Polens Bauern haben eine neue Leitfigur

Polnische Bauern machen seit einiger Zeit gegen die Importe landwirtschaftlicher Produkte aus dem Ausland, nicht zuletzt aus Deutschland, mobil. Hinter den Protesten steht ein junger Landwirt mit starkem Hang zum Nationalismus. Der 31-jährige Michal Kolodziejczak gewinnt von Protestaktion zu Protestaktion immer mehr Anhänger. Auf der Kundgebung am 6. Februar in Warschau hat sich Ostbloggerin Monika Sieradzka unter die Menge gemischt.

Demonstranten tragen Fahnen
"Gelbwesten" in Warschau. Am 6. Februar demonstrieren rund 1.000 Landwirte gegen Importe aus dem Ausland. Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka

"Grüß Gott" höre ich, als Michal Kolodziejczak die Bühne vor Hunderten Protestierenden direkt gegenüber dem Präsidentenpalast in Warschau erklimmt. "Grüß Gott" hört man in Polen eher bei religiösen Veranstaltungen. Doch beim Kampf um die wirtschaftlichen Interessen der Bauern will der charismatische 31-Jährige zeigen, dass ihm auch Werte wie Christentum und Patriotismus wichtig sind.

Patriotisch und antideutsch

Michal Kolodziejczak Polen Anführer Bauernproteste
Michal Kolodziejczak, 31 Jahre und selbst Landwirt, organisierte schon mehrere Bauerndemos Bildrechte: imago/Eastnews

"Mützen runter!", kommandiert Kolodziejczak denn auch weiter und lässt aus den Lautsprechern ein altes polnisches Lied erklingen, das vor 100 Jahren als Manifest gegen die Unterdrückung des Polentums durch Preußen entstand. "Wir lassen uns nicht vom Feinde quälen", "der Deutsche wird uns nicht ins Gesicht spucken", "wir lassen die Würde Polens nicht erdrücken, so Gott uns helfe", diese und ähnliche Sätze stehen im Lied "Rota". Viele Polen kennen es auch heutzutage, weil es in den Kirchen gesungen wird. Und so singen viele Demonstranten auch auf der Demonstration in Warschau mit. Für sie scheinen die Worte des alten Liedes nichts an Aktualität verloren zu haben.

Ich mische mich unter die Menge und gehe auf zwei Männer zu, deren Transparent meine Aufmerksamkeit erregt hat. "Stoppt die deutsche Vorherrschaft in Europa" steht darauf. Die beiden haben wie alle anderen neonfarbene Westen zum Zeichen ihres Protestes übergezogen. "Sind Sie von einem deutschen Medium? Dann reden wir gar nicht mit Ihnen", sagt ein Mann, etwa Mitte 30, und dreht mir den Rücken zu. "Sprich, sag den Deutschen, was du denkst", kichern zwei andere Teilnehmer daneben. Aber der Transparentträger will mir nicht erklären, was für ihn ein "deutsches Diktat" ist. 

Transparent
"Stoppt die deutsche Vorherrschaft in Europa" steht auf diesem Plakat. Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka

Landwirt: Muss vom Kindergeld die Schweine ernähren

Doch Jan Dawidowski, ein Landwirt aus Nordpolen, der 50 Meter weiter eine rot-weiße Nationalfahne hochhält, erklärt es gerne:

Wir bekommen heute alles aus Deutschland, nicht nur Lebensmittel, sondern auch landwirtschaftliche Maschinen. Unsere Industrie wurde von Europa lahmgelegt, wir haben nicht einmal mehr eine Traktorenfabrik.

Jan Dawidowski Bauerndemonstration, 06.02.2019, Warschau
Mann trägt Fahne
Jan Dawidowski Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka

Dawidowski bewirtschaftet mehr als 30 Hektar Acker. Er baut Getreide an und verkauft auch 3.500 Schweine pro Jahr. Dawidowski gehört zu den knapp zehn Prozent der Bauern in Polen, die landwirtschaftliche Flächen von mehr als 20 Hektar haben. Meistens haben polnische Bauern nur zwei bis zehn Hektar. Obwohl seine Landwirtschaft also zu den größeren Agrarbetrieben im Land gehöre, gehe es ihm finanziell schlecht, erzählt der 45-Jährige.

