Litauen Werbung für Alkohol verboten - ausländische Presse wird gefleddert

Seit Anfang des Jahres ist in Litauen, dem Land mit dem größten Alkoholkonsum weltweit, jegliche Werbung für Alkohol verboten. Das führt zu drastischen Maßnahmen beim Verkauf ausländischer Presseerzeugnisse. Diese Medien dürfen nur vertrieben werden, wenn Alkoholwerbung vorher entfernt wurde.

von Vytenė Stašaitytė

Kein Preisnachlass für zensierte Zeitschriften

Zensierte Magazine in Litauen
Lesefrust: herausgerissen Seiten und Hinweise auf das Alkoholkontrollgesetz Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė

8,98 Euro – das ist der Preis, den man momentan in Litauen für eine zerrissene, abgeklebte und mit Markern bearbeitete "Vogue" aus Italien zahlt. Der Käufer erhält keinen Nachlass auf das geschundene Magazin und die Lieferanten haben höhere Kosten, denn sie müssen jedes ausländische Magazin durchblättern und die Alkoholwerbung herausreißen oder unkenntlich machen. Doch die Unternehmen greifen zu diesem Mittel, weil sie Angst vor hohen Geldstrafen haben. Für eine übersehene Alkoholwerbung drohen bis zu 30.000 Euro Strafe.

Alkoholkontrollgesetz verschärft

Litauen ist Weltmeister im Alkoholverbrauch. Aus diesem Grund wurden bereits im Sommer 2017 die Regelungen für den Verkauf und Konsum von alkoholischen Getränken verschärft. Anfang 2018 traten weitere Maßnahmen in Kraft. Nun ist jegliche Werbung für Alkohol verboten. Außerdem darf zum Beispiel Alkohol nur an Personen ab 20 Jahre verkauft werden. Und alkoholische Produkte dürfen nur noch zu bestimmten Zeiten zum Verkauf angeboten werden.

Litauen sagt dem Alkoholmissbrauch den Kampf an

Kunde und Kassiererin in Dorfladen
Litauen hat ein Alkoholproblem. Deswegen hat die Regeirung die Alkohol-Gesetze verschärft. Schon jetzt ist es verboten, in öffentlichen Parks und auf der Straße Alkohol zu trinken. Was nun auf die Litauer zukommt, berichtet unsere Ostbloggerin Vytene Stasaityte. Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė
Kunde und Kassiererin in Dorfladen
Litauen hat ein Alkoholproblem. Deswegen hat die Regeirung die Alkohol-Gesetze verschärft. Schon jetzt ist es verboten, in öffentlichen Parks und auf der Straße Alkohol zu trinken. Was nun auf die Litauer zukommt, berichtet unsere Ostbloggerin Vytene Stasaityte. Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė
Schild _ Alkohol ab 18
In Litauen dürfen Jugendliche ab 2018 erst Alkohol kaufen, wenn sie 20 Jahre alt sind. Noch darf Alkohol auch an 18-Jährige abgegeben werden. Damit müssten auch Hinweisschilder - wie dieses - in den Supermärkten umgeschrieben werden: "Jugendliche, die Milchabteilung ist auf der anderen Seite. Alkohol wird an Jugendliche unter 18 Jahren nicht verkauft." Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė
Dorfladen
Auch der Vorstoß, Alkohol nur noch in speziellen Läden zu verkaufen, kam nicht durch. Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė
Bierflaschen in Dorfladenregal
Den Alkoholkonsum will man auch durch kürzere Verkaufszeiten verringern: Statt zwischen 8 und 22 Uhr, darf ab 2018 Alkohol werktags nur noch zwischen 10 und 20 Uhr und sonntags nur bis 15 Uhr verkauft werden. Den illegalen Verkauf von selbstgebranntem Schnaps wird das allerdings nicht verhindern. Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė
Dorfladen
Ursprüglich sollten Alkohol-Läden auch dazu verpflichtet werden, Überwachungskameras zu installieren und die Aufnahmen ein halbes Jahr lang zu speichern. Dieser Vorschlag fand jedoch keine parlamentarische Mehrheit. Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė
Biergarten
Auch die Idee, Bars im Umkreis von 200 Metern von Bildungseinrichtungen zu verbieten, fand keine Mehrheit. Davon wären in der Altstadt etliche Bars und Restaurants betroffen gewesen. Allerdings darf Alkohol ab 2020 nur noch im Umkreis von 40 Metern von Restaurants, Cafés und Bars verkauft werden. Bei Sportevents ist der Ausschank von Alkohl künftig verboten. Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė
Protest Bio-Birkensaft
Der Protest gegen die geplanten Änderungen war groß. Selbst Hersteller von nicht-alkoholischen Getränken stellten sich hinter Bars und Restaurants: die Solidarität eines Produzenten von Bio-Birkensaft ging so weit, dass er sein Getränk mit kleinen Kärtchen und dem folgenden Hinweis versah: "Wir unterstützen die litauische Barkultur, die Cafés draußen und die Festivals." Auch musikalisch schlug sich der Unmut vieler Litauer nieder. So gab es in einigen Großstädten Protestkonzerte gegen die Beschränkung von Alkohol auf Kulturveranstaltungen, Stadtfesten und Festivals.
(Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im TV | 05.05.2017, 17:45 Uhr)
Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė
Alle (7) Bilder anzeigen
Bierflaschen in Dorfladenregal
In Litauen werden stricktere Gesetze für den Konsum von Alkohol diskutiert. Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė

