Warum Litauer ihre Toten besonders ehren

Zu Allerheiligen und Allerseelen trifft sich ganz Litauen auf dem Friedhof. Die Tradition hat im Land einen besonderen Stellenwert. Ganze Familien reisen an diesen Tagen zu ihren Verstorbenen.

von Vytenė Stašaitytė

Friedhof
Zu Allerheiligen und Allerseelen pilgern Litauer traditionell in Scharen zu den Friedhöfen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Gräber werden dann zu einem Meer aus Blumen und Kerzen. Auf den Autobahnen und Landstraßen stauen sich die Autos, weil fast jeder Litauer die Pflicht und den Wunsch verspürt, seine verstorbenen Verwandten und Bekannten zu besuchen - oder das Grab von beliebten Sängern, Schauspielern und Schriftstellern.

Für manche geht es auch einfach um einen romantischen Spaziergang im Kerzenlicht. Die Szenerie ist schwer zu beschreiben, wenn man sie nie selbst erlebt hat. Besonders am Abend ist das ein wundervolles Bild und es herrscht eine außergewöhnlich friedliche Stimmung.

Heidnische Tradition und neue Trends

Die Ethnologen erklären, dass die Verbindung zu den Verstorbenen tief in der litauischen Kultur verankert ist und aus heidnischen Zeiten stammt. Bereits im Mittelalter war es üblich, zu den Feiertagen Feuer an den Gräbern zu machen und sogar Essen dorthin zu bringen.

Seit dem 19. Jahrhundert wurden diese Gaben an die Verstorbenen in Form von Blumen zelebriert. Statt großen Feuern zündet man nun Kerzen an. Denn die Flamme symbolisiert die Seele, die neben uns schwebt und soll auch eine Art Wegweiser für die Seele sein.  

Tradition von geringer Halbwertzeit   

Kreuze und Grabstein auf einem Friedhof
Ein üppig bewachsenes Grab auf einem litauischen Friedhof. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

An diesen Tagen bepflanzen Litauer die Gräber am liebsten mit weißen Chrysanthemen, weil diese Blumen den ersten Frost am besten überstehen. Da Minustemperaturen keine Seltenheit im November sind, haben die Blumen trotzdem nur eine kurze Halbwertzeit. Aber man tut gerne was Schönes für die geliebten Verstorbenen.

Seit einigen Jahren haben sich auch neue Trends entwickelt. Die Floristen verkaufen Kränzchen und Sträuße mit getrockneten Blüten, damit das Grab länger geschmückt bleibt. Es gibt auch nicht wenige Leute, Geschmacksbanausen, die lieber Plastikblumen statt frischen Blumen kaufen.  

Fragwürdiger Kerzenboom im Oktober

Die Kerzen spielen eine wichtige Rolle. Da das Novemberwetter für die üblichen Kerzen oft zu unfreundlich ist, kauft man Kerzen in Glas- oder Plastik-Töpfchen. Schon ein paar Wochen vorher bieten die Supermärkte eine große Auswahl an: von kleinen Kerzchen bis zu supergroßen Töpfen, die mehrere Tage brennen sollen.

Statistiken zeigen, dass an diesen Tagen die 2,8 Millionen Litauer circa zwei Millionen Grabkerzen kaufen. Umweltschützer finden das wahnsinnig und bedauern, dass vielen die Verstorbenen teilweise wichtiger sind als die Lebenden und die Zukunft unseres Planeten. Denn der Glas- und Plastikabfall wird nicht getrennt, sondern landet oft im Restmüll.

Grablichter in einem Baumarkt
Bereits Wochen vor den Feiertagen werden in litauischen Geschäften Grabkerzen verkauft. Zwei Millionen wechseln jedes Jahr den Besitzer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Grab muss Ordnung herrschen

Allerseelen, das den Verstorbenen gewidmet ist, ist in Litauen wichtiger als der 01. November. Da dieser aber ein offizieller Feiertag ist, machen sich die meisten Litauer an Allerheiligen auf die Reise zu den Gräbern.

Da die meisten Städter aus anderen Regionen stammen, müssen sie oft ein paar hundert Kilometer zu den Gräbern der Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern in die ländlichen Gebiete fahren. Diese langen Reisen legen viele auf den Feiertag, am 02. November besucht man dann Friedhöfe, die in der Nähe liegen.

Es gilt auch eine Art Regel, dass man die wichtigsten Gräber auf keinen Fall unaufgeräumt und ohne Kerzenlicht lässt. Deshalb ist es üblich, schon ein paar Tage vorher auf dem Friedhof zu schuften, das Grab vom Laub zu befreien und zu bepflanzen. So kann keiner lästern, dass die Verstorbenen von den Verwandten vergessen wurden.

Besondere Totenliebe

Das habe ich auch so gemacht: eine Woche vor Allerseelen bin ich in meine Heimatstadt Kaunas gefahren, die 100 Kilometer von der Hauptstadt Vilnius entfernt ist. Dort habe ich dann die Gräber meiner Eltern in Ordnung gebracht.

Meine Schwester besucht sie am 1. November mit ihrer Familie, da ich zu der Zeit nicht in Litauen bin. Danach fahren sie noch auf den Friedhof auf dem Lande, wo unsere Großeltern beerdigt sind. Ein Umweg von ungefähr 70 Kilometer, den sie gerne in Kauf nehmen.  

Wie wichtig die Gräber für die Litauer sind zeigt ein Witz, der das Verhältnis der Frau zu ihrem Mann verschiedener Nationalitäten darstellt: "Die Russin kocht sehr gut für ihren Mann, die Polin ist gut im Bett und die Litauerin kümmert sich sehr gut um sein Grab."

Osteuropa

Kreuze und Grabstein auf einem Friedhof 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 01.11.2017 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2018, 16:36 Uhr

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