Tschechien: Bier- oder Saufnation?

Tschechien gilt als Biernation. Nirgendwo auf der Welt wird mehr Bier getrunken als bei unsern Nachbarn. Viele Tschechen trinken aber regelmäßig einen über den Durst. Eine Aufklärungskampagne versucht nun, dagegenzusteuern. Angeregt wird ein freiwilliger alkoholfreier Monat.

Blechtassen
Die Aktion "trockener Februar" soll Tschechen vom Trinken abhalten - zumindest einen Monat lang. Die Teilnehmer können ein Survival-Kit mit solchen Blechtassen bestellen - für alkoholfreie Getränke. Bildrechte: Suchej Unor

Was gibt es schöneres an einem heißen Sommertag als ein Glas kühles, tschechisches Bier? Für viele Tschechen ist die Antwort ganz eindeutig: Nichts. Und auch ohne sommerliche Hitze sind sie ihrem Nationalgetränk sehr zugeneigt. 141 Liter Bier trinkt ein durchschnittlicher Tscheche im Jahr. Damit sind unsere Nachbarn unangefochten weltweit auf Platz 1 – das hat ihnen den Beinamen Biernation eingebracht.

Trinken die Tschechen zu viel?

Doch was sich in den Werbebroschüren der Tourismusbranche gut macht, hat im realen Leben seine Schattenseiten. Denn viele Tschechen trinken regelmäßig einen über den Durst. Neuesten Erhebungen zufolge konsumiert jeder Tscheche statistisch 14,4 Liter reinen Alkohol jährlich – das Doppelte des weltweiten Durchschnittskonsums. Nur in Moldawien und Litauen wird noch mehr getrunken.

Ein Monat ohne Alkohol

Eine Aufklärungskampagne versucht nun, das zu ändern. Unter der Losung "Tockener Februar" verpflichten sich die Teilnehmer freiwillig, den ganzen Monat lang keinen Tropfen Alkohol zu trinken. Bei der Erstauflage vor acht Jahren waren es nur 100 Männer – 2019 haben sich bereits mehr als 500.000 Menschen angeschlossen.

Trockener Februar
29 Tage lang sollen die Teilnehmer der Aktion "trockener Februar" es ohne Alkohol aushalten. Bildrechte: Suchej Unor

Popstar auf Entzug

Einer der prominentesten Teilnehmer der Aktion vergangenes Jahr war der Sänger und Gitarrist Petr Harazim von der landesweit bekannten Popband Nebe (auf deutsch "Himmel"). Als er sich Mitte April als Alkoholiker outete und die Band alle geplanten Konzerte strich, waren die Fans schockiert. Harazim hatte wenige Wochen zuvor am "trockenen Februar" teilgenommen und durchgehalten – gleich nach Ablauf des Abstinenzmonats aber wieder mit dem Trinken abgehalten und einen mehrtägigen Saufmarathon gestartet.

Eine Nacht im Straßengraben

Erst dadurch ist dem Nachwuchsstar bewusst geworden, wie süchtig er wirklich war. "Ich war ständig verkatert, aber ich sagte mir immer, dass ich das unter Kontrolle habe. Selbst dann, als mich Freunde nach Hause bringen mussten, als ich in einen Fluss fiel, auf Tischen einschlief, im Winter auf dem Balkon, mit einer brennenden Zigarette im Bett oder im Straßengraben", verriet Harazim. Erst nach dem "trockenen Februar" unterzog er sich einer dreimonatigen Entzugskur. Seine Erlebnisse dort verarbeitete er im neuesten Song der Band.

Wer hat wen im Griff?

Genau das wollen die Veranstalter der Aktion erreichen – zum einen die Gesellschaft auf das Problem aufmerksam machen, zum anderen aber jeden einzelnen zum Nachdenken über sein eigenes Trinkverhalten bringen. "Wir haben in Tschechien rund eine Million Menschen jenseits der Risikogrenze. Jeder neue Teilnehmer trägt dazu bei, dass sich weitere Menschen beteiligen und testen, ob sie Alkohol im Griff haben, oder aber Alkohol sie", sagte Mit-Veranstalter Petr Freimann im Tschechischen Fernsehen.

Trockener Februar
Ein digitaler "Alkoholtest" hilft einzuschätzen, ob man seinen Konsum noch im Griff hat. Bildrechte: Suchej Unor

Hohe Kosten des Alkoholkonsums

Eine sinnvolle Aktion, auch unter finanziellen Gesichtspunkten. Denn Schätzungen zufolge trinkt jeder siebte Tscheche so, dass er seine Gesundheit gefährdet. Und das kommt der ganzen Volkswirtschaft teuer zu stehen. Die Kosten, die durch Trunkenheit entstehen – medizinische Behandlung, Fehltage am Arbeitsplatz, Unfälle und Gerichtskosten – werden auf rund 59 Milliarden Kronen jährlich beziffert (umgerechnet rund 2,4 Milliarden Euro). Das entspricht immerhin 1,25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts!

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Heute im Osten | 15. Februar 2020 | 07:15 Uhr