16.06.2019 Abchasien: "Die Rote Riviera" im Dämmerschlaf

Sonnig-mildes Klima, eine lange Küste und die Berge des Kaukasus: Das ist Abchasien. Die Region am Schwarzen Meer bietet alles, was sich Urlauber wünschen. Theoretisch.

Küste entlang des Kaukasus aus der Luft aufgenommen
Abchasien: Urlaubsparadies der Sowjetzeit. Strände, Palmen, Berge. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der UdSSR galt Abchasien, von 1921 bis 1931 Sowjetrepublik und dann von Stalin Georgien zugeschlagen, als mondän und war bei den sowjetischen Touristen ein äußerst begehrtes Urlaubsziel. Die Region bot tolle Strände, Palmen, hübsche Strandpromenaden, Seebrücken und Hotels. Wichtig für den touristischen Erfolg war eine Eisenbahnstrecke entlang der Schwarzmeerküste, die in der Stalinzeit abschnittsweise fertiggestellt wurde. Viel Wert legte man dabei auf die prächtigen Bahnhöfe. Einer der größten befindet sich in der abchasischen Hauptstadt Sochumi.

Verlassener Bahnhof
Der noch immer prachtvolle Bahnhof in der abchasischen Hauptstadt Sochumi. Bildrechte: IMAGO

Das Paradies verfällt

Heute kann man das einstige Flair nur noch erahnen. Denn nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann die "sowjetische Riviera" allmählich zu verfallen. Anfang der 1990er-Jahre führte Abchasien einen blutigen Unabhängigkeitskrieg gegen Georgien. Seine Spuren sind in Sochumi auch heute noch allgegenwärtig. Sochumi lag damals im Mittelpunkt des Kampfgeschehens. Das abchasische Parlamentsgebäude brannte 1993 aus und ist zu einem Symbol dieses Krieges geworden.

Das ehemalige abchsische Parlament
Symbol des Unabhängigkeitskrieges: Das abchasische Parlamentsgebäude Bildrechte: IMAGO

Unabhängiges Land?

Der Bürgerkrieg zog sich über Jahre hin. Erst 2008 erkannte Russland, als erstes Land der Welt, Abchasien als unabhängiges Land an. Vier weitere UN-Mitgliedsstaaten folgten. Deutschland ist nicht darunter. Von einer echten Unabhängigkeit kann ohnehin nicht die Rede sein. Abchasien hängt am russischen Tropf, russische Zuwendungen stellen einen Großteil des "Staats"-Haushalts dar.

Tourismus als Haupteinnahmequelle

Und auch im Tourismus spielt der große Nachbar eine zentrale Rolle. Die meisten der rund 1,5 Millionen Gäste, die sich jedes Jahr in Abchasien erholen, kommen aus Russland. Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Abchasiens.

Frau im Bikini mit zwei Kindern am Strand
Tourismus heute: Die meisten Urlauber kommen aus Russland. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Verfallene Hotels

Mit westlichem Standard kann die "Rote Riviera" nicht aufwarten. Die veraltete Infrastruktur stammt größtenteils noch aus der Sowjetzeit. Das ehemals bekannteste Hotel Sochumis, das "Hotel Abchasia", ist nur noch eine Ruine. Neue Hotels wurden seit dem Sezessionskrieg Anfang der Neunziger nur selten gebaut. Viele Touristen übernachten daher in Privatunterkünften.

Verlassenes Amra-Restaurant auf Stelzen
Zeuge der einstigen Pracht: Ein verlassenes Restaurant auf Stelzen. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Westliche Touristen

In Westeuropa sind die steinigen, aber wunderschön in die Kulisse des Kaukasus passenden Strände des Landes nahezu unbekannt. Und der ungeklärte völkerrechtliche Satus Abchasiens tut ein Übriges. Dass sich die Lage in naher Zukunft grundlegend ändern wird, ist wegen des Konflikts mit Georgien, das die Unabhängigkeit seiner abtrünnigen Provinz nicht anerkennen will, unwahrscheinlich. Und so wird die einstige "Rote Riviera" wohl noch lange in ihrem postsowjetischen Dämmerschlaf verharren.

Kinder spielen am Strand im Hintergrund Hausbootwrack, das aus dem Wasser ragt
Abenteuerspielplatz: Das Wrack eines alten Hausbootes. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

(Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL im TV am 15.06.2018, 17.45 Uhr)

Schwarzmeerküste - Abchasien Die "Rote Riviera"

Stalin, Chruschtschow, Gorbatschow - alle hatten sie hier ihre Villen. Die "Rote Riviera" an der Schwarzmeerküste war eines der beliebtesten Urlaubsziele der Sowjetunion.

