Oliver Ivanovic
Oliver Ivanović Bildrechte: IMAGO

Kosovo Attentat auf Oliver Ivanović - Schüsse auf die Vernunft

Die Ermordung des moderaten serbischen Oppositionspolitikers Oliver Ivanović ist ein Rückschlag für die Normalisierung der Beziehungen zwischen Serbien und dem Kosovo und unterstreicht das Gefühl der allgemeinen Unsicherheit in der Region.

von Andrej Ivanji

Oliver Ivanovic
Oliver Ivanović Bildrechte: IMAGO

Wie jeden Morgen ging Oliver Ivanović auch am 16. Januar 2017 ins Büro der von ihm gegründeten "Bürgerlichen Initiative Serbien, Demokratie, Gerechtigkeit in Kosovska Mitrovica. Obwohl im Juni 2017 sein Auto in Brand gesetzt worden war, obwohl er Morddrohungen erhielt und seine politischen Gegner ihn wild attackierten, war er allein, ohne Leibwächter, ohne Polizeischutz. Als er um 8.15 Uhr vor dem Büro ankam, wurde er von Schüssen aus einem vorbeifahrenden Auto getroffen. Er erlag den Verletzungen auf dem Weg ins Krankenhaus. Eine Polizeistreife befand sich zufällig siebzig Meter vom Tatort entfernt, bemerkte jedoch nichts Verdächtiges. Ein Opel Astra ohne Kennzeichen, der offensichtlich für das Attentat verwendet wurde, wurde wenige Stunden später ausgebrannt am Stadtrand gefunden.

Eine Region in Aufruhr

Das Attentat oder die "Exekution", wie es manche Medien nennen, löste helle Aufregung in der Region aus. Es war der erste politisch motivierte Mord nach fünfzehn Jahren. Damals war Serbiens Reformpremier Zoran Djindjić vor dem Regierungsgebäude im Zentrum Belgrads erschossen wurde. Der in Europa größtenteils unbekannte Ivanović hatte nicht das politische Gewicht eines Djindjić. Doch im Kosovo und in Serbien, in denen die Kriegswunden nicht geheilt sind, der Kampf gegen Korruption und das organisierte Verbrechen nicht wirklich vorankommt und sich politische Gewalt als politische Kultur eingebürgert hat, sorgt das politische Attentat für zusätzliche Unruhe. Mittlerweile wurde bekannt: Zwei Staatsanwälte, ein Albaner und ein Serbe, werden die Mord-Untersuchung führen.

Ivanović war ein moderater Politiker

Die Ermordung von Ivanović sei eine "Botschaft", dass man sich nicht politisch einsetzen und unbekümmert sagen könne, was man denkt, ohne das auf einen eine Kugel lauert, erklärte in Belgrad Dragan Šutanovac, der Vorsitzende der oppositionellen Demokratischen Partei. Ivanović galt als ein moderater Politiker, der sich sowohl unter albanischen als auch serbischen Extremisten Feinde gemacht hatte. Er war verheiratet und Vater von vier Söhnen. Auch als Serbien de facto den Kampf um das Kosovo verlor, beschloss Ivanović, mit seiner Familie in seiner Heimat zu bleiben.

Vom Krieg zum Dialog

Die Kosovo-Albaner kämpften in den 1990er-Jahren gegen die serbische Repression und für die eigene Unabhängigkeit. Zuerst verlief der Widerstand friedlich, danach führte die "Kosovo Befreiungsarmee" (UCK) einen Guerillakrieg gegen die serbische Staatsmacht. Erst nach fast dreimonatigen Luftangriffen der NATO, die sich auf die Seite der Albaner stellte, wurde 1999 die serbische Staatsmacht gezwungen, sich aus der südlichen, zu rund 90 Prozent von Albanern bewohnten Provinz zurückzuziehen. Es war der letzte Akt des jugoslawischen Krieges. Das Kosovo wurde von der UN-Mission Unmik verwaltet, später kam die EU-Mission Eulex dazu; für die Sicherheit im Kosovo sorgte und sorgt noch immer die internationale Friedenstruppe Kfor.

Rund 200.000 Serben flüchteten danach nach Zentralserbien, Dutzende serbisch-orthodoxe Kirchen und Klöster wurde nach dem Rückzug serbischer Streitkräfte in Brand gesetzt. Im Februar 2008 rief das Parlament des Kosovo die Unabhängigkeit aus, die Serbien bis heute nicht anerkannt hat. In der serbischen Verfassung ist festgeschrieben, dass Serbien unter gar keinen Umständen die Unabhängigkeit der "Wiege des Serbentums" anerkennen würde.

