Schwarze Frau sitzt sn Budapester Bushaltestelle, an der Anti-Soros-Plakate hängen.
"Lassen wir es nicht zu, dass Soros zuletzt lacht!", so der Slogan, der sich gegen den ungarischstämmigen Geschäftsmann George Soros richtet. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos

Eine Regierungskampagne gegen US-Milliardär Soros erhitzt die Gemüter der Ungarn

Der Feldzug von Ungarns Premier Orban gegen US-Milliardär Soros hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Landesweit warnen antisemitisch anmutende Plakate vor dem vermeintlichen Landesfeind. Beschämend, findet Ostbloggerin Piroska Bakos. Die Plakate tragen den Slogan: "Lassen wir es nicht zu, dass Soros zuletzt lacht!". 17,5 Millionen Euro soll die Kampagne der Regierung gekostet haben.

von Piroska Bakos

Schwarze Frau sitzt sn Budapester Bushaltestelle, an der Anti-Soros-Plakate hängen.
"Lassen wir es nicht zu, dass Soros zuletzt lacht!", so der Slogan, der sich gegen den ungarischstämmigen Geschäftsmann George Soros richtet. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos

An diesem Samstag werden die Soros-Plakate aus den Budapester Straßen und überall aus Ungarn verschwinden – endlich, endlich, und nochmal endlich. Ich habe irgendwie immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich auf diese Reklametafeln schaue, auf das Foto des ungarischstämmigen jüdischen Geschäftsmanns und auf den Slogan daneben: "Lassen wir es nicht zu, dass Soros zuletzt lacht!" Das ist unangenehm, das ist peinlich. Ich befürchte, dass mich jemand fragt: Was soll das? Und warum?  

Jemand hat neulich nachgezählt: 37 Riesenplakate sind auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt zu sehen. Man kann nicht wegsehen, sie sind überall. Ich habe gedacht, die werden da ewig hängen. So wie vergangenes Jahr die Plakate gegen "Migranten", die, so die Botschaft, angeblich unsere Jobs stehlen würden und eigentlich alle Terroristen seien; unabhängig davon, woher sie kommen und warum sie fliehen. Aber nein, diesmal ist etwas dazwischengekommen. Laut offizieller Erklärung der Regierung sei diese sowieso nur bis zum 15. Juli geplant gewesen.

Drei Anti-Soros-Plakate in Budapest
Überall in Budapest hängen die Plakate, die den ungarischstämmigen Geschäftsmann George Soros diskreditieren sollen. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos

"Stinkender Jude" ist vielleicht doch zu peinlich

Möglicherweise gibt es doch andere Gründe dafür, die Kampagne bald zu beenden. Zum Beispiel die kommenden Schwimmweltmeisterschaften. Es wäre wohl nicht besonders elegant, die Sportdelegationen aus aller Welt - vor allem aus Amerika - mit dem lachenden US-Milliardär zu begrüßen, der als der Teufel selbst dargestellt wird. So ähnlich, wie es die Nazis in ihrer Propaganda gegen die Juden gemacht haben. Und so hat vielleicht auch die Empörung von ungarischen und internationalen jüdischen Organisationen eine Rolle dabei gespielt, dass die Plakate schnell wieder verschwinden.

Es wäre für die Regierung doch peinlich, nehme ich an, wenn kommende Woche der israelische Ministerpräsident Netanjahu im Rahmen des geplanten Staatsbesuches zufällig auf den Schriftzug "stinkender Jude" stieße. Den nämlich hat jemand über eines der Soros-Plakate gesprüht. Und es wäre wohl auch peinlich, wenn Netanjahu aus dem Fenster des Hotels sehen würde, wie die Aktivisten der oppositionellen Partei "EGYÜTT" die Plakate während einer Protestaktion fein säuberlich abreißen. 

Együtt-Aktivisten entfernen Anti-Soros-Plakate in Budapest, 12.07.2017.
EGYÜTT-Aktivisten entfernen ein Anti-Soros-Plakate in Budapest. Bildrechte: Együtt

Orbán erschafft sich immer neue Feinde

Ministerpräsident Viktor Orbán braucht immer wieder Feindbilder, um seine angeblich etwas ermüdete Wählerschaft zu mobilisieren und neue Anhänger zu gewinnen. Die Feinde dienen als Bedrohung für die gemeinsame Identität seines politischen Lagers und müssen daher ständig attackiert werden. So ein Feindbild waren sein damaliger politischer Gegner Ferenc Gyurcsány und die frühere sozialistische Regierung. Man konnte damals sagen: "Tja, alles wurde falsch gemacht. Wir versuchen nun zu retten, was nocht zu retten ist."

