Blick auf Sankt Petersburg
Blick auf Sankt Petersburg Bildrechte: imago/UIG

Tourismus Russland will Einreise radikal vereinfachen

Der Tourismus soll Geld in Russlands Kassen spülen. Dafür gibt die Regierung sogar alte Prinzipien auf. Seit Kurzem können Touristen unkompliziert nach St. Petersburg einreisen - ein Modellprojekt für ganz Russland.

Blick auf Sankt Petersburg
Blick auf Sankt Petersburg Bildrechte: imago/UIG

Auf die ersten Besucher warteten Kamerateams lokaler Sender und ein großer gelber Kater, das Maskottchen des St. Petersburger Flughafens, der kostenlose Souvenirs verteilte. Die Flieger aus dem Iran und aus Ungarn, knapp nacheinander gelandet, hatten die ersten Touristen an Bord, die mit dem neuen elektronischen Visum nach Russland eingereist waren. Sie gehörten zu den Glücklichen, die keine komplizierten Formulare ausfüllen und oft mehr als 100 Euro an Dienstleister bezahlen mussten, um an eine russische Einreiseerlaubnis zu kommen.

Testlauf an drei Orten

Seit Oktober läuft in Sankt Petersburg und der Region Primorje im äußersten Osten des Landes ein Pilotprojekt. Das soll künftig die Einreise nach Russland radikal vereinfachen. In der russischen Exklave Kaliningrad, dem einstigen Königsberg, läuft das Experiment bereits seit Juli. Binnen weniger Monate hatte die staatliche Tourismusbehörde "Rostourizm" in Kooperation mit dem Wirtschaftsministerium eine Reform durchgepeitscht, die für russische Maßstäbe überaus mutig wirkt.

Wer für acht Tage Sankt Petersburg, Kaliningrad oder Russlands Fernen Osten bereisen will, der braucht weder eine Hotelbestätigung noch eine Einladung eines Reiseveranstalters. Ein ausgefülltes Online-Formular und ein hochgeladenes Foto reichen aus. Die Bearbeitungszeit beträgt nach Angaben des russischen Außenministeriums vier Tage, einschließlich Wochenenden und Feiertagen.

Touristen in Sankt Petersburg
Touristen vor der Eremitage Bildrechte: imago/Sven Simon

Das elektronische Visum gilt dann 30 Tage und erlaubt innerhalb dieser Zeit eine einmalige Einreise und einen Aufenthalt von bis zu acht Tagen. Nach Ablauf der 30-tägigen Gültigkeit kann es neu beantragt werden. Einzige Einschränkung: Die Reisenden dürfen sich nur in einer der Regionen aufhalten, für die das Visum beantragt wurde. Bisher gelten diese Erleichterungen für Staatsangehörige von 53 Ländern, darunter Deutschland und alle anderen EU-Staaten.

Erste Bilanz

Und die erste Bilanz kann sich durchaus sehen lassen. Ein Ansturm ist zwar, wie auch erwartet, ausgeblieben. Jedoch haben allein für Sankt Petersburg in den ersten drei Wochen mindestens 20.000 Menschen ein elektronisches Visum beantragt. Und das, obwohl die Reisesaison für die zweitgrößte Stadt Russlands eigentlich wegen der berühmten kurzen Sommernächte um die Monate Juni und Juli liegt. In Kaliningrad melden die Behörden sogar 45.000 Touristen, die von den neuen Regelungen Gebrauch machten. 2021, so der Plan, soll das Experiment dann auf ganz Russland angewendet werden.

Touristen im Schloss Peterhof in Sankt Petersburg
Sehenswürdigkeit Schloss Peterhof in Sankt Petersburg Bildrechte: imago/Aurora Photos

Milliarden durch Tourismus

Bisher hatte es sich Russland zum Prinzip gemacht, die gleichen strengen Visaregeln für Touristen anzuwenden, die auch Russen erfüllen müssen, um in die EU zu gelangen. Das hielt vor allem Individualreisende oft davon ab, ihren Urlaub in Russland zu verbringen.

Touristen in Sankt Petersburg
Touristen posieren auf dem Palastplatz in Sankt Petersburg. Bildrechte: imago images/Xinhua

Doch seit Russland den Tourismus zu einem gewinnbringenden Wirtschaftszweig machen will, nimmt die Regierung Abstand davon. Gleich nach seiner Wiederwahl hatte Wladimir Putin versprochen, den Export von Gütern und Dienstleistungen, die nicht zum Rohstoffbereich zählen, auf 250 Milliarden US-Dollar jährlich zu verdoppeln. Das soll Russland weniger anfällig für Schwankungen der Öl- und Gasmärkte machen. Der Tourismus soll demnach bis zum Jahr 2024 14 Milliarden Euro an Einnahmen bringen, etwa doppelt so viel wie bisher.

Mehr Touristen, aber nicht um jeden Preis

Allein die neuen Visa-Regelungen sollen dazu führen, so der Plan der Regierung, dass der Zustrom an Touristen kräftig steigt. "Die alten komplizierten Regeln waren eines der größten Hindernisse bei Urlaubsreisen nach Russland", sagt Ekaterina Schadskaja von der Union der Russischen Tourismusindustrie. Sie hofft, dass viele Kurzurlauber und Spontanreisende, etwa aus dem benachbarten Finnland oder Schweden, nach St. Petersburg kommen. "Das würde die starke Saisonalität etwas ausgleichen und die Hotels auch abseits der Hochsaison im Sommer füllen", hofft Schadskaja. Nach offiziellen Angaben der St. Petersburger Stadtverwaltung hatten im vergangenen Jahr 3,9 Millionen ausländische Touristen Russlands zweitgrößte Stadt besucht. Insgesamt wollen die Stadtväter den ausländischen Touristenstrom verdoppeln.

Doch selbst jene, die vom Tourismus in der Stadt leben, wollen nicht, dass dies um jeden Preis geschieht. Elena Bobrowa bietet private Touren für englischsprachige Touristen an und hofft, dass sich mehr Individualtouristen nach Russland trauen. "Unter Kollegen hat diese Nachricht große Hoffnungen geweckt, dass mehr Individualreisende nach St. Petersburg kommen, die wirklich etwas erfahren und nicht nur Souvenirs kaufen und die Sehenswürdigkeiten abhaken wollen", sagt die Russin.

Über dieses Thema berichtet HEUTE IM OSTEN auch bei MDR AKTUELL: TV | 01.11.2019 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. November 2019, 11:00 Uhr