Gespräche unterbrochen

Unter der Obhut der EU führen Belgrad und Prishtina in Brüssel Gespräche "über die Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen", die nur schleppend vorankommen. Für Serbien ist es eine der wichtigsten Bedingungen für den Fortschritt der Beitrittsverhandlungen mit der EU. Nach längerer Pause wurde der Dialog kürzlich wieder aufgenommen – und gleich wieder unterbrochen: Nach dem Attentat auf Ivanović hat Serbien seine Delegation zurückgezogen.

"Ein terroristischer Akt"

Aleksandar Vucic
Von einem "terroristischen Akt" sprach Aleksandar Vučić Bildrechte: IMAGO

Serbiens Präsident Aleksandar Vučić berief sofort den "Rat für Nationale Sicherheit" ein und wendete sich in einer Ansprache an das Volk. "Es war ein terroristischer Akt", sagte Vučić und fordert von der Eulex und der Unmik, dass serbische Sicherheitsdienste an der Untersuchung aktiv beteiligt werden. Vučić sprach vom Kosovo als "einem Territorium, das Serbien nicht effektiv kontrolliert" und beschuldigte die Regierung in Prishtina, ständig mit den Säbeln zu rasseln. Er warnte davor, die Situation politisch zu missbrauchen. Prishtina warf Belgrad vor, die Gespräche in Brüssel abgebrochen zu haben. Vučić nahm die Gelegenheit wahr, um abermals mit der eigenen Opposition abzurechnen, zu der auch Oliver Ivanović gehörte. Einige serbische Oppositionsparteien schlossen die Möglichkeit nicht aus, dass dem Präsidenten nahestehende Kräfte an dem Attentat beteiligt sein könnten. "Schämt Euch, Ihr kümmerlichen, jämmerlichen Menschen", erwiderte Vučić.

Allein gegen alle

Die Heimatstadt von Oliver Ivanović, Kosovska Mitrovica, ist eine ethnisch geteilte Stadt, der Fluss Ibar trennt den serbischen Norden vom albanischen Süden. Sie ist die größte serbische Enklave im Kosovo, die von aus Belgrad gesteuerten serbischen politischen Parteien hart umkämpft wird.

Ivanović kritisierte oft die Zustände in Mitrovica und im Norden des Kosovo, die manche Medien auch als den "Wilden Westen" bezeichneten. "In den vergangenen Jahren wurden in Mitrovica über fünfzig Autos in Brand gesetzt, Handgranaten aktiviert, wir haben zwei ungelöste Mordfälle. All das auf einem Territorium von zweieinhalb Quadratkilometern, das komplett von Sicherheitskameras gedeckt ist. Offensichtlich hat die Polizei Angst, sich mit den Tätern anzulegen oder die Täter sind verbunden mit den Sicherheitsstrukturen", erklärte Ivanović im Herbst 2017 in einem Interview mit dem serbischen Wochenmagazin "Vreme".

Es scheint, dass Ivanović zwischen verschiedene verbrecherische Organisationen und mit ihnen verbundener politischer Strukturen geraten sei, mutmaßte das Magazin "Vreme".

Bürger von Belgrad stellen Kerzen für Oliver Ivanovic auf.
Bürger von Belgrad stellen Kerzen für Oliver Ivanovic auf Bildrechte: IMAGO

Ivanović selbst sagte wenige Monate vor seinem Tod: "Das Gefühl der Angst beim Volk ist unglaublich." Er habe mit Hunderten Menschen gesprochen und sie alle hätten zuerst die Frage nach der persönlichen Sicherheit gestellt. Sie hätten Angst vor lokalen serbischen Halbstarken und Kriminellen, die in Geländewagen ohne Kennzeichen herumfahren und Drogen an jeder Ecke verkauften.

In ganz Serbien zünden Bürger Kerzen für Ivanovic an, der im Kosovo als eine der wenigen Stimmen der Vernunft galt, und wollen damit zum Ausdruck bringen: "Wir sind die Mehrheit!"

Über dieses Thema berichtet MDR im TV auch in "Aktuell": MDR | 11.06.2017 | 22.45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2018, 08:15 Uhr

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