Aber nach sechs Jahren regieren war es nicht mehr legitim, nach hinten zu zeigen. Es musste ein neuer Feind gefunden werden: Die Flüchtlinge, beziehungsweise die "Migranten", wie man sie in Ungarn nennt. Plakate, "gemeinnützige" Werbespots im Radio und Fensehen, sowie Broschüren im Briefkasten richteten sich gegen sie - abscheulich war das. Danach waren die Central European University (CEU) und Soros dran.

Liberal, reich, Jude - das perfekte Feindbild

Die von Soros repräsentierten Werte einer offenen, toleranten, inklusiven, liberalen, multikulturellen Gesellschaft sind genau das Gegenteil davon, was Orbán in Ungarn aufbauen will. Soros, Gründer der CEU, wurde von der ungarischen Regierung beschuldigt, Nichregierungsorganisationen finanziell zu unterstützen, die eine "Massenmigration" fördern würden. Ihm wurde auch vorgeworfen, dass er damit die ungarische Innenpolitik beeinflussen möchte. Soros sei ein Milliardär, einer von der Wall Street, ein "verdächtiger Ausländer" und noch dazu: Jude. Attribute die die nationalistisch-patriotischen Gefühle der Orbán-Anhänger weiter anheizen.  

Das Schweigen der Anderen

Und was machen die anderen, die nicht Orbán-Fans sind? Ein Teil der Menschen geht demonstrieren, reißt Plakate ab, verbreitet satirische Karikaturen von Soros-Plakaten im Internet und organisiert sich in Kleingemeinschaften. Ein anderer Teil schweigt. Sie wollen nichts mehr von der Politik in Ungarn wissen. Sie haben es satt, ständig auf einem politischen Schlachtfeld sein müssen müssen, wo nach Orbáns Logik alle Feinde sind, die nicht zu seinen Freunden zählen. Es gibt keinen Mittelweg, es gibt keine Differenzierung. Es gilt nur ein Entweder-Oder. Ein Teil dieser ermüdeten Leute geht weg - ins Ausland, meine ich. Aber die meisten bleiben doch und stecken ihre Köpfe in den Sand.

Rückzug ins Private

Sie gehen arbeiten - ganz still. Sie erziehen ihre Kinder - ganz still. Sie versuchen im inneren Kreis der Familie eine Welt zu schaffen, in der alles in Ordnung zu sein scheint. Und so lassen sie die staatliche Propaganda ganz ruhig weiter blühen. Schade und erschreckend, aber wahr: es gibt immer noch Millionen, die sich von Plakaten mit einem Dämon Soros beeinflussen lassen. Millionen, die ohne zu fragen einer Botschaft glauben, die sich für mich ungefähr so liest:

"Liebes Volk,

schau diese Teufelsfigur an! Ihn könnt ihr von nun an hassen und für alles verantwortlich machen, was in eurem Leben und in Ungarn insgesamt nicht funktioniert.

Ihr braucht nicht mehr nachzufragen, warum wir in unserem Land 27 Jahre nach dem Systemwechsel immer noch weit entfernt sind vom Lebensstandard der Österreicher, die wir um ihren so sehr beneiden.

Ihr braucht nicht fragen, warum unsere Ärzte nicht in heimischen Krankenhäusern operieren, sondern für das dreifache Geld in Deutschland oder Großbritannien. Und das mit der dramatischen Folge, dass in Ungarn plötzlich Operationen einfach ausfallen. Oder, dass dann statt Professoren Ausbildungsärzte Behandlungen durchführen müssen.

Ihr braucht euch überhaupt keine Gedanken mehr machen, dass sich eure Kinder vielleicht beim nächsten PISA-Test blamieren werden. Dass es Regionen gibt, in denen ein Kleinkind absolut keine Chance hat, der schwersten Armut zu entfliehen. Es sei denn, eine der von der ungarischen Regierung so sehr attackierte NGO versucht, daran etwas zu ändern.

Nein, all diese Fragen braucht ihr nicht zu stellen. Denn wir haben doch Mister George Soros - einen Ungarn, der sein Volk offensichtlich so verraten hat. So steht es schließlich auf den Plakaten!"

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 04.07.2017 | 17:45 Uhr

(Zuerst veröffentlicht am 14.07.2017)

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2017, 16:17 Uhr

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