Ich habe sieben Kinder und ich kann es mir nicht leisten, mit der ganzen Familie in Urlaub zu fahren. Ja, ich bekomme Kindergeld, den berühmten 500-Plus-Zuschuss, aber davon muss ich meine Schweine ernähren.

Jan Dawidowski Bauerndemonstration, 06.02.2019, Warschau

Der Grund dafür seien niedrige Preise, die die Bauern für ihre Produkte bekämen. "Ein Kilo Schweinefleisch, das später im Laden 20 Zloty (knapp 5 Euro) kostet, wird mir für 3,5 Zloty (0,8 Euro) abgekauft", ärgert sich der Landwirt. Er erklärt es mit dem "Preisdiktat" der großen internationalen Konzerne und dem Import, der die einheimischen Produkte "töte".

Den Statistiken zufolge hat er in manchen Punkten durchaus Recht. Zum Beispiel stammt das in den Läden angebotene Schweinefleisch oft bis zur Hälfte aus dem Ausland. Dabei hat Polen nach Deutschland und Frankreich den drittgrößten Landwirtschaftssektor in der Europäischen Union.

Misstrauen gegen Regierung

Der Platz vor dem Präsidentenpalast in Warschau füllt sich. Am Ende werden es rund 1.000 demonstrierende Bauern sein. Von der Bühne ertönt nun die aufgewühlte Stimme von Michal Kolodziejczak. "Wir werden von der Regierung belogen, wir werden in diesem Lande von allen ausgenutzt. Wir wurden zur Wahlmaschine reduziert." Er klagt, dass große Handelsketten wie etwa Lidl und Kaufland kleine Geschäfte mit einheimischen Produkten von guter Qualität verdrängt hätten. Er würde eine Regelung begrüßen, nach der mindestens die Hälfte der Waren in den Läden aus Polen kommen müsste.

Wer ist Michal Kolodziejczak?

Kolodziejczak hat in den vergangenen Monaten schon mehrere Bauernproteste organisiert. Auch heute stellt er sein Talent als Redner unter Beweis. Zudem ist Kolodziejczak geschickt im Umgang mit Facebook. Über Social-Media-Kanäle gewinnt er immer neue Anhänger. Auffällig ist, dass man von seinem Facebook-Profil schnell auf Internetseiten mit teils radikalen nationalistischen Inhalten kommt.

Kolodziejczak kommt aus einer Bauernfamilie und betont mit viel Stolz, dass er im Alter von 18 Jahren aufs Studium verzichtet hat, um Landwirt zu werden. Jetzt baut er auf 13 Hektar in Zentralpolen Kartoffeln und Chinakohl an. Er hat auch schon eine kurze Karriere als Lokalpolitiker der PiS hingelegt, als er von 2014 bis 2018 im Gemeinderat seiner Stadt Blaszki saß.

Gegen das Establishment

Kein Wunder, dass viele Polen in Kolodziejczak einen aufsteigenden Polit-Star sehen, doch er selbst will keine Partei gründen. Er hat den Verein "Getreide- und Kartoffelunion" gegründet, den er als "Initiative von unten" definiert und mit dessen Hilfe er die polnischen Landwirte einen will. Die Bauern, die auf seinen Aufruf hin Straßen blockieren und eine "Belagerung" von Warschau planen, bilden auch keine Gewerkschaft.

Die etablierten Bauerngewerkschaften, die zum Teil ähnliche Probleme wie Kolodziejczak artikulieren, distanzieren sich von ihm und haben sich gerade mit der Regierung auf Verhandlungen geeinigt. Das scheint aber dem populären Einzelgänger keine Kopfschmerzen zu bereiten. Die Zahl seiner Anhänger steigt von Protest zu Protest und er plant weitere Demonstrationen.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Heute im Osten - Reportage: Bauernland in Polenhand | 08.10.2016 | 18:00 Uhr

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