Blonde Frau und Mann im Anzug schauen in das Innere eines Brennkessels.
Anfassen, gucken, Lust bekommen: so ungefähr funktioniert das Konzept des neuen "Museums des polnischen Wodkas". Bildrechte: MDR/Muzeum Polskiej Wódki

Wie ein Museum den polnischen Wodka bewirbt

Ein neues Museum in Warschau beleuchtet die Geschichte des polnischen Wodkas, der zum Nationalgut des Landes gehört. Doch das Projekt kämpft auch gegen den Trend. Denn der Wodkakonsum in Polen nimmt seit Jahren ab.

Blonde Frau und Mann im Anzug schauen in das Innere eines Brennkessels.
Anfassen, gucken, Lust bekommen: so ungefähr funktioniert das Konzept des neuen "Museums des polnischen Wodkas". Bildrechte: MDR/Muzeum Polskiej Wódki

Natürlich ist der polnische Wodka älter als der russische. Zumindest sehen es die meisten Polen so. Der Kleinkampf mit den slawischen Nachbarländern um die Erstentdeckung diverser kulinarischer Spezialitäten gehört genauso zum polnischen Nationalstolz, wie das "Wässerchen" selbst.

Von der Allround-Medizin zum Rauschmittel

Erstmals urkundlich erwähnt wird der Wodka 1405 in der Woiwodschaft Sandomierz im damaligen Königreich Polen. Bereits im folgenden Jahrhundert beschreibt der Botaniker und Doktor Stefan Falimierz in seinem Herbarium "über Kräuter und ihre Kraft" 72 unterschiedliche Sorten. Diese werden zu ganz unterschiedlichen Zwecken genutzt: etwa zur Wunddesinfektion, Betäubung oder Behandlung von Magenschmerzen.

Bis zum 17. Jahrhundert entwickelt sich der Wodka zunehmend zu dem, was er heute noch ist: ein preiswertes Rauschmittel. Dazu trägt auch seine Herstellungsweise bei. Klassischerweise nur aus Zutaten wie Kartoffeln, Getreide oder Zuckersirup gewonnen, ist der Wodka ein erfolgreiches Exportgut.

Polnischer Wodka wird damals in viele europäische Länder wie England, Dänemark und die die Niederlande exportiert. Genauso wie ins benachbarte Russland, wo die Produktion und der Verkauf damals stark reglementiert sind. Ganz Osteuropa wird zur Wodka-Region.

Modernes Museumskonzept, historische Bezüge

Diese Anfänge dokumentiert auch das neue "Museum des polnischen Wodkas", das nun in Warschau eröffnet wurde. Darin sollen die Besucher die Geschichte des polnischen Nationalgetränks durch eine Mischung aus Multimediainstallationen, Original-Ausstellungsstücken wie Brennkesseln und Wodka-Kostproben nacherleben.

Das Konzept ist erfolgreichen polnischen Museen nachempfunden, die in den vergangenen zehn Jahren eröffnet wurden. Etwa dem preisgekrönten "Museum der polnischen Juden", das sich ebenfalls in Warschau befindet.

Der Ausstellungsort selbst bedient sich der Wodka-Geschichte der Stadt. Denn das Museum befindet sich in der ehemaligen Wodka-Fabrik "Koneser" im Warschauer Stadtteil Praga. Nachdem der jahrzehntelang heruntergekommen und als Drogen- und Verbrechens-Hotspot verschrien war, erlebt der einstige Arbeiterstadtteil seit einigen Jahren eine neue Blütephase als kreativer Hotspot der polnischen Hauptstadt.

Wettsaufen am sächsischen Hof

Der polnische Wodka erlebte seine Blütephase hingegen zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert.  Als besondere Liebhaber des hochprozentigen Getränks tut sich der polnische Kleinadel, die Szlachta, hervor. Da Wasser damals als gesundheitsschädlich gilt, sind Wein, Bier und Schnaps ein anerkanntes Tagesgetränk und werden literweise konsumiert. Jedoch ist der Alkoholgehalt in ihnen auch wesentlich geringer als heute.

Noch heftiger geht es am Hofe August des Starken zu, der Anfang des 18. Jahrhunderts Kurfürst von Sachsen und König von Polen-Litauen zugleich ist. Berichten zufolge kam es dort regelmäßig unter königlicher Aufsicht zum Wettsaufen um Posten, Gehälter und Titel. Auch Todesfälle soll es während dieser Gelage gegeben haben.

Auch während der Teilung Polens im 19. Jahrhundert und bis zum Zweiten Weltkrieg hält der Wodka-Boom an. Rund zweitausend Destillen soll es 1939 in Polen gegeben haben. Während der deutschen Besatzung dient der Schnaps auch als Bestechungsmittel, um sich seltene Waren zu besorgen oder Angehörige freizukaufen.

Hippes Museum als PR-Kampagne

Das "Museum des polnischen Wodkas" weist natürlich pflichtbewusst darauf hin, den Wodka nur im Maßen zu genießen. Für eine Verkostung heimischer Sorten in der angeschlossenen Museumskneipe ist das natürlich kein Hindernis.

Denn das Museum feiert den polnischen Nationaltrunk aus handfesten wirtschaftlichen Gründen. Erdacht und zum Großteil finanziert hat das Konzept der Hersteller-Verband "Vereinigung Polnischer Wodka". Deren Präsident Andrzej Szumowski ist gleichzeitig Vorsitzender der Stiftung des Museums.

Die PR-Offensive hat gute Gründe. Nach Jahrhunderten des Erfolgs befindet sich der Wodka in Polen auf dem absteigenden Ast. Ein letztes Hoch erlebte er zu kommunistischen Zeiten und während des sozial harten Übergangs zur Marktwirtschaft in den frühen 1990er Jahren. Damals trinken viele Polen gegen den Frust und die Zukunftsängste.

Kampf gegen Craftbeer und russische Narrative

Doch inzwischen nimmt der Wodka-Konsum in Polen kontinuierlich ab. Viele Polen bevorzugen heute schlicht leichtere Getränke wie Wein und Bier. Insbesondere die Craftbeer-Szene wächst in den hippen Großstädten rasant. Ein cooleres Image soll dem Wodka dort auf die Sprünge helfen, so die offensichtliche Strategie hinter dem "Museum des polnischen Wodkas".

Denn 2017 produzierte das Land nur noch circa 93 Millionen Liter Wodka. Das waren 4,2 Prozent weniger als im Vorjahr. Auch ein anderer Umstand könnte zur Museums-Idee geführt haben. In Sankt Petersburg existiert bereits ein "Russisches Wodka-Museum", das auch noch behauptet, das russische "Wässerchen" sei älter als das polnische. Das können die polnischen Wodka-Produzenten natürlich nicht auf sich sitzen lassen.


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 22.12.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juni 2018, 17:34 Uhr

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