Verlassenes Amra-Restaurant auf Stelzen
Die "Rote Riviera", so wurde zu Sowjetzeiten die Küste der Teilrepublik Abchasien am Schwarzen Meer genannt. Bis zum Zerfall des Sowjetreiches gehörte Abchasien zur Sowjetrepublik Georgien und war beliebtes Ausflugziel für Hunderttausende sowjetischer Touristen. Bildrechte: imago/ITAR-TASS
Verlassenes Amra-Restaurant auf Stelzen
Die "Rote Riviera", so wurde zu Sowjetzeiten die Küste der Teilrepublik Abchasien am Schwarzen Meer genannt. Bis zum Zerfall des Sowjetreiches gehörte Abchasien zur Sowjetrepublik Georgien und war beliebtes Ausflugziel für Hunderttausende sowjetischer Touristen. Bildrechte: imago/ITAR-TASS
Blick auf Sochumi
Auch bei den sowjetischen Staatsführern war der Landstrich mit subtropischem Klima zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus sehr beliebt. Gorbatschow, Chruschtschow und auch Stalin besaßen hier Villen. Bildrechte: IMAGO
Ein Schlafzimmer
Stalin hatte sogar mehrere Villen in Abchasien und verbrachte vor allem Ende der 40er- und Anfang der 50er-Jahre bis zu sechs Monate im Jahr in der Region am Schwarzen Meer. Hier sein Schlafzimmer in seinem Haus am Riza-See. Bildrechte: IMAGO
Badezimmer in Ritsa
Stalins Badezimmer in der Villa am Riza-See. Der Diktator soll riesige, leere Bäder gemocht haben. Bildrechte: IMAGO
Ritsa See
Der Riza–See, ein Bergsee im Kaukasus, liegt in einem Naturreservat und ist heute ein beliebtes Ausflugsziel. Bildrechte: IMAGO
Interior eines Restaurants – von Prinzen von Oldenburg aus Norwegen geholt
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann Prinz Alexander von Oldenburg, ein Schwager des russischen Zaren, den abchasischen Küstenort Gagra zu einem mondänen Badeort umzubauen. Er ließ unter anderem Spielcasinos, ein Sanatorium und dieses Restaurant in norwegischem Baustil errichten. Finanziert wurde das Ganze aus der russischen Staatskasse. Bis zur Oktoberrevolution tummelte sich hier die russische High Society. Bildrechte: IMAGO
Verlassener Bahnhof
Ab 1931 gehörte Abchasien zur Sowjetischen Republik Georgien und wurde zu einen sowjetischen Touristenzentrum ausgebaut. Wichtiger Bestandteil war der Ausbau der Eisenbahnstrecke entlang der Schwarzmeerküste, viel Wert wurde auf die prächtigen Bahnhöfe gelegt. Einer der größten befindet sich in der abchasischen Hauptstadt Sochumi. Bildrechte: IMAGO
Das ehemalige abchsische Parlament
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion führte Abchasien einen blutigen Unabhängigkeitskrieg gegen Georgien. Sochumi lag damals im Zentrum des Kampfgeschehens. Das frühere Regierungsgebäude im Zentrum von Sochumi trägt immer noch die Spuren des Krieges. Bildrechte: IMAGO
Küste mit verlassenem Hotel in Sukumi
1999 erklärte sich Abchasien zur unabhängigen Republik Abchasien, wird aber bis heute nur von Russland und einer Handvoll anderer Staaten anerkannt. Die Folgen des Krieges - Abwanderung fast der Hälfte der Bevölkerung und wirtschaftliche Sanktionen der GUS-Staaten - brachten das kleine Land an den Rand des wirtschaftlichen Ruins. Bildrechte: IMAGO
Hotel Abchasia, einst das bekannteste Hotel der Stadt
Die einst prächtige "Riviera des Ostens" zeigt heute vielerorts ein Bild des Verfalls. Auch das ehemals bekannteste Hotel Sochumis, das "Hotel Abchasia", ist nur noch eine Ruine. Bildrechte: IMAGO
Ritsa Hotel
Doch seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Touristen an der "Roten Riviera" wieder zu. Viele russische Touristen, denen die Krim zu teuer oder zu schlecht zu erreichen ist, reisen lieber nach Abchasien. Bildrechte: IMAGO
Badegäste am Strand von Pizunda
2015 kamen 1,5 Millionen Touristen in das Land, das selbst nur rund 240.000 Einwohner hat. Eines der beliebtesten Reiseziele ist der Urlaubsort Pizunda, ein Ort mit Sandstrand und Kiefernwäldern, die bis an die Küste reichen.
(Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in: Windrose | 30.08.2009 | 16:04 Uhr)
Bildrechte: IMAGO
Alle (12) Bilder anzeigen