Shitstorm in den Sozialen Medien

Die Leser ausländischer Magazine sind unzufrieden und in den Social-Media-Kanälen gibt es seit Wochen einen Shitstorm gegen Lieferanten und die Politiker, deren Entscheidung zu solchen Maßnahmen zwingen.

Facebook-Seite von Aushra Blaas mit drei Schnapsflaschen
Unmutsäußerung: Aušra Blaas nimmt Schnapsflaschen als Titelbild bei Facebook Bildrechte: Aushra Blaas/Facebook

Auch meine Freundin Aušra Blaas in Wien ist von der Entwicklung in der Heimat genervt und ironisiert sie mit einem Bild von Alkoholflaschen auf ihrem Profil. "Das Foto dient als Protestzeichnen gegen Alkohol- samt Alkoholwerbung-Verbot in Litauen. Selbst wenn Alkoholismus eine schwerwiegende Krankheit ist, dennoch ist's ein brutaler Weg, aus den Zeitschriften die Werbung mit Alkohol herauszureißen (das wird gerade gemacht). Vor allem, wenn man den tatsächlich Kranken keine Alternativen und keine Heilungsmöglichkeiten bietet. Geschweige denn, dass die illegale Alkoholproduktion steigt", schreibt sie empört.

Stimmen aus der Politik

Geschwärzte Vogue-Passagen
Eine andere Zensur-Variante: Werbung für Alkohol wird geschwärzt Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė

Auch Staatspräsidentin Dalia Grybauskaitė kritisierte inzwischen die Situation, obwohl sie selbst das neue strenge Gesetz im Sommer unterschrieben hatte: "Diese Tatsache ist eine Schande, sie erinnert an das Mittelalter und schadet unserem Ruf international sehr."

Regierungschef Saulius Skvernelis, der die besonders eifrig gegen Alkoholismus im Land kämpfende mitregierende Partei, den "Bund der Bauern und Grünen", repräsentiert, sagte, dass die Lieferanten zu absurden Mitteln greifen würden und das Gesetz vernünftig interpretiert werden sollte.

Medienbranche: Markt zu klein für extra Ausgaben

Ein Kiosk in Litauen
Zeitungskiosk in Litauen Bildrechte: MDR/Vytenė Stašaitytė

Vigintas Bartaševičius, der Geschäftsführer von "Press Express", dem größten Lieferanten ausländischer Magazine in Litauen, ist seit paar Wochen ständig in den Medien präsent und erklärt, dass sein Unternehmen keine andere Wahl habe und keine hohen Strafen riskieren möchte. Die Herausgeber seien nicht bereit, für so einen kleinen Markt wie in Litauen eine extra Ausgabe ohne Alkoholwerbung zu drucken. Von "National Geographic" würden zum Beispiel nur ca. 500 Exemplare importiert.

Parlament: Gesetz noch einmal diskutieren?

Die Lieferanten richten den Zeigefinger auf das Parlament, das das Alkoholkontrollgesetz im vergangenen Sommer verabschiedet hat. Die Opposition hat bereits vorgeschlagen, dass Gesetz gemeinsam zu überarbeiten. Bis dahin gibt es zumindest eine Übergangslösung zu Gunsten der Lieferanten.

Denn die Behörde für die Kontrolle von Drogen, Alkohol und Tabak hat entschieden, dass es vorerst keine Strafen geben wird, solange das Parlament noch nicht über die Änderung des Alkoholkontrollgesetzes entschieden hat. Im Februar und März werden Leser ausländischer Zeitungen also weiter Bier, Wein und Schnaps zu Gesicht bekommen.


Über dieses Thema berichtete HEUTE IM OSTEN auch im TV: MDR Aktuell | 22.12.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2018, 12:19 Uhr

Ein Angebot von

Zurück zur Startseite