Streit um Dreharbeiten für "Mission Impossible" Wird Tom Cruise eine polnische Brücke in die Luft sprengen?

In Polen gibt es derzeit (fast) nur noch ein Thema: Darf Tom Cruise eine der malerischsten Eisenbahnbrücken Polens in die Luft sprengen? Das Baudenkmal soll eine "Gastrolle" in der siebenten Folge von "Mission Impossible" spielen und dabei teilweise zerstört werden.

Tom Cruise
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Die alte Eisenbahnbrücke in der niederschlesischen Gemeinde Pilchowice ist 108 Jahre alt, hat zwei Weltkriege überstanden und war beeindruckende Kulisse in zwei polnischen Kinofilmen. Jetzt soll sie wieder eine "Gastrolle" in einem Film bekommen - und zwar in der siebenten Folge von "Mission Impossible" mit Tom Cruise in der Hauptrolle. Diesen Film aber soll sie, wenn es nach dem Drehbuch geht, nicht überstehen. Für eine kurze Szene des Films soll das alte Bauwerk tatsächlich in die Luft gesprengt werden.

Eine Wohltat für Niederschlesien?

Die Warschauer Produktionsfirma Alex Stern, die für den polnischen Teil der Dreharbeiten für "Mission Impossible" zuständig ist, dementierte lange Zeit unverdrossen entsprechende Presseberichte, ebenso die Regierung von Niederschlesien. Vor einigen Tagen aber bestätigten beide das Vorhaben. Die alte Eisenbahnbrücke soll während der Dreharbeiten im April 2021 tatsächlich teilweise gesprengt werden. In einem Interview stellte der Chef der Produktionsfirma in Warschau die Beseitigung des in die Jahre gekommenen Bauwerks als eine Wohltat für die gesamte Region dar: Die amerikanischen Filmemacher würden den Neubau einer Brücke an gleicher Stelle finanzieren und sogar die Revitalisierung der 2016 stillgelegten Eisenbahnstrecke, die zu den malerischsten in Niederschlesien gehörte, großzügig unterstützen.

Eisenbahnbrücke bei Pilchowice in Polen
114 Jahre und zwei Weltkriege hat die Eisenbahnbrücke von Pilchowice überdauert - nun wird sie möglicherweise für eine Spielfilmszene mit Tom Cruise dranglauben müssen. Bildrechte: MDR/Karolina Poniedziałek

Wird die Brücke unter Denkmalschutz gestellt?

Dennoch formierte sich umgehend entschiedener Widerstand in der niederschlesischen Provinz. Als die Pläne der amerikanischen Filmcrew bekannt geworden waren, ersuchte die lokale Denkmalschutzbehörde das Kulturministerium, die historische Eisenbahnbrücke, die 1912 von Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich eingeweiht worden war, unter Denkmalschutz zu stellen. Damit genießt sie laut einem Tweet der obersten Denkmalschützerin Polens, Magdalena Gawin, vorläufigen Schutz und darf nicht gesprengt werden, solange über den Antrag nicht entschieden wurde. Gegner der Brückensprengung starteten zudem eine Online-Petition, die binnen weniger Tage von mehr als 13.000 Menschen unterschrieben wurde.

Blick auf die Staumauer und den Stausee der Anfang des 20. Jahrhunderts errichteten Bobertalsperre im Riesengebirge, aufgenommen im Mai 2001.
Pilchowickie-Stausee mit Staumauer Bildrechte: picture-alliance/ dpa

Tom Cruise und die Zukunftsaussichten von Pilchowice

Auch die Einwohner Pilchowice protestieren gegen die geplante Sprengung ihrer Brücke. "Für mich ist es unvorstellbar, dass die Brücke, die einen hohen emotionalen Wert für uns hat, für eine kurze Szene in einem Spielfilm für immer verschwinden soll", sagt Amelia Żygadło, Dorfbürgermeisterin von Pilchowice. "Wir werden jedenfalls bis zum Schluss um unsere Brücke kämpfen." Argumente, wonach ein Filmdreh mit Tom Cruise der Region erhebliche Zukunftsperspektiven eröffnen würde, lässt die Bürgermeisterin nicht gelten. Im Gegenteil: "Die Brücke in die Luft zu sprengen, würde alle Zukunftsaussichten für den Tourismus in der Region begraben. Ich glaube nicht an das Versprechen, dass die Brücke später wiederaufgebaut wird." Immerhin haben die Berichte über den bevorstehenden Filmdreh und die spektakuläre Brückensprengung mittlerweile Heerscharen von Touristen ins Dorf gelockt, die schnell noch ein Selfie mit dem über Nacht berühmt gewordenen Bauwerk machen wollen. Davor interessierten sich nur noch wenige Polen für die alte Eisenbahnbrücke in Pilchowice.

Ministerium: Brücke nicht automatisch Baudenkmal

Einige Polen allerdings befürworten die Sprengung der Brücke. Ihr Argument: Das Bauwerk befinde sich schließlich in einem desolaten Zustand und für eine Restaurierung sei kein Geld vorhanden. Wenn die Amerikaner die Brücke später wiederaufbauen würden, wäre das doch eine großartige Sache. Auch Polens stellvertretender Kulturminister Pawel Lewandowski stellte sich auf die Seite der Befürworter der Brückensprengung. In einem Interview mit dem Portal "Wirtualna Polska" sagte er: "Ich würde mich nicht auf die Idee fixieren, dass die Brücke ein Baudenkmal ist. Nicht alles, was alt ist, ist gleich ein Denkmal." Außerdem, so der Minister weiter, würden sich die Sprengungspläne nur auf einen Teil der Brücke beziehen.

Tom Cruise möge doch lieber die Brooklyn Bridge sprengen

Die Einwohner von Pilchowice haben unterdessen beschlossen, einen Brief an die amerikanischen Filmproduzenten zu schreiben. Sie wollen sich mit ihnen treffen und sie persönlich darum bitten, ihre Brücke doch gefälligst in Ruhe zu lassen. Andere Gegner der Brückensprengung spotten, Tom Cruise möge doch statt ihrer alten niederschlesischen Eisenbahnbrücke lieber die Brooklyn Bridge in New York in die Luft sprengen und dann wieder aufbauen lassen. Das wäre doch weitaus beeindruckender und darüber hinaus ein weltweit beachtetes Spektakel.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. August 2020 | 12:38 Uhr