdeckt den Spargel

Spargel ist eines der beliebtesten Gemüse in Deutschland und die Deutschen gelten als regelrechte Spargelnarren. Den Polen waren die "königlichen Stangen" bis vor kurzem herzlich egal. Nur die wenigsten Polen kannten das Gemüse, fast die gesamte Produktion war für den Export betimmt. Jetzt verfällt das Land regelrecht dem Gemüse: Die Landwirte spüren die höhere Nachfrage, denn in den Läden darf Spargel nicht mehr fehlen.

von Olivia Kortas

Spargel Polen
Der Vater von Antoni Kminikowski hat Spargelsamen nach dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland mitgebracht. Damals war das Gemüse in Polen fast gänzlich unbekannt. Bildrechte: Olivia Kortas / MDR

"Einmal kam eine Frau und wollte ein Kilo Spargel kaufen. Da erzählte ich ihr, dass Spargel wie Viagra wirkt", sagt Antoni Kminikowski und lacht so herzlich, ihm fällt fast der frisch geerntete Spargel aus der Hand. "Da nahm sie gleich zwei Kilo mit!", wimmert er heiser durch das Lachen hindurch. In seiner Region in Nordostpolen brachte der 68-jährige Bauer den Spargel vor allen anderen auf die lokalen Märkte. Bis vor kurzem kannten nur die wenigsten seiner Kundinnen und Kunden das Gemüse. Denn lange Zeit baute Polen das Gemüse fast nur für den Export an. Doch das ändert sich gerade.

Die Spargelernte hat sich verdoppelt

Die polnische Spargelproduktion steigt, die Preise sinken und Spargel, der lange als Luxusgemüse galt, wird zum neuen Trend in der polnischen Küche. Der Verband der Polnischen Spargelproduzenten gibt an, Polen ernte bis zu 13.000 Tonnen des Gemüses. Vor vier Jahren produzierte das Land nur etwa halb so viel. Vor allem der Westen des Landes ist für den Spargelanbau bekannt, aber auch in Ostpolen und um die Großstädte wie Warschau entstehen immer mehr Spargelfelder.

Spargel: Neuer Trend in der polnischen Küche

Lange Zeit ging der polnische Spargel vor allem nach Deutschland, Frankreich, die Niederlande, die skandinavischen Länder und Großbritannien. Doch inzwischen bleibt der Großteil der Ernte in Polen. Und das ist sichtbar: Die Restaurants in Warschau bieten Spargelsuppe an, in den Lebensmittelläden gibt es grünen und weißen Spargel frisch vom polnischen Feld, nicht nur in Warschau, sondern auch in der Provinz. Selbst in Ostpolen, wo das Gemüse bis vor kurzem kaum bekannt war, landet es immer öfter auf den Tellern. "Wir Polen kannten Spargel lange Zeit nur, weil wir nach dem Mauerfall nach Westeuropa zur Ernte fuhren, um Geld zu verdienen", sagt Bauer Kminikowski.

Spargel Polen
Ob frisch vom Bauern oder im Supermarktregal - Spargel ist in Polen ein Modegemüse geworden. Bildrechte: Olivia Kortas / MDR

Vom Nischenprodukt zum Bestseller

Der Spargel zieht gewissermaßen von Westen nach Osten. Kminikowskis Vater war während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und brachte von dort Samen mit. Sein Boden war sandig genug, die Ernte gelang Jahr für Jahr und der Sohn übernahm den Anbau. Kminikowski konnte beobachten, wie das Gemüse von einer Rarität zum Renner wurde. "Früher musste ich auf Märkte fahren und meinen Spargel dort anpreisen", sagt der Bauer. Es sei schon öfter vorgekommen, dass er zwei Schubkarren voll Spargel auf den Kompost werfen musste, weil sich keine Käufer fanden. "Mittlerweile reservieren ihn die Ladenbesitzer und holen ihn sogar direkt vor meiner Tür ab", sagt er. Dabei ist Spargelessen ein teures Vergnügen: Ein Kilo Spargel kostet in Polen umgerechnet vier bis fünf Euro, deutlich mehr als andere Gemüsesorten.

Von Mai bis Mitte Juni: In Polen wird nur kurz geerntet

Spargel Polen
Die Spargelernte ist in Polen kürzer als in Deutschland. Wer zu lange erntet, verringert seine Erträge in den Folgejahren, so Kminikowski. Bildrechte: Olivia Kortas / MDR

In Polen ist die Erntezeit klimabedingt kurz. Während sie in Deutschland bereits Anfang April beginnt, kann Kminikowski die ersten Spargelstangen erst Anfang Mai schneiden. "Und wehe, man erntet nach dem 24. Juni!", sagt er. "Das habe ich einmal gemacht, damit wir auf der Hochzeit meiner Tochter frischen Spargel haben." Noch zwei Jahre später seien die Erträge der Pflanzen mickrig ausgefallen. Der Bauer exportiert nicht, er verdient sich mit seinem Feld nur etwas Geld hinzu. "Aber ich war kürzlich auf einer Messe, da hatten die richtige Prachtexemplare", sagt er. "Mit Spargel lässt sich schon Geld machen!"

Glänzende Geschäfte, wenn's in Deutschland schlecht läuft

Polnische Bauern profitieren vor allem dann, wenn die deutsche Ernte schlecht ist. "Die Deutschen haben ja einen Vogel mit ihrem Spargel", sagt Kminikowski. Er erinnere sich noch gut an ein Jahr, in dem die Ernte in Deutschland gering ausfiel. "Na, in diesem Jahr gab es für die Polen sowieso keinen Spargel, denn den kauften komplett die Deutschen auf!", sagt er und lacht wieder laut.

Spargelstechen in Deutschland nicht mehr beliebt

Und noch etwas ändert sich: Die polnsichen Erntehelfer, die bislang den Spargel auf deutschen Feldern aus der Erde holten, bleiben immer häufiger weg - zum einen weil die Verdienstmöglichkeiten im eigenen Land deutlich besser geworden sind, zum anderen weil andere Branchen in Deutschland besser zahlen und qualifiziertere Jobs bieten. Die deutschen Spargelbauern müssen ihre polnischen Saisonarbeiter daher regelrecht umwerben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 07. Mai 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2019, 06:00 Uhr

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